30.11.2011 · Martina Petersen verdient zum ersten Mal ein festes Gehalt, ihr Konto ist trotzdem stets im Minus. Einfache Finanzprodukte sind zum Sparen am besten geeignet.
Von Judith LembkeMartina Petersen rollt mit den Augen: "Nein Papi, lass mal, ich kriege das wirklich hin!", sagt sie und hält den Telefonhörer demonstrativ weit weg von ihren Ohren. Ihre Freundin Claudia grinst. Sie kennt das nur zu gut: Immer diese besorgten Eltern, die so tun, als sei man immer noch im Kindergarten!
Dabei sind die beiden Freundinnen jetzt Mitte 20 und verdienen ihr eigenes Geld. Claudia berührt vorsichtig die Wand. Sie ist immer noch feucht. Gerade haben sie ihre erste gemeinsame Wohnung gestrichen. Sie hat zwar nur zwei Zimmer und ein klitzekleines Bad, trotzdem ist es ein Riesenunterschied zu dem Studentenwohnheim, in dem sie vorher gewohnt haben. Es ist ihr eigenes Reich, die Miete bezahlt mit selbstverdientem Geld!
Martina und Claudia haben sich im Studium kennengelernt und sofort angefreundet. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass sie beide in der gleichen Situation waren, hat Claudia im Nachhinein oft gedacht. Beide waren aus einer Kleinstadt nach Köln gezogen, um dort an der Fachhochschule BWL zu studieren. Zu Hause hatten beide vorher eine kaufmännische Lehre absolviert.
Nach ihrem Bachelor-Abschluss hat Martina nun ihren ersten Job in einem großen deutschen Chemieunternehmen angetreten, während Claudia in einer mittelständischen Werbeagentur als Beraterin arbeitet. Auch wenn Martina mit 1800 Euro netto mehr verdient als sie selbst, möchte sie mit ihr nicht tauschen, denkt Claudia sich. So ein kleines Rädchen im Großkonzern zu sein - das wäre nichts für sie.
Endlich hat Martina aufgelegt. "Mein Vater will einfach nicht begreifen, dass ich mittlerweile erwachsen bin", regt sie sich auf. Bislang hat er sich immer um ihre Geldangelegenheiten gekümmert. Das war eigentlich ziemlich bequem, Martina musste sich keine Gedanken um Dinge machen, mit denen sie sich ohnehin nicht beschäftigen wollte. Aber irgendwie hat sie jetzt das Gefühl, dass sie sich selbst verstärkt um ihre Finanzen kümmern sollte.
Vor allem, weil es in letzter Zeit auch andauernd Streit um dieses Thema gegeben hat. Hätte sie ihrem Vater bloß nicht erzählt, dass sie ihren Dispo um 1500 Euro überzogen hat! Seitdem predigt er ihr jedes Mal, dass die Dispozinsen aberwitzig hoch seien und sie den Dispo bloß schnell ausgleichen solle.
"Ich weiß echt nicht, was der sich denkt", sagt sie zu Claudia. Sie habe halt keine Rücklagen, und eine Wohnungseinrichtung zahle sich eben nicht von alleine. Als ihre Bankberaterin ihr neulich einen Konsumkredit anbot, hat sie wirklich mit dem Gedanken gespielt, ihn zu nehmen. Schließlich braucht sie auch mal wieder einen neuen Computer, und ein Skiurlaub wäre auch ganz schön. Aber als sie das dann ihrem Vater erzählte, hat er gedroht, sie zu enterben - zwar nur im Spaß, aber seine Argumente, sich nicht am Anfang des Berufslebens mit einem "Spaßkredit" zu belasten, haben sie dann doch überzeugt.
"Ich suche einen Berater, der mich unabhängig berät und nicht nur seine Produkte verkaufen will", stöhnt sie. Claudia nickt wissend. Schließlich ist sie im Studium selbst auf so jemanden hereingefallen. Am Anfang war sie noch total begeistert von dem Service einer großen deutschen Finanzberatung, die sie vor der Hochschule angesprochen hat. Der Berater war total nett, seine Beratung war kostenlos, und er hat ihr auch gute Tipps für die Bewerbungsmappe gegeben.
Dann hat er mit ihr über das Thema Vermögensaufbau gesprochen. Damals klang es für sie total schlüssig, schon im Studium mit der Altersvorsorge anzufangen. Schließlich wurde in den Medien überall vor unsicheren Renten und drohender Altersarmut gewarnt. Auch das Argument, dass sich über den Zinseszins das Geld ja praktisch von selbst vermehrt, hat sie gelockt.
Aber mittlerweile ärgert sie sich, weil sie das Geld eigentlich jetzt ganz gut brauchen könnte. Und seitdem ihr Bruder, der acht Jahre älter ist, ein Haus gekauft hat, denkt sie, dass es doch ziemlich unflexibel war, sich mit 20 Jahren schon derart festzulegen. Als ihr dann auch noch ein Freund, der bei der gleichen Beratung jobbt, gesteckt hat, dass die Beratung keineswegs umsonst war, sondern sie erst einmal ein paar Jahre lang die Provisionen abzahlt, bevor sie überhaupt anfängt zu sparen, war sie richtig enttäuscht. Immerhin hat sie mittlerweile die Schlüssel- und Glasversicherung gekündigt, die ihr der Berater damals aufgeschwatzt hat.
Bei einer großen Pizza Tonno überlegen die beiden Freundinnen gemeinsam, an wen sich Martina am besten wenden sollte. Da Finanzberater und Bankmitarbeiter auch immer eigene Interessen verfolgen, bleibt eigentlich nur noch ein Honorarberater übrig. Der berät zwar unabhängig, ist für Martinas Geschmack aber zu teuer.
So bleibt Martina nichts anderes übrig, als selbst ihr Glück zu versuchen. Aber nach einer Woche intensiver Internetrecherche ist sie komplett verwirrt. Braucht sie eine Risikolebensversicherung? Oder doch eher eine gegen Berufsunfähigkeit? Und was ist mit einem Fondssparplan? Etwas kleinlaut ruft sie bei ihrem Vater im Schwäbischen an und fragt ihn nach seiner Meinung. Und zu ihrem Erstaunen streiten sie sich diesmal auch nicht nach fünf Minuten, sondern diskutieren ihre Fragen ganz in Ruhe.
Am Ende hat ihr Vater sie überzeugt, dass eine Berufsunfähigkeitsversicherung unerlässlich ist, eine Risikolebensversicherung in ihrer Situation aber Unsinn. "Halte dich an Finanzprodukte, die du auch verstehst", lautet sein Tipp. Deswegen solle sie auch von einem Fondssparplan die Finger lassen, sondern lieber jeden Monat 200 Euro auf ein Sparbuch einzahlen, sobald sie ihren Dispo ausgeglichen hat.
Das werfe zwar kaum Zinsen ab, sei dafür aber flexibel und einfach verständlich. "Wenn du deine Schulden abbezahlt hast, geben Mama und ich auch jeden Monat 100 Euro mit dazu", lockt ihr Vater und rechnet vor, dass sie sich dann in ein paar Jahren ein kleines Auto leisten kann.
Am Ende hat ihr Vater sie sogar dazu überredet, in Zukunft ein Haushaltsbuch zu führen, obwohl sie das eigentlich total spießig findet. Auf der anderen Seite musste sie sich aber auch eingestehen, dass sie seit ihrem Berufsstart den Überblick über ihre Ausgaben total verloren hat. Irgendwie ist ihr einfach jeden Monat das Geld zwischen den Fingern zerronnen, deswegen hat sie es auch nicht geschafft, etwas zu sparen und ist in den Dispo gerutscht. Und jeden Monat 12 Prozent Dispozinsen zu zahlen tut noch mehr weh, als ein Haushaltsbuch zu führen.