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Finanzplanung für jedermann (9) Der Wandel des Lebensstils ist mühsam

04.01.2012 ·  Plötzlich fand sich Sandra Söller in einer misslichen Lage wieder: alleinerziehend, mit zwei Kindern und einer Teilzeitstelle. Mit einem eisernen Sparplan kann sie trotzdem ihre größten Risiken absichern.

Von Philipp Krohn
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Wenn Sandra Söller mit ihrer Familie am Wochenende aus der Stadt ins Hamburger Umland fuhr, ging kurz vor dem Grabkeweg immer das Geläster los. "Da vorn wohnen die Assis", machte sich Jörn, ihr zehnjähriger Sohn, lustig. Über die Spiele mit seinem Fußballverein kannte er einige Jugendliche aus der Hochhaussiedlung, die mit Baseball-Kappe und Bomberjacke herumlaufen. Auch wenn Söller mit ihrem Mann ab und an nach dem Besuch in ihrem Lieblingslokal einen Verdauungsspaziergang durch die Gegend machte, ärgerten sie sich regelmäßig über Hartz-IV-Empfänger, die vor einer Dönerbude ihr Dosenbier in sich hineinschütteten.

Das alles ist gerade mal ein Jahr her. Dann erfuhr Söller von der Affäre ihres Mannes mit einer jungen Praktikantin, zog Hals über Kopf zunächst zu ihrer Mutter und ließ ihm die Doppelhaushälfte im beschaulichen Marienthal. Doch Jörn und Marco sollten weiter in ihren Schulklassen bleiben. Und so landete Söller auf einmal mit ihren beiden Kindern ausgerechnet am Grabkeweg. Die 85 Quadratmeter zu dritt waren für 600 Euro Kaltmiete zu haben, und der Schulweg ist mit drei Kilometern noch gerade passabel. Also nahm sie die wenig inspirierende Umgebung in Kauf.

Lebenswandel wider Willen

Auch über Armut denkt Söller inzwischen etwas anders. Mit ihren 900 Euro Gehalt als Teilzeitkraft in einem Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt käme sie allein nicht zurecht. Nach langen Auseinandersetzungen hat sich ihr Mann bereiterklärt, mehr als die 544 Euro Mindestunterhalt im Monat zu zahlen. Damit ist sie aber lange nicht mehr so weit vom Hartz-IV-Regelsatz entfernt wie in ihrem bisherigen Leben.

Zwar stimmt Söller immer noch dem früheren Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin zu, dass Einkommensschwache auch mal einen Pulli überziehen können, wenn es in der Wohnung kalt ist. Aber diese Haltung auch in die Tat umzusetzen fiel ihr nicht leicht. Immerhin war sie es gewohnt, im Bioladen für die Familie einzukaufen. Als Expertin für Jugendklamotten besorgte sie für die Söhne immer nur Markenartikel. Sie ging gern essen und in Konzerte.

Strategie: Hilfe zulassen

Nach der Trennung versuchte sie erst einmal, den Lebensstil aufrechtzuerhalten. Der Fehltritt ihres Mannes sollte ja nicht auch noch ihre Lebensqualität zerstören. Nach einem halben Jahr merkte sie, dass es so nicht weitergehen könnte und akzeptierte, dass sie jetzt das war, was sie niemals erwartet hätte: eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern in einer Plattenbauwohnung und viel weniger Geld als zuvor. Nachdem sie sich mit einer Freundin aus alten Zeiten auf eine Flasche Rotwein getroffen hatte, war sie motiviert, es ihrem Mann zu zeigen. "Soll der doch in seinem Haus versauern", rief sie ihrer Freundin angeheitert zu. Für sie stand fest, dass sie weiterhin ausgehen und den Kindern einmal im Jahr eine schöne Reise ermöglichen würde. Und um den Stress als Alleinerziehende zu bewältigen, wollte sie auf keinen Fall auf ihren geliebten Mini verzichten.

Als ersten Schritt ihrer neuen Strategie sah Söller es, dass sie Hilfe zuließ. Zunächst suchte sie die Beratung des Verbands für alleinerziehende Mütter und Väter im nahegelegenen Stadtteil Hamm. Dort erfuhr sie, wie viel Anspruch auf Unterhalt sie hätte. "Das ist für Alleinerziehende das Erste, worum sie sich kümmern müssen", sagt Miriam Hoheisel, Bundesgeschäftsführerin des Verbands. Für ihre beiden Söhne weist die Düsseldorfer Tabelle jeweils 364 Euro Mindestunterhalt aus, zieht man das halbe Kindergeld ab, das ihrem Mann zusteht, kommt sie auf 544 Euro.

In den ersten Wochen drohte sie ihrem Mann damit, beim Jugendamt einen Unterhaltsvorschuss zu beantragen, den er später zurückzahlen müsste. Durch die Drohung berappelte er sich, setzte sich mit seiner Frau zusammen und willigte schließlich in eine großzügige Unterhaltszahlung ein. So hat Söller inzwischen immerhin zusätzlich 1200 Euro monatlich zur Verfügung.

„Sparen leicht gemacht“

Im zweiten Schritt wandte sie sich an die Caritas, die zu diesem Zeitpunkt seit rund einem Jahr kostenlose Energieberatungen in einkommensschwachen Haushalten angeboten hat. Durch die Tipps hat Söller jeweils 10 Euro monatlich für Strom und Heizkosten eingespart. "Einmal essen gehen", sagte sie zufrieden zu ihrer Freundin.

An Altersvorsorge- oder ähnliche Finanzprodukte dachte Söller zunächst einmal nicht, denn immer noch lag sie mit ihren Ausgaben zu weit über ihren Einnahmen. Von einem Freund, der regelmäßig Fernsehtalkshows sieht, erfuhr sie von zwei interessanten Buchautoren. Uwe Glinka und Kurt Meier aus der Lüneburger Heide, die in einer dieser Gesprächsrunden als Sparexperten vorgestellt wurden. Immerhin haben die beiden neben ihrem Ratgeber "Sparen leicht gemacht" und der vielfach nachgefragten Broschüre "Günstig und ausgewogen ernähren" bislang auch schon fünf Kochbücher auf den Markt gebracht.

"Fertiggerichte sind nicht billig. Ohne Selberkochen funktioniert es nicht", sagt Meier. "Und man muss mit der Saison gehen: Zum Beispiel sind im Winter alle Kohlsorten günstig - sogar auf dem Markt." Drei Fertigpizzen für Söller und ihre zwei Söhne, so rechnet er vor, kosten schon 10 Euro. "Bereitet man selbst ein Blech vor, geht das schon für 5 Euro - und jeder belegt seine eigene Ecke."

Strategie: Sparen durch Versicherungsoptimierung

Zwar war Söller zunächst traurig, dass sie nicht mehr in ihren geliebten Biomarkt gehen konnte. Aber auf das gemeinsame Essenkochen mit Jörn und Marco freute sie sich. Und auch einen zweiten Ratschlag Meiers beherzigte sie. "Ich war nie ein Flohmarktgänger", sagt der Ratgeber-Autor. "Der Clou aber ist: Man bekommt ganz viele Markenklamotten, meine Tochter läuft in Esprit herum." Oberteile finde er für 1 bis 1,50 Euro, eine Jeans für 2 Euro, Inlineskates für 8 bis 9 Euro und ein Fahrrad für 30 Euro. Als letzten Tipp hörte sich Söller von Meier an, dass er neben den Energieverträgen auch alle seine Finanzverträge optimiert hat. Eine Haftpflichtversicherung mit derselben Leistung bekam er mit Hilfe von Internetportalen für 23 Euro weniger im Jahr, 36 Euro sparte er an der Hausratversicherung. Und auch die Autoversicherung ließ sich optimieren.

Als sie diese Tipps zwei Monate lang ausprobiert hatte, merkte Sandra Söller, dass doch noch monatlich 150 Euro übrig waren. Mit diesem Wissen ging sie dann zur Verbraucherzentrale Hamburg und traf auf Geldanlage-Beraterin Doris Kappes. Von ihr erfuhr sie, dass sie für die Ehejahre aus dem Versorgungsausgleich einen Anspruch auf Teile der gesetzlichen und der privaten Rente ihres Mannes hatte. Also musste sie nicht noch einmal nachträglich für die Ehejahre Altersvorsorge betreiben. "Als Erstes müssen Sie sich um die Absicherung ihres existentiellen Risikos kümmern", riet ihr Kappes. Eine Risikolebensversicherung, um ihre Kinder im Todesfall abzusichern, und eine Berufsunfähigkeitsversicherung empfahl sie ihr als erstes - die Erste für einen zweistelligen Eurobetrag im Jahr, die Zweite für rund 50 Euro im Monat, um eine angemessene Rente bei Berufsunfähigkeit zu bekommen.

Und noch immer blieb ein bisschen Geld übrig. Erst jetzt begann die Beraterin, von den Möglichkeiten einer Riester-Rente zu berichten. "Dabei muss man ganz klar aufzeigen, dass sie überhaupt nicht flexibel ist. Altersvorsorge heißt nicht unbedingt, dass man sich lange binden muss, sondern dass man etwas zurücklegt", sagt Kappes. Wenn sich Söller diese Nachteile aber klargemacht habe, könne sie durchaus zu einem Riester-Vertrag raten, denn zu ihrem jährlichen Zuschlag von 154 Euro kommen für beide Söhne noch einmal 370 Euro Zulage hinzu - bis sie 25 Jahre alt sind.

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Wirtschaft.

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