Der Hinweis ist deutlich gewesen: Als Werner Russmann vor wenigen Wochen etwas früher Feierabend machte, stand im Wohnzimmer vor dem Regal seiner Schallplattensammlung das vor rund zehn Jahren erschienene Album "Knietief im Dispo" der deutschen Rockband Fehlfarben. Seine Frau Silke war mit der gemeinsamen Tochter Clara auf einem Kindergeburtstag. Der 48 Jahre alte Architekt war also allein zu Hause. Mit seiner Schallplattensammlung konnte Silke nie viel anfangen. Es musste also einen Grund haben, warum sie die Platte vor das Regal gestellt hatte. Als er sich die Scheibe griff, fiel ihm auf der Rückseite ein Zettel auf: "Nicht knietief, sondern bis zur Halskrause!" hatte Silke darauf geschrieben.
Russmann dämmerte es: Der Dispositionskredit bei einer Privatbank war schon seit geraumer Zeit bis zur Grenze von drei Nettomonatsgehältern ausgereizt. Bei ihm lag das Limit aufgrund seines monatlichen Nettogehalts von 3000 Euro bei 9000 Euro. Die Kontoauszüge kontrollierte der Frankfurter stets nur flüchtig. Die Finanzen waren nicht seine Welt. Sein Gehalt ermöglichte es, trotz des Unterhalts für die beiden Töchter Sarah und Margaret aus erster Ehe einigermaßen über die Runden zu kommen. Das bildete er sich zumindest ein. Doch der Zettel von Silke deutete darauf hin, dass seine Ehefrau anderer Meinung war. Er setzte sich an seinen Computer und überprüfte im Internet sein Konto: Seit dem Urlaub im August befand er sich nicht mehr im Rahmen des Dispokredits, sondern bei minus 10.000 Euro.
Die monatlichen Ausgaben kontrollieren
Für die 1000 Euro Überziehung muss er Strafzinsen von 13,75 Prozent zahlen, im Monat also 11,50 Euro. Hinzu kommen die 10,5 Prozent auf den ausgeschöpften Dispo-Rahmen, also monatlich knapp 79 Euro. Unterm Strich beträgt die Belastung 90 Euro im Monat. Russmanns Verhältnis zum Geld war bislang eher durch einen leichtfertigen Umgang geprägt. Doch in seinem Alter konnte er sich das nicht mehr leisten, weil er keine Vermögenswerte aufwies und außer der betrieblichen Altersvorsorge des Architektenbüros, wo er fest angestellt war, und der gesetzlichen Rente, keine Sicherheiten für die Zeit nach seinem Arbeitsleben aufgebaut hat. Es waren noch zwei Jahre bis zum 50. Geburtstag, und von einem finanziellen Polster war er meilenweit entfernt. "Es muss sich was ändern", dachte sich Russmann.
Ein Haushaltsbuch kannte er noch von seiner Mutter, die damit die monatlichen Ausgaben der Familie kontrollierte. Er selbst hatte es bislang nicht für nötig empfunden. Er liebte das süße Leben im Frankfurter Nordend mit regelmäßigen Restaurantbesuchen der Familie, Frühstück am Sonntag in Cafés und zweimaligen Urlaubsreisen im Jahr. Dass er dabei seine Finanzen überforderte, fiel Russmann aber erst jetzt auf. Dank seiner beruflichen Kontakte hatte er eine günstige Drei-Zimmer-Wohnung, die eine monatliche Warmmiete von 660 Euro kostet. Renovierte Altbauwohnungen zwischen 70 und 80 Quadratmetern kosten in dieser Gegend in der Regel eher 800 bis 900 Euro Monatsmiete.
Unterhalt und Miete belasten das Konto
Dass er sich auf die günstigen Mietkosten mittelfristig verlassen konnte, war alles andere als sicher. Denn der inzwischen 75 Jahre alte Hausbesitzer, für den er früher als Architekt tätig gewesen war, ist seit längerem gesundheitlich angeschlagen. Und dessen Erbe, der 44 Jahre alte Sohn, wirft dem Vater die zu niedrigen Mieten vor. Es könnte in nicht allzu ferner Zeit eine empfindliche Erhöhung drohen, war sich Russmann bewusst.
Dann wird es eng, fiel ihm ein, als er auf die Ein- und Auszahlungen seines Kontos blickte. Für die beiden Töchter aus erster Ehe zahlte er monatlich einen Unterhalt von 840 Euro. Mit der Warmmiete musste er also im Monat fix 1500 Euro bezahlen. Für seine achtjährige Tochter Clara erhielt er 190 Euro Kindergeld. Damit standen seiner dreiköpfigen Familie monatlich 1690 Euro zur Verfügung. Silke arbeitete seit der Geburt ihres Kindes nicht mehr, spielte aber in den vergangenen Monaten mit dem Gedanken, als geringfügig Beschäftigte bei ihrer Freundin in einer Boutique für Kinderbekleidung auszuhelfen. Russmann war nicht dagegen, hatte aber immer großzügig gesagt, dies sei nicht notwendig.
Einschränkungen müssen sein
Doch er begann zu rechnen: 90 Euro zahlt er für den überzogenen Dispokredit, weitere 200 Euro gehen im Monat für sein wenig benutztes Auto weg. Versicherungen wie zum Beispiel Haftpflicht und Hausrat kosten monatlich 50 Euro. Unterm Strich bleiben seiner Familie 1350 Euro - die aber nicht ausreichen. Den Urlaub im August finanzierte er über den Dispokredit. Aber auch ohne diese Sonderausgabe übersteigen seine monatlichen Ausgaben die Marke von 1350 Euro zeitweise deutlich, erst recht vor Weihnachten. Ein befreundeter Anwalt hatte ihm kürzlich bei einem Bier nach dem sonntäglichen Fußball im Ostpark von seinen Erfahrungen mit Hartz-IV-Empfängern als Mandanten berichtet. Seitdem wusste Russmann, dass der Hartz-IV-Regelsatz für einen Dreipersonenhaushalt vom kommenden Jahr an 925 Euro im Monat beträgt. Das wollte er seiner Gattin und seiner Tochter bei allem Sparwillen nicht zumuten.
Doch war ihm klar, dass er ohne Einschränkungen mittelfristig auf keinen grünen Zweig kommen wird. Auch die Aussicht auf ein attraktives Erbe bestand nicht. Er dachte an seine beiden Töchter aus erster Ehe, die 16 Jahre alte Sarah und die 14 Jahre alte Margaret. Beide schlugen sich ganz gut auf dem Gymnasium. Sollte sich nur eine für ein Studium entscheiden, würden sich seine Verpflichtungen erhöhen. Miete, Studium der Kinder: Diese Unsicherheitsfaktoren wurden Russmann bei der Analyse seines Online-Kontos erst richtig bewusst. Und dann der Zettel von Silke, die er nicht verlieren wollte.
Zuerst Dispo abbezahlen
Er griff zum Telefonhörer und rief einen Freund aus der Fußballertruppe an. Volker arbeitete bei der Frankfurter Volksbank als Kundenberater. Russmann schilderte kurz seine Sorgen und vereinbarte einen Termin. Er hätte auch bei Silkes Exfreund Christian anrufen können. Der war bei der Frankfurter Sparkasse, doch das wollte Russmann vermeiden.
Zwei Tage später holte er Volker in der Filiale ab, um mit ihm bei einem Mittagessen seine finanziellen Sorgen zu besprechen. "Erstmal musst Du Deinen Dispo ablösen", sagte Volker. Dies erhöht die monatlichen Belastungen, wenn das dafür notwendige Darlehen über 10.000 Euro in fünf Jahren getilgt werden soll. Bei einem effektiven Jahreszins von 7,77 Prozent und einer anfänglichen jährlichen Tilgung von 16,5 Prozent ergibt sich nach Volkers Angaben eine monatliche Rate von 200 Euro. Die Zahlen hatte Volker im Kopf, weil diese Probleme bei Bankkunden nicht selten vorkommen und er eine vergleichbare Kalkulation wenige Tage zuvor durchführen musste.
Dann Berufsunfähigkeit und Alter absichern
"Wo liegt dann der Vorteil, wenn ich 110 Euro mehr an Zinsen zahlen muss?", fragte Russmann. "Du erreichst mit einer festen monatlichen Rate die gewünschte Entschuldung innerhalb von fünf Jahren und behältst die volle Flexibilität durch mögliche Sondertilgungen analog zum Dispositionskredit", antwortete Volker. "Durch den über die Laufzeit festen Darlehenszins reduzierst Du Deine aktuellen Kosten und hast Planungssicherheit", fügte er hinzu. Dass er seine Ausgaben einschränken musste, war Russmann klar. Volker riet ihm, unbedingt ein Haushaltsbuch zu führen, das etwa von Verbraucherzentralen angeboten werde. Auf Basis seiner Erfahrungen empfahl er Russmann, für die monatlichen Lebenshaltungskosten als Zielwert 1050 Euro anzustreben, um auch Themen wie die Altersvorsorge angehen zu können. Dass Russmann kein Berufsunfähigkeitsrisiko oder eine private Altersvorsorge aufwies, hielt Volker für sehr bedenklich. Sein 13. Monatsgehalt sollte er zum Aufbau einer Liquiditätsreserve für unvorhergesehene Ausgaben nutzen, empfahl ihm der Volksbanker.
Am Abend, Clara lag schon im Bett, fragte Russmann seine Ehefrau: "Was wolltest Du mit Deinem Zettel erreichen?" Etwas ärgerlich antwortete Silke: "Du sollst endlich Ordnung in Deine finanziellen Angelegenheiten bringen." Russmann schilderte ihr von seinem Gespräch mit Volker. "Ich habe mit Christian gesprochen, die Sparkasse sieht es ähnlich", sagte Silke. Das hatte Russmann befürchtet. Doch plötzlich hörte sich Silke wieder sanfter an: "Das kriegen wir schon hin. Übrigens kann ich im nächsten Monat in der Kinderboutique als geringfügig Beschäftigte anfangen." Dann stünden 400 Euro monatlich mehr zur Verfügung, dachte sich Russmann und antwortete: "Wenn Du unbedingt willst." Silke nickte und blinzelte ihm zu.
- Haushaltsbuch
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- Konzept zur Abzahlung des Dispo
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