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Alternative Zahlungsmittel : Bargeld lacht immer weniger

Immer mehr Deutsche zücken die Karte – und seltener den Geldbeutel mit den Münzen und Scheinen. Bild: dpa

Mit Bargeld wird immer seltener bezahlt. Cap Gemini und BNP Paribas haben nun eine Studie vorgelegt, in der das weltweite Zahlverhalten analysiert wurde. Wie hat sich Deutschland entwickelt?

          Bargeld bleibt die Norm, verliert aber an Bedeutung. Die am Montag gemeinsam von der französischen Beratungsgesellschaft Cap Gemini und der Bank BNP Paribas vorgelegte Studie zum bargeldlosen Bezahlen zeigt, wie die Alternativen zum Bargeld, allen voran die Zahlungen mit Kredit- oder Girokarte, in der ganzen Welt immer wichtiger werden. Vor allem in den schnell wachsenden Schwellenländern gewinnen alternative Zahlungsmethoden deutlich an Gewicht. Die Autoren der Studie erwarten in den Jahren zwischen 2015 und 2020 ein Wachstum bargeldloser Zahlungen um durchschnittlich 10,9 Prozent auf dann fast 726 Milliarden Transaktionen. In den Schwellenländern fällt es mit 19,6 Prozent mehr als drei Mal so hoch aus wie in den Industrieländern, wo Cap Gemini und BNP Paribas eine Zunahme von 5,6 Prozent erwarten.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Autoren der Studie nennen keinen Wert für die Transaktionen, die mit Bargeld beglichen werden. Allerdings gehen sie davon aus, dass vor allem die Transaktionen mit einem niedrigen Wert weiterhin mit Bargeld bezahlt werden. Diese Einschätzung bestätigen die Statistiken des Handelsforschungsinstituts EHI, wonach im vergangenen Jahr im deutschen Einzelhandel zwar fast 78 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld beglichen wurden. Nimmt man aber den Umsatz als Referenzwert, fällt der Anteil von Bargeld auf nur noch 51 Prozent. Nach einer Analyse des Forschungsinstituts Euromonitor haben die bargeldlosen Zahlmethoden im vergangenen Jahr in der Welt einen höheren Umsatz mit 28 Billionen Dollar erzielt. Bargeld kam auf rund 22 Billionen Dollar. Diese Summen sind Schätzungen für Konsumausgaben.

          Eine jährliche Wachstumsrate von 6,5 Prozent

          Den Eindruck, dass die Deutschen eher zurückhaltend Alternativen zum Bargeld einsetzen, widerlegt die Studie von Cap Gemini und BNP Paribas. Vielmehr fällt das Wachstum in Deutschland im Jahr 2015 überdurchschnittlich aus. Demnach stiegen die bargeldlosen Zahlungen hierzulande um 8,8 Prozent auf 19,6 Milliarden Transaktionen. In den Industrieländern belief sich die Zunahme auf 6,8 Prozent. Dass in Deutschland der Anstieg höher ausfällt, kann auch an einem Nachholbedarf liegen. In den Vereinigten Staaten und in Großbritannien ist das Zahlen mit Karte, vor allem mit der Kreditkarte, viel weiter verbreitet und erstreckt sich auch auf die sogenannten „niederwertigen Transaktionen“.

          Während der Deutsche am Imbiss in der Regel bar bezahlt, wird in den Vereinigten Staaten öfters die Kreditkarte gezückt. Nach einer Untersuchung der Bundesbank aus dem Jahr 2014 werden in Deutschland Rechnungen von bis zu 50 Euro meistens bar bezahlt. Liegen die Beträge darüber, werden Giro-und Kreditkarte häufiger eingesetzt. Das elektronische Lastschriftverfahren, also die Zahlung mit einer Girokarte zuzüglich einer Unterschrift, ist das in Deutschland am meisten genutzte bargeldlose Zahlungsverfahren. Sein Anteil daran belief sich der Studie zufolge im Jahr 2015 mit fast 10 Milliarden Transaktionen auf 51 Prozent.

          Bild: F.A.Z.

          Cap Gemini und BNP Paribas gehen davon aus, dass bargeldlose Bezahlmethoden auch in Zukunft ihre Bedeutung ausbauen werden. Als Faktoren, die diese Entwicklung vorantreiben, nennt die Studie unter anderem vernetzte Häuser, Mobilität, Unterhaltungsmedien oder neue Zahlungskanäle, die zum Beispiel kontaktlos oder sogar in der Kleidung integriert sein können.

          Das Wachstum bargeldloser Zahlmethoden beschränkt sich nicht nur auf den Einzelhandel und die Verbraucher. Diese Methoden gewinnen in Transaktionen zwischen Unternehmen und Behörden ebenfalls zunehmend an Bedeutung. Hier sagen Cap Gemini und BNP Paribas bis zum Jahr 2020 eine jährliche Wachstumsrate von 6,5 Prozent auf dann mehr als 122 Milliarden Transaktionen voraus. Die zunehmende Digitalisierung der Zahlungen zwischen Unternehmen beeinflusse regionale Trends, heißt es in der Studie. In weit entwickelten Ländern Asiens, darunter Japan oder Südkorea und auch in Australien nutzten kleine und mittelständische Unternehmen digitale Rechnungen, virtuelle Karten, sowie ein Finanz- und Rechnungswesen, das auf der Internet-Datenwolke (Cloud) beruht.

          Neue Chancen für die Banken

          Tiefgreifende Änderungen im Zahlungsverkehr erwarten die Autoren der Studie durch die Dynamik neuer aufsichtsrechtlicher Vorgaben. Dazu zählen Cap Gemini und BNP Paribas vor allem die neue EU-Richtlinie für Zahlungsdienste (PSD2). Sie wird im kommenden Jahr in Kraft treten, um vor allem den Wettbewerb im Zahlungsverkehr zu verbessern.

          Zusammen mit dem wachenden Einfluss junger Unternehmen aus der Finanztechnologie (Fintechs), steigenden Unternehmens- und Kundenerwartungen an Mehrwertdienste sowie neuen Zahlungstechnologien zeichnet sich für Cap Gemini und BNP Paribas ein neues „Zahlungs-Ökosystem“ ab. Für die Banken sieht Markus Nenninger, der das Thema Zahlungsverkehr für Cap Gemini in Deutschland verantwortet, die Gelegenheit, ihre Angebote in Zusammenarbeit mit Fintechs und Drittanbietern zu verbessern. Innovative Technologie und damit verbundene Branchenvorteile wie offene Schnittstellen (API), Echtzeitüberweisungen, Blockchain und regulatorische Standardisierung böten die große Chance, in einem kompetitiven Umfeld, Umsätze zu steigern.

          Quelle: F.A.Z.

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