Zwölf Uhr mittags, Zeit der Leiden in Herzogenaurach. Beim fränkischen Sportartikelhersteller Adidas unterwerfen sich die Angestellten dem täglichen Leistungsdiktat. „Come on!“ ertönt der Befehl, am Boden krümmt sich bei gefühlt sechs Grad Außentemperatur die Belegschaft. Stöhnen, Schwitzen, Jammern: „Das ist so gemein.“
Die Mitarbeiter haben es nicht anders gewollt. „CTX“ heißt das mittägliche Zirkeltraining im Adi-Dassler-Stadion auf dem Gelände der Konzernzentrale, die Teilnahme an der Odyssee der Schmerzen ist den Angestellten freigestellt. Und nicht gerade billig: Acht Mal eineinhalb Stunden Rennen, Werfen, Beine verknoten unter Aufsicht einer gestrengen Sportlehrerin kosten 30 Euro.
Zirkeltraining, Schwimmen, Klettern, Tanzen
An der Universität gibt es den Unisport, in den Betrieben des 19. Jahrhunderts war Betriebssport die Bezeichnung für die körperliche Ertüchtigung während der Arbeitszeit. „Gesundheitsmanagement“ heißt das Schwitzen mit Kollegen heute.
Neben Zirkeltraining haben die Adidas-Angestellten die Wahl zwischen Schwimmen, Klettern, Tanzen. Der Kurskatalog ist 32 Seiten stark und enthält weit über 200 Kurse und Gruppenausflüge, nicht weniger als acht Box-Lehrgänge werden den 3400 Mitarbeitern offeriert. Morgens, mittags, feierabends. Yoga und Zirkeltraining sind überbucht, wegen zu großen Andrangs wird die Teilnahme neuerdings ausgelost.
© Roeder, Jan
Beim Autobauer BMW hängen in den Werken Anleitungen zur Gymnastik neben der Sprossenwand für die schnelle Stärkung der Bauchmuskulatur zwischendurch. Soll das Training länger dauern, geht es in die unternehmenseigenen Fitnesscenter. Also wird während der Arbeitszeit in 20-minütigen Übungen gelockert und gedehnt. Und aufgeklärt, wie jeder sich am besten fit hält. Zwang zum Betriebssport gibt es bei den Bayern aber nicht.
Wer unter 40 ist, spielt Fußball, bei den Grauhaarigen ist Nordic Walking der Renner. Konzernchef Herbert Hainer, drahtig, 58 Jahre, läuft Langstrecke. Die Adidas-Belegschaft, Durchschnittsalter 33 Jahre, ist fit. Gut für die Mitarbeiter. Und den Konzern, versteht sich.
Der deutsche Dauersitzer
Deutschland altert, und die Arbeitnehmer altern mit. Bei allem sportlichen Image stehen keine Laufbänder in den Büro-Etagen der fränkischen Adidas-Zentrale für die Masse an Personalern, IT-Experten, Werbern und Menschen, die die Lieferkette des Weltkonzerns von China bis Europa und Amerika im Blick behalten. Sondern Schreibtische wie im Rest der Republik: Gerade mal jeder zehnte Erwerbstätige geht hierzulande einer körperlichen Arbeit nach, der Rest sitzt und sitzt. 80.000 Stunden verbringt der Deutsche laut Daten der Bundesagentur für Arbeitsmedizin auf dem Hinterteil - und das nur am Arbeitsplatz. Zählen die Statistiker die Freizeit hinzu, sitzen die Bundesbürger täglich 10 bis 14 Stunden vor Computerbildschirm und Fernseher ab - folgerichtig berichten 80 Prozent der Bürger über Rückenschmerzen, jeder zweite klagt über ein dauerhaftes Leiden in Wirbelsäule und Nacken.
© Daimler
„Kraftwerk Mobil“ ist der Name des rollenden Fitnessstudios, das für Daimler seit der Jahrtausendwende durch die Fertigungshallen fährt und das schnelle Rückentraining in fünf Minuten ermöglicht, unter Aufsicht eines Fitnesstrainers. Das Durchschnittsalter der Daimler-Belegschaft wird 2019 47 Jahre sein. Also wird in den Arbeitsgruppen viel rotiert, damit körperliche Belastungen auf viele Schultern verteilt werden. Und aufgefordert, doch lieber Treppen zu steigen.
Das sind keine hoffnungsfrohen Werte für eine Gesellschaft, die sich gerade darauf einstellt, ihre Mitglieder künftig bis 67, vielleicht auch bis zum 70. Lebensjahr arbeiten zu lassen, während im Rest der Welt weit jüngere Kohorten das Wachstum ihrer Nationen treiben. Wer länger berufstätig ist, muss also während des Arbeitslebens länger fit bleiben. Und weil das Durchschnittsalter in den Unternehmen künftig weit höher liegen wird als die 33 Jahre bei Adidas, ist Gesundheitsmanagement auch außerhalb der Herzogenauracher Sportwelt der Begriff der Stunde - in den Dax-Unternehmen genauso wie im Mittelstand: Autobauer wie BMW und Daimler bringen Sprossenwand und Rückentrainer in ihre Werkshallen, die Walldorfer Softwareschmiede SAP lässt ihre Angestellten psychologisch beraten, um deren Stress zu reduzieren.
Sportliches Freizeitangebot
Stress ist neben Bewegungsmangel die größte Gefahr für Leib und Seele, das eine bedingt das andere. Depressionen und Magenkrankheiten sind die Folge. Krankheit durch Burnout, haben Forscher ausgerechnet, koste die deutsche Wirtschaft angeblich jährlich weit über sechs Milliarden Euro.
Wenn sie vor ihrem Bildschirm sitze und die „Deadline“, der Abgabetermin für die neue Turnschuhkollektion nahe, häufe sich der Stress, sagt Anne Horrwarth, 32 Jahre, Adidas-Designerin. Horrwarth steht im Adi-Dassler-Stadion, der Firmengründer sitzt in Bronze gegossen auf der Zuschauertribüne, unten auf der Tartanbahn hat sich die Angestellte gerade 90 Minuten lang im Zirkeltraining gequält. Gleich geht es unter die Dusche, danach in die Kantine für einen Snack zum Mitnehmen, dann sitzt sie wieder vor dem Computer.
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Bei SAP steht die intellektuelle Leistungsfähigkeit im Vordergrund. Doch der Altersschnitt liegt bei 41 und da gibt es bei den Geistesarbeitern Rückenprobleme. Dagegen bietet SAP Massagen, Fitness, Sportkurse und vieles mehr an. Das wichtigste aber ist: Stressreduktion. Mitarbeiter können von zu Hause aus arbeiten, wer Angst hat, den Blackberry auszuschalten, dem soll geholfen werden.
Wer bei Adidas tagsüber Sport treibt, tut das in seiner Freizeit und hängt die Stunden morgens oder abends dran, eigenverantwortlich, eine Stechuhr gibt es nicht. Das nimmt Vorgesetzten, die Yoga und Pilates als Zeitverschwendung ansehen, den Wind aus den Segeln. Die zusätzliche Stunde lohne sich, sagt Horrwarth: „Das Training hilft mir, in der Mitte des Tages an was ganz anderes zu denken als an den Job. Danach fühle ich mich total fit.“
Yoga im Container
Im Stadion haben schon die Bayern trainiert und die argentinische Nationalmannschaft, der Fitness-Bereich auf dem Adidas-Gelände hingegen ist noch nicht weltmeistertauglich, eine neue Anlage ist im Bau. Bis dahin entspannt Caroline Hess, 31 Jahre, bei Yoga-Übungen im Container. Ausnahmslos Frauen liegen auf den violetten Matten und strecken die Hände gen Himmel, atmen tief ein und aus. „Konzentriert euch auf euer Selbst“, sagt die Leiterin und richtet Arme und Beine, „very good“, die Betriebssprache ist Englisch.
Wer will, kann die Woche in Herzogenaurach am Montagmittag mit Poweryoga beginnen, am Dienstag mit Vinyasa-Yoga Atemtechnik üben und am Mittwoch mit Core-Yoga Bauch- und Rückenmuskulatur stärken. Das Morgenyoga am Donnerstag beginnt um 7.15 Uhr. Als eine Gruppe neulich im österreichischen Leogang Mountain-Bike fuhr, bretterten auch die 55-Jährigen die Berge hinunter.
Die Currywurst bleibt trotzdem
Trotzdem sei Sport nicht alles, beteuert Manfred Echtner, bei Adidas zuständig für die Gesundheit der Mitarbeiter und Vorkämpfer gegen körperlichen Verfall: „Der Mensch lebt von Bewegung.“ Von gesundem Essen ebenfalls, und Echtner will auch an das Kantinenangebot des Caterers ran, Salat und Fisch seien nicht hinderlich für die Gesundheit, keine Frage. Bloß von der Currywurst, mehrmals zum Lieblingsessen der Belegschaft gewählt, will er die Finger lassen: „Die zu verbannen wäre nicht zielführend. Wichtig ist Ausgewogenheit.“ Ganzheitlichkeit ist noch so ein Lieblingswort.
Echtner spricht nicht gern von Fitness, wenn es um seine Kollegen geht. „Ich spreche lieber von Gesundheit.“ Das körperliche Wohlbefinden und damit die Produktivität des Einzelnen hänge eben nicht nur vom Sport ab und von Kalorien, nein, Echtner will künftig auch die Arbeitsstätten auf ihre Gesundheitsverträglichkeit inspizieren lassen, Stuhllehnen richten, aufklären über gesunden Lebensstil. Auch ein Psychologe ist bei Adidas für die Mitarbeiter da und berät in allen Lebenslagen.
Übergewicht statt Unterernährung
33 Jahre Durchschnittsalter mögen wenig sein in Deutschland, beim Softwarehersteller SAP ist die Belegschaft ganze acht Jahre älter, doch außerhalb Deutschlands, wo Adidas 95 Prozent seines Umsatzes macht, sind die Angestellten eben drei Jahre jünger als in Herzogenaurach. An denen muss man sich messen.
Neulich war Echtner auf einem Gesundheitskongress in Italien, der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton sprach über Ernährung, und seitdem ist Echtner überzeugt: Künftig werde die Stärke eines Landes nicht mehr allein am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts gemessen, sondern auch daran, wie gesund seine Bevölkerung sei: „Weltweit hat das Thema Übergewicht das Thema Hunger überholt.“
Echtner kann allerlei Studien zitieren, die ausgerechnet haben, was jeder investierte Euro in das Gesundheitsmanagement der Unternehmen bringt: acht Euro an zusätzlichem Ertrag. Die Produktivität steigt, der Krankenstand sinkt. Und wer in der Mittagspause zusammen meditiert oder Gewichte hebt, soll seine Kollegen sogar weniger mobben.
ADIDAS´ andere Seite
Thorsten Krach (sanctum.praeputium)
- 02.11.2012, 21:48 Uhr