Home
http://www.faz.net/-hao-6v5h2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Finanzplanung für jedermann (2) Bloß nicht verzetteln bei der Vermögensplanung

16.11.2011 ·  Marie Küster lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern gern im eigenen Haus, aber der Immobilienkredit ist noch lange nicht abbezahlt. Bei der Finanzplanung muss sie sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Von Tim Höfinghoff
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Auf der Geburtstagsfeier bei den Nachbarn, da haben sie doch über Geld geredet. Dabei hasst Marie Küster das Thema. Vor allem auf Partys. Sie will lieber über angenehme Dinge reden und nicht über etwas, das sie mit ihrem Ehemann nicht richtig in den Griff bekommt. Debatten um die Finanzplanung der Familie haben schon oft im Zwist geendet - zumal Marie Küster die Familienfinanzen alleine regeln muss. Ihren Mann nerven Gespräche ums Geld.

An jenem Partyabend berichtete einer der Gäste, dass sein Bankberater ständig bei ihm anrufe, "wegen Optimierung des Portfolios" und "was bezüglich der Geldanlage der Kinder geplant ist". Wie nervig, witzelt der Mann, aber berechtigt. Denn in Zeiten, in denen die Börsen beben und die Staatsschulden alles mitzureißen drohen, ist Rat in Sachen Geld gefragt.

Frust aus Überforderung

Marie Küster hat den anderen Gästen offenbart, dass sie völlig gefrustet ist, wenn es ums Geld geht. Nicht, dass sie Geldsorgen habe, das war den anderen klar. Die 42 Jahre alte Frau arbeitet Teilzeit als Fachärztin in einem Krankenhaus. Mit ihrem Mann, einem Ingenieur, besitzt sie ein Eigenheim, die beiden Kinder sind neun und elf Jahre alt. Die Familie kommt auf ein Haushaltseinkommen von 4000 Euro netto im Monat.

Der Frust kommt daher, dass sich Marie Küster überfordert fühlt. Sie hat bezüglich des Geldes stets aus dem Bauch heraus entschieden. Das war schon im Studium so, als sie an einen dieser Finanzvertriebe geraten war, der ihr eine Lebensversicherung mit üppigen Beitragszahlungen aufgeschwatzt hatte. Als sie dann ihr Haus gekauft haben, ging es auch alles ganz schnell: Ihr Bankberater regelte alles, eine aufwendige Recherche hatte Marie Küster nicht gemacht.

Zu wenig Aufmerksamkeit für Finanzen

Die Ärztin weiß, dass sie den Finanzen zu wenig Aufmerksamkeit widmet. Sie wünscht sich eine kompetente Finanzberatung, eine neutrale Hilfe. Also jemanden, dem sie vertrauen kann. Ihrem Bankberater, der die Sache mit dem Immobilienkredit gemacht hatte, traut sie nicht zu, diese Rolle zu übernehmen. Nun zahlt sie brav mit ihrem Mann den Immobilienkredit ab und fühlt sich trotzdem schlecht. Denn ständig liest sie in der Zeitung, dass die Kreditzinsen sinken und es sehr günstig sei, eine Immobilie zu kaufen. Hat sie damals schlecht verhandelt?

Die Küsters zahlen jeden Monat 1250 Euro, um ihren Immobilienkredit in Höhe von 250.000 Euro zu tilgen. Es ist nicht so, dass am Ende des Monats kein Geld übrig bleibt, sie haben sogar einige Aktienfonds und Tagesgeldkonten. Aber so langsam macht sich Marie Küster Sorgen, ob es gelingt, etwas Geld für ihre Kinder zur Seite zu legen. In einigen Jahren wollen sie bestimmt studieren, das kostet viel Geld.

Und die Altersvorsorge für sie und ihren Mann macht ihr ebenfalls Bauchschmerzen. Über ihre 85 Jahre alte Mutter, die wohl bald in ein Pflegeheim zieht, will sie lieber nicht nachdenken - jedenfalls nicht, was das finanziell für Folgen hat. Zwar hat ihre Mutter eine gute Rente, doch eine gute pflegerische Betreuung im Alter kostet viel. Kein Wunder also, dass Marie Küster einen Finanzberater finden will, der ihr bei Versicherungen, Immobilienkredit und dem Bankkonto weiterhilft.

„Konzentrieren Sie sich auf sich“

Die unabhängige Vermögensberatung hat es im Vergleich zu anderen Ländern zwar schwer in Deutschland, weil die Menschen für diese Leistungen nicht gerne zahlen. Doch es gibt zahlreiche Angebote. Finanzberater haben sich in verschiedenen Organisationen zusammengeschlossen: Es gibt den Finanzplaner Deutschland Bundesverband, den Berufsverband deutscher Honorarberater (BVDH), den Verbund deutscher Honorarberater (VDH). Auch die Verbraucherzentralen geben Ratschläge zur Finanzsituation. Dort kostet zum Beispiel je nach Thema eine Beratungsstunde zwischen 40 und 100 Euro.

Nachdem Marie Küster einen Berater ausfindig gemacht hat und ihm ihre Situation schildert, erhält sie folgenden Rat: "Konzentrieren Sie sich auf sich, Frau Küster. Denken Sie nicht daran, mehrere Generationen finanziell versorgen zu müssen." Statt sich um Kinder und obendrein noch um die finanziellen Belange der Mutter zu sorgen, stehe primär die Reduzierung der Immobilienschulden auf der Agenda. "Menschen Anfang vierzig, die Familie haben, verzetteln sich schnell bei der Finanzplanung", so die Botschaft des Beraters.

Die Küsters haben keine großen Finanzfehler gemacht. Doch sie haben Optimierungsmöglichkeiten. Da sie im Laufe der Jahre einiges an Kapital in Aktienfonds und Tagesgeldkonten angespart haben, wäre zu überlegen, dies zur Schuldenreduzierung einzusetzen. Immerhin geht es um rund 30.000 Euro Erspartes. Entscheidend dabei ist: Liegt die Rendite dieser Geldanlage unterhalb des Zinses, der für den Immobilienkredit anfällt, gehören diese Geldanlagen auf den Prüfstand. Die Küsters haben vor fünf Jahren einen Kredit aufgenommen mit 4 Prozent Zinsen, der für zehn Jahre festgelegt ist. Ist davon auszugehen, dass die Aktienfonds nach Steuern mehr als diese 4 Prozent erzielen, dann sollte das Geld nicht angerührt werden. Doch die Fonds der Familie Küsters erzielen weniger Rendite, also kann es sich lohnen, mit der Bank zu verhandeln - um eine Sondertilgung. Zwar sind solche Möglichkeiten in vielen Immobilienkreditverträgen enthalten, Familie Küster hat diese Möglichkeit allerdings bisher nicht. Die Idee: Die Familie reduziert Geldanlagen wie die Fonds und setzt darauf, den Immobilienkredit schneller als bisher abzuzahlen. "Aber was ist mit den Kindern?", fragt Marie Küster den Berater. "Soll ich nicht für sie auch etwas zur Seite legen? Und was ist mit der Altersvorsorge für mich und meinen Mann?" Ein schnell abbezahltes Eigenheim sei auch eine gute Altersvorsorge, entgegnet der Berater. Und sie habe auch eine private Lebensversicherung abgeschlossen. Ihr Mann könne im Alter zudem auf eine Betriebsrente hoffen, so schlecht sei die Lage nicht.

Bezüglich der Sondertilgung kalkuliert der Berater, dass es rund 3500 Euro kostet, wenn die Kreditrate monatlich von 1250 Euro auf 1500 Euro erhöht wird und einmalig 25 000 Euro an die Bank überwiesen werden. Allerdings gilt: Die Bank ist nicht verpflichtet, eine solche Sondertilgung zu ermöglichen.

Nach Beratung gelassener

Den Immobilienkredit komplett durch einen neuen Vertrag zu ersetzen, weil die Kreditzinsen derzeit niedrig sind, davon rät der Berater ab. Die zu zahlende Vorfälligkeitsentschädigung sei viel zu hoch. Doch Familie Küster könnte ihre Immobilienschulden schneller als bisher senken, einen Notgroschen in Höhe von drei Monatsgehältern sollte sie aber auf einem Tagesgeldkonto behalten.

Und die Versicherungen? Eine private Familienhaftpflichtversicherung sollte Standard sein. Hinzu kommt der Rat, nicht auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu verzichten. Auch eine Risikolebensversicherung ist wichtig. Sollte einer der Eltern sterben, muss der Immobilienkredit weiter bedient werden, obwohl ein Einkommen wegfällt. Bezüglich der Krankenversicherung gilt: Familie Küster ist gesetzlich versichert - das bringt zwar manche Nachteile, weil es bei der Terminvergabe beim Arzt mitunter etwas länger dauern kann. Doch die Kinder sind günstig in der Familienversicherung mitversichert. Marie Küster hat aber private Krankenhaus-Zusatzversicherungen abgeschlossen.

In Sachen Geldanlage ist Marie Küster mittlerweile etwas gelassener geworden. Sie freut sich, dass sie das Haus schneller abbezahlt. Und für die nächste Party hat sie auch schon ein Thema parat: die Sondertilgung.

Was Marie Küster braucht:
  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1975, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Zinsen
von
nach