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Girokonten : Hälfte der Sparkassen schafft Überziehungszins ab

Auf dem Rückzug: Immer mehr Sparkassen und Volksbanken schaffen den Überziehungszins für Girokonten ab. Bild: dpa

Nachdem die ING-Diba vor einem Jahr öffentlichkeitswirksam den Überziehungszins für Girokonten abgeschafft hat, ziehen nun immer mehr Banken nach. Der Sparkassenverband sieht sogar einen Trend zur Gleichstellung mit Dispo-Zins.

          Immer mehr Sparkassen beugen sich der Kritik an den angeblich zu hohen Zinsen für Überziehungskredite. Das sind die Kreditzinsen, die Banken von Kunden erheben, wenn sie mit ihrem Girokonto über den vereinbarten Dispo-Kredit hinaus im Minus liegen. Dann langen Banken gerne noch einmal besonders zu. Commerzbank, Deutsche Bank und Postbank schlagen derzeit zwischen 3,5 und 5,5 Prozentpunkte auf den Dispo-Zins drauf. Das ist der Zins, der für die erlaubte Kontoüberziehung fällig wird. Er liegt derzeit bei diesen Banken bei rund 9 Prozent. Nach Angaben der FMH-Finanzberatung verlangen Banken in Deutschland im Durchschnitt derzeit sogar 12 Prozent Dispo.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor einem Jahr hatte die Direktbank ING-Diba öffentlichkeitswirksam als erste Großbank in Deutschland den Überziehungszins für Girokonten gestrichen und ihn mit dem Dispo-Zins gleichgesetzt. Dies ist der ING Diba recht leicht gefallen, weil sie kaum Kunden hat, die ihr Girokonto über den vereinbarten Kreditrahmen hinaus überreizen. Der ING Diba ist es aber gelungen, die Aufmerksamkeit auf Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken zu lenken. Viele von ihnen verlangen auch in der Niedrigzinsphase noch zweistellige Prozentsätze als Dispo-Zins und schlagen bei Sprengung des Dispo-Rahmens überdies noch mehr als Überziehungszins drauf.

          Sparkassenverbandspräsident Georg Fahrenschon hat diese Zinspolitik lange verteidigt. „Der Überziehungskredit ist der Kredit, der nicht vereinbart war. Der muss teurer sein“, hatte Fahrenschon auf der Bilanzpressekonferenz der Sparkassen im März 2014 gesagt. Er hatte damals sogar argumentiert, Banken wie ING Diba lenkten die Menschen in die Überschuldung, wenn der Dispo-Zins und der Überziehungszins auf dem Girokonto gleich seien. Dann fehle es an Abschreckung vor weiterer Verschuldung.

          Mass will Bankkunden besser aufklären

          Offenbar aber hat inzwischen in den Sparkassen ein Umdenken begonnen – dem Wettbewerb oder der öffentlichen Kritik geschuldet. „Wir sehen einen Trend zur Abschaffung des Überziehungszinses“, sagte ein Sprecher des Deutschen Sparkassenverbandes DSGV am Donnerstag. Etwa die Hälfte der 416 deutschen Sparkassen dürfte nach seiner Schätzung inzwischen auf den Überziehungszins verzichten und bei jeder Art von Kontoüberziehung – geduldet oder über dem vereinbarten Limit – nur noch den Dispo-Zins verlangen. Auch die Sprecherin des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken weiß von Genossenschaftsbanken, die Überziehungs- und Dispo-Zins gleich hoch setzen. Sie könne aber nicht sagen, ob dies ein Trend sei.

          Banken und Sparkassen erhalten von der Europäischen Zentralbank derzeit Geld zum Nulltarif. Allerdings sind die meisten Sparkassen und Genossenschaftsbanken darauf nicht angewiesen, weil sie über mehr Spareinlagen verfügen, als sie an Krediten ausstehen haben. Gleichwohl kritisieren Politiker und Verbraucherberater gerne die hohen Zinssätze für Kredite. Justizminister Heiko Maas (SPD) hält deshalb sogar einen gesetzlichen Zinsdeckel für richtig, konnte sich mit der Forderung nach einem gesetzlich maximal erlaubten Überziehungszins aber nicht gegen die Union durchsetzen. Maas legte im Dezember vielmehr ein Gesetz vor, durch das Bankkunden mehr Aufklärung erhalten sollen. So sollen Kreditinstitute gezwungen werden, Kunden über Alternativen zum Dispo zu informieren. Damit ist in erster Linie ein Ratenkredit gemeint, mit dem Kunden gezielt ihre Verschuldung zurückführen können. Der Ratenkredit ist zudem, was das Zinsniveau angeht, meist günstiger als der Dispo.

          Quelle: F.A.Z.

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