http://www.faz.net/-hbv-87b5t

Trend : Shopping-Berater aus dem Netz

  • Aktualisiert am

Perfekt gestylt - dank dem Einkaufskurator Bild: dpa

Im Kampf um den Kunden galt individuelle Beratung lange als Domäne des stationären Textilhandels. Doch inzwischen locken auch immer mehr Online-Händler mit persönlicher Stilberatung. Zielgruppe sind vor allem Männer.

          Es ist ein Luxus, den sich lange vor allem Prominente oder vielbeschäftigte Manager gönnten - jetzt kann sich fast jeder eine individuelle Stilberatung leisten. Mithilfe von Algorithmen und Stilberatern können sich Online-Käufer Hosen, Hemden und Schuhe aussuchen lassen, die ihren persönlichen Stil treffen sollen. Waren es zunächst kleine Startups, die in diesem Service eine Nische fanden, springen nun zunehmend auch große Online-Händler auf den Zug auf. Mit der Fachberatung im Netz stößt der E-Commerce in die Domäne des stationären Handels vor. Experten sehen aber auch für die traditionellen Händler Chancen.

          Curated Shopping nennt sich das Ganze, und der Trend kommt wie so viele aus den Vereinigten Staaten. Ähnlich wie der Kurator einer Kunstausstellung trifft auch hier ein Experte eine Auswahl. In der Praxis funktioniert das folgendermaßen: Man füllt online einen Fragebogen aus, der Vorlieben und Stil ermittelt, daran schließt sich nach Wunsch noch ein Telefonat an, in dem weitere Fragen geklärt werden, und wenige Tage später bekommt man ein Paket mit mehreren Outfits nach Hause geschickt. Was gefällt, behält und bezahlt man, der Rest geht wieder zurück. Der Service ist in der Regel kostenfrei, die Margen entsprechen denen im Einzelhandel.

          Alten Service neu erfunden

          Für Professor Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein handelt es sich um ein altbewährtes Konzept in neuem Gewand. „Früher hat es der Fachhandel übernommen, für den Kunden das passende Outfit individuell zu empfehlen“, sagt Heinemann. Das Internet erfinde diesen Begriff nun neu und profitiere dabei von seinen Kundendaten. „Das ist ein Riesenvorteil. Der Verkäufer beispielsweise in einem Kaufhaus, kennt den Kunden, der vor ihm steht, im Grunde nicht wirklich.“

          Hauptzielgruppe sind Männer. Denn die, so glaubt man beim deutschen Curated-Shopping-Pionier Modomoto aus Berlin, sind besonders gestresst und hilflos, wenn es ums Klamotten kaufen geht. Gründerin Corinna Powalla kam die Idee für ihr Unternehmen denn auch passend beim Einkaufen für ihren Freund, der Shopping am liebsten mied.

          Mehr Aufwand für mehr Zufriedenheit

          Inzwischen hat Modomoto eigenen Angaben zufolge rund 200 Mitarbeiter und berät über 200.000 Kunden. Das Unternehmen wagte vor kurzem den Schritt ins Ausland. Auch Konkurrent Outfittery schielt schon längst nicht mehr nur auf deutsche Männer, sondern tummelt sich zudem in der Schweiz, in Österreich, den Benelux-Ländern, sowie Schweden und Dänemark. Expandieren kann das Startup auch dank finanzkräftiger Investoren im Hintergrund.

          Doch auch etablierte Online-Händler ergänzen ihr Geschäftsmodell inzwischen mit Shoppingberatung. Zalando hat beispielsweise seit Mai dieses Jahres mit Zalon einen eigenen Curated-Shopping-Service.

          Nach Auskunft von Zalon-Chef Ivo Scherkamp hat Zalon inzwischen mehrere Tausend Kunden, Männer wie Frauen. „Natürlich ist es ein Mehraufwand, einen solchen kostenlosen Service bereitzustellen“, sagt Scherkamp. „Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, in die Kundenzufriedenheit zu investieren: Ist der Kunde zufrieden, kommt er zum einen wieder, kauft aber zum anderen auch häufiger und mehr ein.“

          Noch wenig verbreitet

          Kundenbindung und die Chance auf einen praller gefüllten Warenkorb sind laut Eva Stüber, Leiterin Research & Consulting beim E-Commerce-Center (ECC) Köln, auch der große Nutzen, den Händler aus einer solchen Dienstleistung ziehen können. Allerdings müssten die Vorteile wie Zeitersparnis und die Chance auf modische Veränderung den Kunden zunächst einmal vermittelt werden. Das ECC Köln hat in einer Umfrage unter 1300 Online-Shoppern herausgefunden, dass bislang nur knapp vier Prozent der Befragten Curated Shopping schon einmal genutzt haben.

          Curated Shopping ist grundsätzlich in allen Bereichen des Handels denkbar. Vergangenes Jahr startete beispielsweise mit Roomhero ein Curated-Shopping-Anbieter für Möbel und Inneneinrichtungen. Auch Angebote für Schmuck gibt es bereits.

          Der stationäre Handel muss bei diesem Trend nicht zwangsläufig außen vor sein, findet Gerrit Heinemann - zumindest wenn er es nicht verpasst, seine Beratungsexpertise auch ins Netz zu übertragen. Online beraten und im Laden abholen ist aus seiner Sicht eine große Chance für die stationären Händler. Der Bekleidungsspezialist Peek & Cloppenburg Düsseldorf hat bereits einen Schritt in diese Richtung getan und bietet mit seiner Stilbox genau dies an. Seit dem Start Ende März 2015 steige die Zahl der Bestellungen stetig an, heißt es von P&C. Die Düsseldorfer überlegen nun, ob sie das Angebot auch auf Frauen ausweiten.

          Quelle: dpa

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Schmetterlinge sollen leben: Protest einer europäischen Bürgerinitiative gegen Glyphosat.

          Streit um Herbizid : Glyphosat, angezählt

          Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.
          So kennt man ihn: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, rauchend.

          Houellebecq und der Islam : Religion ist nicht zu zertrümmern

          Welche umstürzende Kraft der Schriftsteller Michel Houellebecq der Religion und dem Islam zutraut, wissen wir seit dem Roman „Unterwerfung“. Jetzt äußert er sich nochmals dazu – und bringt den Katholizismus als Staatsreligion ins Gespräch.

          Anders als Katalonien : Italiens Norden will mehr Autonomie

          Die Krise in Katalonien wirft ihre Schatten: Auch in Italien stehen heute in zwei der wirtschaftsstärksten Regionen Referenden über mehr Autonomie an. Doch dort gibt es einen wichtigen Unterschied.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.