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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vorsorge Länger leben gibt es nicht umsonst

 ·  Ins Ausland reisen, in die Oper gehen und häufig Golf spielen: Das Alter ist abwechslungsreich und teuer. Wir haben genau nachgerechnet, was ein längeres Leben kostet.

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© dpa/picture-alliance

Alle Jahre wieder tönt der gleiche Aufschrei durch Deutschland: Die Sparer sind entrüstet, weil die Versicherungen mal wieder ankündigen, dass sie weniger Geld aus Rentenversicherungen als erwartet auszahlen werden. Die Kunden haben sich darauf verlassen und die Finanzierung ihres Ruhestandes darauf aufgebaut. Die Wut ist groß.

Doch die Versicherer können kaum anders. Mit den Schreckensmeldungen reagieren sie auf neue Daten zur Lebenserwartung. Und die zeigen regelmäßig: Wir sterben noch später als gedacht. Weil wir gesünder leben und die Medizin immer besser wird. Das hat Folgen für die Rentenversicherung. Denn sterben die Menschen später, bekommen sie länger eine Rente ausbezahlt. Es steht aber nicht mehr Geld zur Verfügung, da nicht mehr angespart wird. Die monatlichen Ausschüttungen müssen daher geringer ausfallen.

Wer älter wird, muss früher sparen

Das zeigt: Sparer sollten die steigende Lebenserwartung immer im Blick haben, wenn sie überlegen, wie viel sie fürs Alter zurücklegen. Die Tendenz ist derzeit: Wir werden noch älter als gedacht und die Renten damit noch niedriger als erhofft. Oder umgekehrt: Wer im Alter einen festen Eurobetrag als Rente bekommen will, muss jetzt mehr sparen als früher.

Wie sich genau die Beiträge für die Versicherung durch andere Lebenserwartungen verändern, hat die Württembergische Lebensversicherung exklusiv für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung errechnet. Am stärksten spüren höhere Jahrgänge eine steigende Lebenserwartung. Denn sie haben weniger Zeit, auf das nötige Kapital zu kommen, aus dem die Renten bezahlt werden. Ein 50-Jähriger muss derzeit im Branchendurchschnitt 140 Euro im Monat bezahlen, wenn er von 65 an bis zu seinem Tod 100 Euro Monatsrente bekommen will und die Verzinsung das aktuell garantierte Niveau von 1,75 Prozent nicht übersteigt. Die Versicherungsbranche geht für diesen Fall von einer Lebenserwartung von 91 Jahren aus. Steigt diese um fünf Jahre auf 96 Jahre, klettert der Beitrag auf 158 Euro.

Jetzt werden viele einwenden, dass eine Lebenserwartung von 91 Jahren viel zu hoch gegriffen sei und damit auch die Beiträge zu üppig ausfiel. Schließlich geht das Statistische Bundesamt für 50-Jährige derzeit von 80 Jahren aus. Die Versicherungen rechnen anders, aber deswegen nicht falsch. Sie nehmen die Daten der Statistikbehörde und modifizieren sie. Sie berücksichtigen, dass die Medizin sich während der jahrzehntelangen Laufzeit des Vertrages weiterentwickelt. Dadurch erhöht sich die Lebenserwartung jedes Jahr um zwei bis drei Monate. Das haben langfristige Beobachtungen seit 1830 ergeben. Der Zuwachs an Lebenserwartung ist demnach über den ganzen Zeitraum ziemlich konstant. Die Versicherer schreiben diesen Zuwachs in die Zukunft fort.

Sie waren dabei in der Vergangenheit noch zu vorsichtig. Zuletzt passten sie daher die Daten vor einigen Jahren mit der Sterbetafel DAV 2004 R an, was damals für einen Aufschrei unter den Kunden sorgte, weil die Lebenserwartung höher ausfiel und die monatlichen Renten damit niedriger. Die DAV 2004 R ist noch heute die Grundlage fast aller Versicherungsverträge.

Ein weiterer Grund, warum die Rentenversicherer eine höhere Lebenserwartung annehmen, ist, dass deren Kunden in der Regel finanziell bessergestellt sind und daher mehr Geld für ein gesünderes Leben ausgeben. Sie werden dadurch auch älter als Gleichaltrige ohne Versicherung. Hinzu kommt, dass Kunden sich in den Monaten vor dem Beginn des Ruhestandes entscheiden können, ob sie ihr angesammeltes Kapital voll ausbezahlt oder tatsächlich in Monatsrenten umgewandelt haben wollen. Erfahrungsgemäß entscheiden sich nur die für eine Monatsrente, die gesund sind und daher ein besonders langes Leben erhoffen. Wer schon krank ist, lässt sich das Geld lieber auszahlen. Auch deswegen leben Rentenversicherte oft länger als der Durchschnitt im gleichen Alter.

Riester ist nicht erste Wahl

Dieser Unterschied in der Lebenserwartung führt regelmäßig zu Diskussionen über die Rentabilität von Rentenversicherungen. Zuletzt wurden Riester-Versicherungen als unrentabel dargestellt. Geht man von den nicht unrealistischen Erwartungen der Versicherungen aus, lohnen sich die Policen zwar in der Tat erst bei einem Tod im Alter von 90 und mehr. Aber was jetzt viel klingt, ist eben in 20 oder 30 Jahren Normalität.

Riester-Versicherungen dürften dann also die Beiträge plus eine kleine Verzinsung gewährleisten, wenn die Lebenserwartung so fortschreitet wie in den vergangenen Jahrzehnten. Zusammen mit der steuerlichen Förderung sind sie damit rentable Produkte. Lukrativ sind sie deswegen aber nicht. Andere Vorsorgeprodukte werden wohl mehr Geld abwerfen.

Hierfür ist allerdings weniger die steigende Lebenserwartung als das niedrige Zinsniveau verantwortlich. Es ist die Hauptstellschraube für oder gegen einen Erfolg von Rentenversicherungen. Das zeigen auch die Musterrechnungen der Württembergischen Leben. Ein 40-Jähriger zahlt für eine Monatsrente von 100 Euro nach der aktuellen Sterbetafel DAV 2004 R knapp 40 Euro, wenn er bis 67 arbeitet und sich das Kapital mit den aktuell erzielten rund vier Prozent verzinst. Fällt der Zins auf nur noch 1,75 Prozent, wie das langfristig manch einer befürchtet, steigt der Beitrag deutlich auf 73 Euro. Eine höhere Lebenserwartung hat einen geringeren Effekt. Steigt sie um fünf Jahre stärker, als heute schon erwartet wird, erhöht sich der Beitrag bei vier Prozent Verzinsung nur um vier Euro auf 44 Euro.

Längeres Leben und geringere Zinsen sorgen also für niedrigere Renten im Alter, zumal die Inflation wohl zunehmen wird und stärker an ihnen nagt. Produkte mit höheren Renditen sind ein Weg gegenzusteuern. Das bedeutet: Mehr Aktien kaufen. Das geht auch staatlich gefördert, etwa über Riester-Fonds. Die legen zu einem Großteil in Aktien an, was die Renditen nach oben treibt. Auch hier sind die Einzahlungen garantiert. Die Erträge werden mit 85 in eine Rentenversicherung umgewandelt. Auf diesem Weg stellen auch Riester-Fonds eine lebenslange monatliche Rente sicher.

Höhere Renten sind aber auch auf anderen Wegen möglich. Zum einen, indem Berufstätige früher zu sparen beginnen. Wer mit 30 anfängt und bis 67 arbeitet, zahlt im Beispielfall 51 Euro im Monat. Wer erst mit 40 startet, muss schon 72 Euro berappen. Zum anderen, indem sie über den Arbeitgeber sparen.

Eine betriebliche Rentenversicherung kostet rund sieben Prozent weniger Beitrag als eine private, hat die Württembergische Leben errechnet. Und schließlich können die Versicherten auch länger einzahlen. Dann sammeln sie mehr Kapital an; die anschließend bezahlten Renten können dadurch höher ausfallen.

Am teuersten sind Wohnung und Freizeit

Länger zu sparen ist dabei alles andere als abwegig. Das gilt schon für die heutigen Berufstätigen bis 40 Jahre. Sie werden erst mit 67 und nicht mehr schon mit 65 in den Ruhestand gehen. Das bedeutet zwei Jahre längere Einzahlungen. Für die noch jüngeren Berufsanfänger ist auch durchaus denkbar, dass sie bis 70 oder noch länger arbeiten und so lange Versicherungsbeiträge entrichten. Schließlich werden sie mit 70 deutlich gesünder sein als heutige im gleichen Alter. Entsprechend lang laufende Rentenversicherungen kann man schon heute abschließen.

Es gibt also genug Stellschrauben, um die Altersvorsorge bei steigender Lebenserwartung zu optimieren. Wichtige Grundlage dafür ist, zu wissen, wie viel Geld überhaupt im Ruhestand nötig ist. Das letzte Gehalt ist dafür nicht der Ausgangspunkt. Schließlich verändern sich die Gewohnheiten im Alter stark, die neue Kosten verursachen, während andere wegfallen.

Die beiden größten Posten im Ruhestand sind die Aufwendungen für Wohnen und Freizeit. Die Bleibe wird oft teurer, weil man länger dort ist, dadurch mehr heizt und öfter auch mal die Einrichtung erneuert. Manche ziehen auch vom Land in die teurere Stadt, weil dort die Infrastruktur besser ist. Mehr Geld brauchen Rentner auch, weil sie reisen, in die Oper gehen oder Golf spielen wollen. Auch die Gesundheitsausgaben wachsen im Alter. Dafür entfallen Kosten für Pendeln, Bürokleidung und Altersvorsorge.

Experten leiten daraus grob einen Bedarf von rund 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens ab. Besser aber, man führt für ein Jahr ein Haushaltsbuch mit den wichtigsten Posten und errechnet erst dann, was man genau braucht. Auf den so ermittelten Bedarf müssen noch die später zu zahlende Steuer und die Inflation aufgeschlagen werden. Das ergibt dann die fürs Sparen anzustrebende Bruttorente. Denn um in 3o Jahren 100 Euro in heutiger Kaufkraft zu bekommen, muss bei zwei Prozent Geldentwertung für eine Rente von 181 Euro gespart werden.

Rente: Wer bekommt einmal wieviel?
Voraussichtliche Renten bei 45 Berufsjahren auf heutiger Basis
Beruf Bruttomonatsverdienst Rente  
Unternehmer, Geschäftsführer, Geschäftsbereichsleiter           6913 2594
Ärzte                                                           7112 2594
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Statistiker     4890 1855
Publizisten 4658 1767
Zahnärzte         4436 1683
Architekten, Bauingenieure           4435 1682
Makler, Grundstücksverwalter         4418 1676
Bankfachleute       4317 1637
Berufsfeuerwehrleute     4282 1624
Musiker         4259 1615
Apotheker           4119 1562
Hochschullehrer, Dozenten an höheren FS und Akademien           4064 1541
Gymnasiallehrer         4039 1532
Seelsorger         3889 1475
Tierärzte         3882 1472
Geisteswissenschaftler                         3811 1446
Dolmetscher, Übersetzer         3635 1379
Real-, Volks-, Sonderschullehrer         3607 1368
Buchhalter           3565 1352
Photografen         3515 1333
Groß- und Einzelhandelskaufleute, Einkäufer 3513 1332
Chemielaboranten           3345 1269
Bürofachkräfte           3310 1255
Speditionskaufleute         3051 1157
Chemielaborwerker         3007 1141
Heimleiter, Sozialpädagogen         2984 1132
Elektroinstallateure, -monteure       2956 1121
Abgeordnete, Minister, Wahlbeamte         2918 1107
Krankenschwestern, -pfleger, Hebammen 2882 1093
Kranfahrer       2798 1061
Landwirte         2773 1052
Kindergärtnerinnen, Kinderpflegerinnen         2702 1025
Maurer 2639 1001
Postverteiler 2601 987
Zimmerer 2565 973
Fliesenleger 2566 973
Straßenreiniger, Abfallbeseitiger         2553 968
Sozialarbeiter, Sozialpfleger 2513 953
Verkäufer       2493 946
Augenoptiker 2422 919
Dachdecker 2388 906
Schlosser 2352 892
Tischler 2335 886
Schuhmacher 2326 882
Fleischer 2325 882
Maler, Lackierer (Ausbau) 2322 881
Pförtner, Hauswarte 2318 879
Gastwirte, Hoteliers, Gaststättenkaufleute 2314 878
Konditoren 2303 874
Kraftfahrzeugführer 2293 870
Schneider 2277 864
Uhrmacher 2248 853
Kassierer 2193 832
Gärtner, Gartenarbeiter 2128 807
Apothekenhelferinnen 2044 775
Köche 1987 754
Kellner, Stewards 1925 730
Glas-, Gebäudereiniger 1869 709
Floristen 1782 676
Friseure 1390 527
Recherche: Josephine Pabst
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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