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Geschichte der Aktienmärkte : Börse, Geld und der Wandel der Welt

Amerikanische Unternehmen machen 50 Prozent der börsennotierten Firmen aus. Eine wirtschaftliche Supermacht war Amerika jedoch nicht immer. Bild: dpa

Die Börsengeschichte ist ein großes Spektakel. Es geht um strahlende Sieger, längst vergessene Verlierer und die Frage aller Fragen: Wie wird man reich?

          Aus Sicht eines modernen Menschen muss man sich die Welt zum Ende des 19. Jahrhunderts als einen ungewöhnlichen Ort vorstellen. Damals besaß so gut wie niemand ein Auto, niemand hatte ein Telefon. Es gab keine Handys, keine Computer, keine E-Mails, auch kein Radio und schon gar kein Fernsehen. Niemand hatte je in einem Flugzeug gesessen, und niemand war je im Kino gewesen. Die Menschen starben früh, denn viele Medikamente harrten noch ihrer Entdeckung: Antibiotika beispielsweise gab es nicht.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was es aber damals schon gab, waren jene Orte, an denen bis heute das Geld eingesammelt wird, das die Erfindungen der Moderne oft erst möglich machen sollte – die Börsen. Der erste dieser besonderen Handelsplätze, an denen sich jedermann mit seinem Geld am Wohl und Wehe einer Firma beteiligen kann, war bereits Anfang des 17. Jahrhunderts in Amsterdam entstanden. 1698 wurde dann die Londoner Börse gegründet, und erst im Jahr 1792 schuf man in Amerika die heute wichtigste Börse der Welt – die New York Stock Exchange.

          Forscher untersuchen Geschichte der Aktienmärkte

          Bis sie diesen Titel errang, verging allerdings viel mehr Zeit als gemeinhin angenommen. Noch im Jahr 1900 überstrahlte die Londoner Börse die New Yorker Börse bei weitem: Die in Großbritannien notierten Firmen kamen auf einen deutlich höheren Börsenwert als amerikanische Unternehmen.

          Solch spannende Details zur Börsengeschichte finden sich in einer Studie, die jüngst die Credit Suisse vorgestellt hat. In deren Auftrag haben die Wissenschaftler Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton von der London Business School die Geschichte der Aktienmärkte der Welt untersucht. Für 23 Länder (darunter auch Deutschland) haben die Forscher bis zurück ins Jahr 1900 beeindruckende Daten zur Entwicklung der Börsen von damals bis heute zusammengetragen. Ihre Analyse gibt Auskunft über das Entstehen und Vergehen ganzer Industrien, über Gewinner und Verlierer des wirtschaftlichen Fortschritts. Und sie hält auch die Antwort auf jene Frage bereit, die sich die Anleger bis heute stellen: Wo gibt es die höchsten Renditen?

          Dass Weltgeschichte und Börsengeschichte aufs Engste verwoben sind, zeigt schon ein Vergleich. Im Jahr 1900 kamen amerikanische Firmen, gemessen am Wert aller börsennotierten Firmen, weltweit auf einen Anteil von 15 Prozent. Heute im Jahr 2017 erreichen amerikanische Unternehmen dagegen einen Anteil von mehr als 50 Prozent. Anders gesagt: Der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur wirtschaftlichen Supermacht lässt sich an den Börsenkursen ablesen.

          Noch spannender aber ist zu sehen, wer seitdem zurückgefallen ist. Es sind in erster Linie die britischen Firmen, die im Jahr 1900 mit einem Anteil von 25 Prozent am Weltaktienkapital noch alle anderen Länder dominierten. Heute ist ihr Anteil auf gerade einmal sechs Prozent geschrumpft. Einen vergleichbaren Rückfall mussten ansonsten nur zwei weitere Länder verkraften – das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn. Beide zählten zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den führenden Weltmächten, was sich auch in der Bedeutung ihrer Börsen widerspiegelte.

          Österreichs Rolle schrumpft, Japan steigt auf

          Die Deutschen waren damals nach Amerika und Großbritannien die drittgrößte Börsennation, deutsche Firmen konnten 13 Prozent des weltweiten Aktienkapitals auf sich vereinen. Unternehmen aus Österreich-Ungarn kamen immerhin noch auf einen Wert von rund fünf Prozent. Dass die Welt seitdem eine völlig andere geworden ist, zeigt der Blick ins Jahr 2017. Österreich spielt an den internationalen Börsen keine Rolle mehr, auch Deutschlands Anteil ist auf gerade einmal drei Prozent geschrumpft. Stattdessen ist Japan in den Klub der wichtigsten Börsennationen aufgestiegen. Mehr als acht Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung entfallen auf das asiatische Land.

          Bild: F.A.S.

          Allerdings ist längst nicht jedes Unternehmen börsennotiert. Im Jahr 1900 war eine große Zahl von Firmen in Familienbesitz: Standard Oil, die wichtigste Ölgesellschaft jener Zeit, wurde unter Führung der Rockefellers von wenigen Familien kontrolliert. Aus der Credit-Suisse-Untersuchung darum den Schluss zu ziehen, dass die gemessenen Börsengewichte exakt die ökonomischen Machtverhältnisse auf der Welt widerspiegeln, wäre nicht richtig. Aber als Näherungswert taugen die Daten allemal.

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