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Die Deutschen und der Urlaub : Last Minute ist nicht mehr

Für Badeferien am Mittelmeer ist die klassische Pauschalreise populär. Bild: dpa

Sommer, Sonne, Urlaub: Viel Erholung für wenig Geld – das wünschen sich die meisten Reisenden. Doch auf der Suche nach dem perfekten Schnäppchen kommen sie mitunter auf sehr seltsame Sparideen.

          „Volltreffer", „unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis" oder „Nirgendwo-günstiger-Garantie" - mit Versprechen, Reisenden den größten Urlaub zum kleinsten Preis zu liefern, überschlagen sich Ferienportale im Internet regelrecht. Doch die Antwort auf die Frage, wo Urlauber schöne Ferien zum Niedrigtarif bekommen, ist länger als so manche knappe Marketingformel. Es kommt darauf an, wohin die Reise führt.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für Badeferien am Mittelmeer ist die klassische Pauschalreise populär, für Städtetouren suchen Einkaufsbegeisterte und Kulturinteressierte eher auf eigene Faust ihre Herberge. Um Ferienhäuser, Sportreisen und Gesundheitsferien kümmern sich online wie offline spezialisierte Anbieter. Der Reisemarkt ist komplex - wohl auch deshalb halten sich viele Sparmythen so hartnäckig.

          Buchungen im Internet seien günstiger als im Reisebüro, lautet der wohl größte Mythos. Doch für Pauschalreisen ist das falsch. In Deutschland ist rechtlich geregelt, dass eine bestimmte Reise überall das Gleiche kostet. Reisekonzerne wie TUI, Thomas Cook und FTI fungieren als Handelsherren, die den Preis frei setzen dürfen, aber allen Vermittlungspartnern, den sogenannten Handelsvertretern, die gleichen Konditionen einräumen müssen.

          Für Belustigung unter Fachleuten sorgt der Mythos, dass Badeferien besonders günstig werden, wenn sie weder im Reisebüro noch auf einem Portal gebucht werden, sondern an einem Last-Minute-Schalter am Flughafen. Manche Erholungsuchende fahren viele Kilometer, um an den Theken mit handgeschriebenen Offerten zu schauen. Doch auch die Stände im Terminal sind nichts anderes als Reisebüros, die auf dieselben Buchungssysteme zugreifen, bloß anders aussehen.

          Reisekonzerne machen aus fast Gleichem Unterschiedliches

          Gleiche Preise, sozialistische Urlaubsverhältnisse? So einfach ist es doch nicht. Der gleiche Preis gilt nur für die identische Reise. Und Reisekonzerne haben viele Möglichkeiten gefunden, aus fast Gleichem Unterschiedliches zu machen. Wer am selben Tag für dieselbe Dauer in dasselbe Hotel reist, kann dennoch Verschiedenes gebucht haben - Hinflug mit Eurowings oder Condor, Anreise mittags oder abends, Zimmer mit frontalem oder seitlichem Meerblick. Buchungssysteme schlagen Tag für Tag mehr als 100 Millionen Datensätze um, jeder steht für ein in Details unterschiedenes Reiseangebot. Gebucht werden hierzulande lediglich 44 Millionen Pauschalreisen im Jahr. Das Finden des besten Preises ist also nicht immer leicht.

          Umstritten ist, ob es günstiger ist, auf Pauschalpakete mit Flug und Hotel zu verzichten und Einzelleistungen separat zu buchen. Mythos oder Wahrheit? Vergleichstests führten zu unterschiedlichen Ergebnissen. Sie zeigten Unterschiede von mehreren hundert Euro für einen Familienurlaub - mal war das Pauschalpaket günstiger, mal die Summe der Einzelbuchungen. Kunden bleibt nur, selbst zu recherchieren. Und sich nicht dadurch täuschen zu lassen, dass sie einen Ryanair-Flug für 19 Euro ergattern, für Unterkunft und Essen vor Ort aber mehr ausgeben.

          Der Mythos der Last-Minute-Kunden

          Grundsätzlich gilt, dass Ziele mit hohem Pauschalreiseanteil - dazu zählen weite Teile des Mittelmeerraums von den spanischen Inseln über Griechenland bis zur türkischen Küste - im Paket günstiger sind. Denn Reisekonzerne sichern sich vorab in Flugzeugen und Hotels Kontingente mit Mengenrabatt. Allerdings können Nachfrageschwankungen in der Saison vor allem Flugpreise so stark steigen oder fallen lassen, dass dieser Vorteil schwindet.

          Dann besser kurzfristig buchen? Nicht totzukriegen ist der Mythos, dass Last-Minute-Kunden die größten Sparfüchse seien. Er stammt aus der Frühphase des Pauschalreisegeschäfts, als Reisekonzerne ganze Flugzeuge und Hoteltrakte reservierten. Restplätze wurden verramscht - über die Last-Minute-Schalter. Doch längst kaufen die Konzerne vorab nur einen Teil der für eine Saison benötigten Plätze ein, ordern bei Bedarf nach oder reichen überschüssige Kapazitäten an Konkurrenten weiter. Von der klassischen Resteverwertung mit Last-Minute-Reißern ist wenig geblieben.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Ein letzter Mythos geht davon aus, dass Hotelportale wegen der großen gezeigten Auswahl vor allem Städtereisende stets zur günstigsten Buchung leiten. Schließlich werben Booking.com und andere damit, Hunderttausende Unterkünfte zu kennen. Doch die Ära, in der die Portale Hoteliers zwingen konnten, ihre Räume nirgendwo sonst günstiger anzubieten, ist vorbei.

          Das Kartellamt schritt gegen die Bestpreisklauseln in Verträgen von Portalen mit Hotels ein. Daher lohnt der Kontakt direkt zu Herbergen, die Zimmer oft auf der eigenen Internetseite günstiger anbieten, schließlich müssen sie dann keinem vermittelnden Portal eine Provision zahlen. Einen schnellen Überblick über Preise, die Unterkünfte und Portale verlangen, liefern auch sogenannte Metasuchmaschinen wie Trivago und Kayak. Kein Mythos ist, dass es sich lohnt, vor der Buchung zu vergleichen. Die Shopping-Plattform Mydealz will herausgefunden haben, dass von 100 geprüften internationalen Hotels 61 Herbergen auf Portalen teurer waren.

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          Quelle: F.A.Z. Woche

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