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Aktualisiert: 09.05.2015, 20:03 Uhr

Ohne Münzen und Scheine Ein Schlag gegen das Bargeld

Tankstellen, Restaurants und kleine Läden müssen in Dänemark bald kein Bargeld mehr annehmen. Doch das ist nicht die einzige Idee der Regierung.

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© Reuters Auslaufmodell? In einer Banknoten-Druckerei in Kopenhagen entstehen Kronen-Scheine.

In Deutschland ist das Bargeld nach wie vor ein sehr beliebtes Zahlungsmittel. Rund 80 Prozent aller Geschäfte werden immer noch mit Banknoten und Münzen abgewickelt. Nicht nur Vertreter der Deutschen Bundesbank lieben es, den russischen Dichter Fjodor Dostojewski (1821 bis 1881) zu zitieren, der einmal schrieb: „Geld ist geprägte Freiheit.“

Gerald Braunberger Folgen:

In Skandinavien wird Bargeld öffentlich weniger als geprägte Freiheit gepriesen, sondern im Zahlungsverkehr eher als eine altmodische Erscheinung wahr genommen. Als im Jahre 2013 in Schweden ein Räuber eine Bank überfiel, musste er unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil in der Filiale keinerlei Bargeld mehr vorhanden war. Die Notenbank Dänemarks hat bereits angekündigt, dass sie von Ende 2016 an mangels Nachfrage keine neuen Banknoten mehr drucken will. Sollte es danach noch einen Bedarf an neuen Noten geben, solle ein externer Dienstleister den Druck übernehmen.

Für Banknoten und Münzen existiert in Dänemark bisher noch ein gesetzlicher Annahmezwang. Doch nun soll auch dieser wenigstens zum Teil aufgehoben werden. Inmitten eines Regierungsprogramms zur Belebung der Konjunktur findet sich der Vorschlag, Tankstellen, Restaurants und kleine Läden (mit der Ausnahme von Geschäften für Nahrungsmittel) vom kommenden Jahr an vom Zwang zu befreien, Bargeld anzunehmen. Dass eine Mehrheit im dänischen Parlament diesem Vorschlag ohne langes Zögern zustimmen wird, gilt in Kopenhagen als sicher.

Die Begründung der Regierung ist völlig unsentimental. Die Nutzung des Bargeldes bürde den dänischen Unternehmen unnötige Kosten auf, sagt Finanzminister Bjarne Corydon. Der Präsident der dänischen Handelskammer, Henrik Hytolft, begrüßt die Absicht der Regierung. „Die Gesellschaft hat sich verändert“, bemerkt Hytolft. „Außerdem ist der Gebrauch von Bargeld aus Sicherheitsgründen sehr teuer.“

Nur noch ein Viertel aller Zahlungen passiert mit Bargeld

Als Pionier auf dem Wege zur bargeldlosen Gesellschaft gilt Schweden, aber Dänemark steht dem Nachbarn kaum nach. Wurden im Jahre 1990 noch 80 Prozent aller Zahlungen im Einzelhandel mit Bargeld oder Scheck abgewickelt, waren es im vergangenen Jahr nur noch rund ein Viertel. In Dänemark besitzt nahezu jeder Erwachsene eine Bankkarte; auch nimmt das Zahlen per Smartphone sehr stark zu. Wer als Ausländer in einem Café mit Bargeld zahlen will, muss damit rechnen, verwundert angesehen zu werden.

Von der geplanten Abschaffung des Annahmezwangs werden nicht alle Geschäfte und sonstigen Wirtschaftseinheiten betroffen sein. Ausgenommen sind unter anderem große Supermärkte, Krankenhäuser und Pflegeheime, Nahrungsmittelgeschäfte sowie Ärzte und Apotheker.

Bemerkenswert ist, dass der von der Notenbank ausgewiesene Bargeldumlauf auch in Dänemark immer noch steigt, obgleich Bargeld als Zahlungsmittel seltener verwendet wird. Vermutlich als Folge der unsicheren wirtschaftlichen Lage und der Furcht vor Negativzinsen dürften erhebliche Summen gehortet werden. Ein aktueller Zins von nahe Null für Bankguthaben reduziert die Opportunitätskosten der Bargeldhaltung.

Geldtransporteur-Streik in Berlin simuliert bargeldlose Zukunft

In der jüngeren Vergangenheit haben sich mehrere bekannte Ökonomen wie der Amerikaner Kenneth Rogoff für eine Abschaffung zumindest von Banknoten mit hohen Nennwerten ausgesprochen. Dies würde nach seiner Ansicht nicht nur die Geschäfte vieler Verbrecher erschweren, sondern auch eine Geldpolitik mit negativen Zinsen auf Guthaben bei Banken und Sparkassen erleichtern. Mit dem Kampf gegen den Terror hat die französische Regierung kürzlich strengere Kontrollen des Bargeldverkehrs angekündigt. So soll ab Herbst die Obergrenze für Barzahlungen von 3000 auf 1000 Euro gesenkt werden.

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Eine unfreiwillige Gewöhnung an ein Leben ohne Bargeld müssen derzeit Menschen in Berlin und Brandenburg machen. Hierfür ist allerdings nicht die Regierung verantwortlich, sondern ein unbefristeter Streik beim Geldtransport-Unternehmen Prosegur. Unter dem Streik leidet die Befüllung der Geldautomaten von 18 Banken. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi hielten zuletzt 50 der 350 Mitarbeiter von Prosegur einen Notdienst aufrecht. Eine Ende des Bargeldzeitalters in Deutschland steht noch nicht bevor.

Quelle: F.A.Z.

 

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