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Fischzucht : Die neue Massentierhaltung im Wasser

Massentierhaltung: In dieser Aquakultur werden Goldbrassen gezüchtet. Bild: mauritius images

Der Fisch, den wir essen, kommt bald überwiegend aus Fischfarmen. Lachse und Doraden werden gemästet wie Schweine. Guten Appetit.

          In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten passiert es: Dann wird die Mehrheit der Fische und Meeresfrüchte, die die Weltbevölkerung tagtäglich konsumiert, nicht mehr aus Wildfängen stammen, sondern aus Aquakulturen. Als Produkte einer Tierhaltung, die weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit zu einer großen Industrie gediehen ist. Aquakultur heißt, die Fische werden in Teichen, Zuchtbecken, Netzgehegen oder Meereskäfigen gemästet, statt in der wilden See groß zu werden.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Domestizierung des Lebensraumes Wasser schreitet seit einigen Jahren unaufhaltsam voran. Lachse, Karpfen, Pangasius, Muscheln oder Garnelen aus der Wassertierhaltung füllen längst die Kühlregale von Supermärkten und Gaststätten. Die freie Wildbahn haben sie nie erlebt.

          Kein Lebensmittelsektor hat zuletzt eine derartige Entwicklung genommen wie die Fischzucht - attestiert die Weltbank -, mit jährlichen Wachstumsraten von acht Prozent. Vor 30 Jahren noch kamen gerade sechs Prozent des konsumierten Fischs weltweit von Fischfarmen. Man kannte in Deutschland vereinzelte Karpfenteiche und Forellenhöfe: Aufzuchtanlagen für Süßwasserfische, die klassische Teichwirtschaft. Heute kommen knapp 50 Prozent der Fische aus Aquakulturen. Und längst werden dort überwiegend Meeresfische und Meeresfrüchte gezüchtet und gemästet.

          Aquakultur im Meer Bilderstrecke
          Fischfarmen : Die neue Massentierhaltung im Wasser

          Der Anteil der Tiere aus sogenannten Aquakulturen am konsumierten Fisch steigt ungebremst weiter auf 60 bis 80 Prozent in den nächsten 20 Jahren. Der Wildfang dagegen stagniert seit Dekaden aus naheliegenden Gründen. Drei Viertel der Fischgründe sind entweder schon überfischt - es werden mehr Tiere gefangen als nachwachsen und zuwandern - oder sie sind an der Grenze zur Überfischung. Die Umweltorganisation WWF empfiehlt den Verzicht auf Aal, Seeteufel, Wolfsbarsch und Nordseekabeljau, befürwortet dafür aber den Genuss von Karpfen und Wels aus europäischer Zucht.

          Der Pangasius hat die Kantinen erobert

          Die Auswirkungen der Fischfarmen für den Speiseplan der Mitteleuropäer ist bemerkenswert. Der Lachs illustriert das besonders gut. Früher war er eine rare, teure Delikatesse, serviert zu festlichen Anlässen. Heute hat jeder deutsche Lebensmitteldiscounter in Plastikfolien verpackten Räucherlachs im Regal und nicht selten eine Variante des Speisefischs in der Kühltruhe.

          Aquakulturen vor allem in Norwegen, Schottland, Chile und vielen anderen Ländern tragen zur Vervielfachung der Produktion des Lachses bei. Wurden 1990 rund 200.000 Tonnen Atlantischer Lachs erzeugt, waren es im vorigen Jahr weltweit rund 1,7 Millionen Tonnen, gibt der norwegische Marktführer Marine Harvest an. Das ist rund doppelt so viel wie der wild gefangene Lachs. Mit dem wachsenden Angebot kamen die Preise unter Druck, von sieben Dollar je Pfund im Jahr 1990 runter auf bis zu zwei Dollar.

          Der Edelfisch wird zur Alltagsmahlzeit wie ein Kalbsschnitzel, prognostizierte der amerikanische Management-Guru Peter Drucker. Er sah in Aquakulturen eine größere Investitions-Chance als in der Internetwirtschaft und prophezeite zutreffend, dass die Profanisierung bald eine Reihe von Fischen ergreifen werde.

          Längst hat ein asiatischer Fisch die Kantinen und Supermärkte erobert, der treuen alten Lesern von Brehms Tierleben unbekannt war: Der Pangasius, ein asiatischer Fisch, fettarm, genügsam, schnell wachsend. Die Tiere, die in Europa konsumiert werden, stammen fast ausschließlich aus asiatischen Fischfarmen. Einen ähnlichen Weg nimmt der Tilapia, eigentlich ein Buntbarsch aus Afrika. Doch was hier verzehrt wird, kommt in neun von zehn Fällen aus chinesischen Aquakulturen.

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