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Mitarbeitersport Yoga für ein längeres Berufsleben

Der Turnschuhproduzent Adidas macht’s vor: Die Mitarbeiter turnen, schwimmen, boxen und meditieren. In der Mittagspause gehen sie ins werkseigene Stadion.

© Wohlfahrt, Rainer Hier trainiert die Adidas-Belegschaft um 12 Uhr mittags

Zwölf Uhr mittags, Zeit der Leiden in Herzogenaurach. Beim fränkischen Sportartikelhersteller Adidas unterwerfen sich die Angestellten dem täglichen Leistungsdiktat. „Come on!“ ertönt der Befehl, am Boden krümmt sich bei gefühlt sechs Grad Außentemperatur die Belegschaft. Stöhnen, Schwitzen, Jammern: „Das ist so gemein.“

Hendrik Ankenbrand Folgen:

Die Mitarbeiter haben es nicht anders gewollt. „CTX“ heißt das mittägliche Zirkeltraining im Adi-Dassler-Stadion auf dem Gelände der Konzernzentrale, die Teilnahme an der Odyssee der Schmerzen ist den Angestellten freigestellt. Und nicht gerade billig: Acht Mal eineinhalb Stunden Rennen, Werfen, Beine verknoten unter Aufsicht einer gestrengen Sportlehrerin kosten 30 Euro.

Zirkeltraining, Schwimmen, Klettern, Tanzen

An der Universität gibt es den Unisport, in den Betrieben des 19. Jahrhunderts war Betriebssport die Bezeichnung für die körperliche Ertüchtigung während der Arbeitszeit. „Gesundheitsmanagement“ heißt das Schwitzen mit Kollegen heute.

Neben Zirkeltraining haben die Adidas-Angestellten die Wahl zwischen Schwimmen, Klettern, Tanzen. Der Kurskatalog ist 32 Seiten stark und enthält weit über 200 Kurse und Gruppenausflüge, nicht weniger als acht Box-Lehrgänge werden den 3400 Mitarbeitern offeriert. Morgens, mittags, feierabends. Yoga und Zirkeltraining sind überbucht, wegen zu großen Andrangs wird die Teilnahme neuerdings ausgelost.

Mit dem  Projekt "Heute für morgen" will der  Automobilhersteller BMW seine älter werdende Belegschaft länger leistungs- und beschäftigungsfähig halten.  © Roeder, Jan Vergrößern Beim Autobauer BMW hängen in den Werken Anleitungen zur Gymnastik neben der Sprossenwand für die schnelle Stärkung der Bauchmuskulatur zwischendurch. Soll das Training länger dauern, geht es in die unternehmenseigenen Fitnesscenter. Also wird während der Arbeitszeit in 20-minütigen Übungen gelockert und gedehnt. Und aufgeklärt, wie jeder sich am besten fit hält. Zwang zum Betriebssport gibt es bei den Bayern aber nicht.

Wer unter 40 ist, spielt Fußball, bei den Grauhaarigen ist Nordic Walking der Renner. Konzernchef Herbert Hainer, drahtig, 58 Jahre, läuft Langstrecke. Die Adidas-Belegschaft, Durchschnittsalter 33 Jahre, ist fit. Gut für die Mitarbeiter. Und den Konzern, versteht sich.

Der deutsche Dauersitzer

Deutschland altert, und die Arbeitnehmer altern mit. Bei allem sportlichen Image stehen keine Laufbänder in den Büro-Etagen der fränkischen Adidas-Zentrale für die Masse an Personalern, IT-Experten, Werbern und Menschen, die die Lieferkette des Weltkonzerns von China bis Europa und Amerika im Blick behalten. Sondern Schreibtische wie im Rest der Republik: Gerade mal jeder zehnte Erwerbstätige geht hierzulande einer körperlichen Arbeit nach, der Rest sitzt und sitzt. 80.000 Stunden verbringt der Deutsche laut Daten der Bundesagentur für Arbeitsmedizin auf dem Hinterteil - und das nur am Arbeitsplatz. Zählen die Statistiker die Freizeit hinzu, sitzen die Bundesbürger täglich 10 bis 14 Stunden vor Computerbildschirm und Fernseher ab - folgerichtig berichten 80 Prozent der Bürger über Rückenschmerzen, jeder zweite klagt über ein dauerhaftes Leiden in Wirbelsäule und Nacken.

21930524 © Daimler Vergrößern „Kraftwerk Mobil“ ist der Name des rollenden Fitnessstudios, das für Daimler seit der Jahrtausendwende durch die Fertigungshallen fährt und das schnelle Rückentraining in fünf Minuten ermöglicht, unter Aufsicht eines Fitnesstrainers. Das Durchschnittsalter der Daimler-Belegschaft wird 2019 47 Jahre sein. Also wird in den Arbeitsgruppen viel rotiert, damit körperliche Belastungen auf viele Schultern verteilt werden. Und aufgefordert, doch lieber Treppen zu steigen.

Das sind keine hoffnungsfrohen Werte für eine Gesellschaft, die sich gerade darauf einstellt, ihre Mitglieder künftig bis 67, vielleicht auch bis zum 70. Lebensjahr arbeiten zu lassen, während im Rest der Welt weit jüngere Kohorten das Wachstum ihrer Nationen treiben. Wer länger berufstätig ist, muss also während des Arbeitslebens länger fit bleiben. Und weil das Durchschnittsalter in den Unternehmen künftig weit höher liegen wird als die 33 Jahre bei Adidas, ist Gesundheitsmanagement auch außerhalb der Herzogenauracher Sportwelt der Begriff der Stunde - in den Dax-Unternehmen genauso wie im Mittelstand: Autobauer wie BMW und Daimler bringen Sprossenwand und Rückentrainer in ihre Werkshallen, die Walldorfer Softwareschmiede SAP lässt ihre Angestellten psychologisch beraten, um deren Stress zu reduzieren.

Sportliches Freizeitangebot

Stress ist neben Bewegungsmangel die größte Gefahr für Leib und Seele, das eine bedingt das andere. Depressionen und Magenkrankheiten sind die Folge. Krankheit durch Burnout, haben Forscher ausgerechnet, koste die deutsche Wirtschaft angeblich jährlich weit über sechs Milliarden Euro.

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