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Lochkarte und Spezialschlüssel : So funktionierte Deutschlands erster Geldautomat

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Fürs Geldabheben am Automaten brauchte man 1968 noch eine Lochkarte. Bild: dpa

Bankkunden haben sich daran gewöhnt, an jeder Straßenecke Bargeld aus Automaten ziehen zu können. Doch so lange gibt es die Technik noch gar nicht. In Deutschland begann der Siegeszug des Geldautomaten in einer schwäbischen Universitätsstadt.

          Der Einstieg ins Computerzeitalter war mühsam: Spezialschlüssel, Plastikausweis, Lochkarte - wer an Deutschlands erstem Geldautomaten im Zentrum von Tübingen Geld abheben wollte, brauchte eine Menge Zubehör und etwas Geduld.

          Am 27. Mai 1968 nahm die dortige Kreissparkasse das Monstrum von Maschine in Betrieb - mit gebotener Vorsicht: Höchstens 1000 eigens registrierten Kunden wurde der Zugang zu dem mit einer dicken Metalltür gesicherten „Geldausgabe“-Schacht in der Außenwand der Bank gewährt.

          Zehn Lochkarten bekamen diese Kunden auf Vorrat, für jede Karte spuckte der Automat einen Hundertmarkschein aus. Auf einen Rutsch konnten höchstens 400 D-Mark abgehoben werden. Nutzen durfte die neue Technik nur, wen die Bank für flüssig hielt. Schließlich sollte das Konto auch bei Abhebung der 1000 Mark nicht ins Minus rutschen, erinnert sich Hartmut Krumm (71), damals Mitarbeiter der Kreissparkasse.

          Was mit Schokoriegeln funktioniert, geht auch mit Bargeld

          Immerhin waren Bankkunden nun nicht mehr auf Schalter-Öffnungszeiten angewiesen, um an Bargeld zu kommen. Die Tresorbaufirma Ostertag aus Aalen, die den Tübinger „Geld-Ausgabe-Automaten“ gemeinsam mit AEG-Telefunken gebaut hatte, bewarb in einer Broschüre dessen Vorzüge: „Er verhindert, daß berufstätige Kunden aus Zeitmangel größere Beträge auf Vorrat abheben müssen.“

          Dass er beim Geldabheben auf die Öffnungszeiten seiner Bank angewiesen war, war ein paar Jahre zuvor dem Schotten John Shepherd-Barron (1925-2010) zum Verhängnis geworden. An einem Samstag im Frühjahr 1965 ging ihm das Bargeld aus, weil er wenige Minuten zu spät an der Bankfiliale ankam und vor verschlossenen Türen stand.

          Deutsche Geldautomaten-Pioniere: Werner Staiger (links) und Hartmut Krumm vor der Tübinger Kreissparkasse

          In der Badewanne - so schilderte er es 2007 dem Sender BBC - kam Shepherd-Barron ins Grübeln: Warum gibt es eigentlich Automaten, aus denen man Schokoriegel ziehen kann, aber kein Gerät, das Bargeld herausgibt? Kurzerhand erdachte der Manager einer Firma, die auch Banknoten druckte, einen Automaten, der Schecks prüfen und entwerten konnte und im Gegenzug Bargeld ausspuckte.

          Er stellte seine Idee der Großbank Barclays vor - und die griff sofort zu. Der Schotte entwickelte sechs ATM-Bankautomaten (Automated Teller Machine), den ersten davon nahm Barclays am 27. Juni 1967 in der Filiale in Enfield nördlich von London in Betrieb. Mehr als zehn Pfund gab der Automat auf einmal nicht heraus. „Aber das reichte damals für ein wildes Wochenende“, sagte Erfinder Shepherd-Barron.

          „Zeit war noch nicht reif“

          Schon zuvor hatte es erfolglose Versuche mit Bankautomaten in anderen Ländern gegeben. Und auch nach Shepherd-Barrons wegweisender Erfindung dauerte es Jahre, ehe Geldautomaten die Massen überzeugten.

          Viele Tübinger blieben zunächst skeptisch. Zwar zog die Kreissparkasse nach zehn Monaten eine positive Zwischenbilanz. Die Sicherheitskontrollen erschienen zuverlässig, anfängliche technische Störungen seien behoben, und es sei immer der richtige Geldbetrag ausgezahlt worden, hieß es in einem Erfahrungsbericht. Doch gerade mal 125 Kunden hatten sich bis dato für die Automatennutzung angemeldet.

          „Die Zeit war einfach nicht reif für diese Idee“, sagt Werner Staiger (74), früherer Chef von Hartmut Krumm für Technik und Organisation bei der Kreissparkasse Tübingen. Doch auch wenn die Kunden nicht Schlange standen, Aufsehen erregte der Automat doch. „Das war in der Bundesrepublik Deutschland interessant für alle: Die Banker sind in Strömen zu uns gekommen, um sich das anzusehen“, erinnert sich Staiger. „Technisch waren wir immer vorne mit dabei.“

          Anfang der 1980er Jahre wurden in Tübingen Automaten installiert, die verschiedene Stückelungen auszahlen konnten. Der Durchbruch der Geldautomaten in Deutschland kam dann, als die Automaten wie schon in Spanien und Schweden im Foyer sowie im Außenbereich der Banken installiert wurden und damit rund um die Uhr nutzbar waren.

          Heute verlieren die Automaten an Bedeutung

          Im Grunde sei der Geldautomat die „einzige nützliche Innovation“, die die Finanzbranche über Jahrzehnte zustande gebracht habe, befand 2009 - kurz nach der Finanzkrise - der Ex-Chef der amerikanischen Notenbank Fed, Paul Volcker. Zwar wird das Netz löchriger, doch noch können Verbraucher allein in Deutschland an gut 58.000 Geldautomaten (Stand Ende 2017) rund um die Uhr in Sekundenschnelle Bargeld ziehen.

          Die Automaten verlieren jedoch an Bedeutung, weil der Online-Handel blüht und zudem immer mehr Geschäfte das Geldabheben an der Ladenkasse ermöglichen. Auch Anschläge auf Geldautomaten treiben die Kosten für Kreditinstitute in die Höhe. Die deutsche Kreditwirtschaft geht daher davon aus, dass die Zahl der Geldautomaten in den kommenden Jahren weiterhin leicht rückläufig sein wird.

          Deutschlands erster Geldautomat in Tübingen verschwand wenige Jahre nach seiner Inbetriebnahme bei einem Umbau wieder, wie Zeitzeuge Krumm schildert. Er habe die Maschine ohnehin nicht genutzt, erinnert sich der Rentner: „Als Bankkaufmann brauchte man das nicht“ - schließlich sei er täglich zu den Öffnungszeiten in der Bank gewesen.

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