Schon einmal etwas von „Home-Bias“ gehört? Nein? Dann wird es höchste Zeit. Denn dies ist nicht irgendein dröger englischer Fachbegriff. Sondern die Umschreibung für eine der gravierendsten Fehleinschätzungen, die Anlegern in diesen Zeiten unterlaufen kann. Und besonders ausgeprägt ist sie ausgerechnet in Deutschland.
Mit „Home-Bias“ ist gemeint: Anleger investieren ihr Geld am liebsten dort, wo sie sich am besten auskennen - in ihrem Heimatland. Die Deutschen verfolgen diesen Ansatz mit besonderer Vehemenz. In ihren Wertpapierdepots finden sich vor allem Aktien und Anleihen deutscher Unternehmen, seit Jahrzehnten ist dies schon so.
Wachstum gibt es künftig nur in den Schwellenländern
Und es ist zunächst einmal völlig verständlich, schließlich gilt auch in Anlagefragen: Nirgends weiß man so gut Bescheid wie zu Hause. Aber auf längere Sicht ist diese Investmentstrategie alles andere als erfolgversprechend. Denn vor allem mit Blick auf die eigene Altersvorsorge gilt: Allein auf Deutschland zu setzen wird nicht mehr reichen. Wer in Zukunft auskömmliche Renditen erzielen will, muss den Blick weiten - und Länder auf der ganzen Welt in Augenschein nehmen.
Fondsmanager wie Sören Rump haben das längst getan. Der Chef des dänischen Investmenthauses Global Evolution verbringt viel Zeit im Flugzeug, vor allem in Afrika und Asien ist er häufig unterwegs. Sein Unternehmen hat sich auf die Geldanlage in Schwellenländern spezialisiert, für Rump das Geschäft der Zukunft: „Europäische Investoren werden es sich nicht mehr leisten können, diese Märkte zu ignorieren. In den kommenden Jahrzehnten wird sich nämlich nur dort hohes Wachstum finden lassen. Und Wachstum ist eine Grundvoraussetzung für alle Investments, mit denen Anleger erfolgreich fürs Alter sparen wollen.“
Nun ließe sich dies leicht als Marketing-Gerede abtun, wie es von vielen Fondsgesellschaften zu hören ist: Altersvorsorge und Schwellenländer - wo soll da bitte der Zusammenhang sein? Aber so ungewöhnlich das zunächst auch klingen mag: Er ist weitaus stärker als gedacht.
Der Grund dafür liegt in einem einfachen Gesetz der Kapitalmarkttheorie: Auf lange Sicht können Anleger in einem Land nur eine Rendite in jener Höhe erreichen, die in etwa dem Wirtschaftswachstum entspricht. Darum sind Staaten, die jedes Jahr beachtliche Zugewinne erzielen, für Anleger attraktiver als Länder, die kaum noch hinzugewinnen. Deutschland beispielsweise wird nach Prognosen im kommenden Jahr gerade einmal um 0,9 Prozent wachsen. Mexiko dagegen, um nur ein Beispiel zu nennen, kann auf ein Plus von rund vier Prozent hoffen.
Auf Deutschland müssen Anleger nicht völlig verzichten
Natürlich bedeutet dies nicht, dass Anleger auf deutsche Papiere im Portfolio nun völlig verzichten müssten. Aber ihnen sollte klar sein: Dauerhaft akzeptable Erträge lassen sich nur noch erzielen, wenn sie die Geldanlage in Deutschland mit der Geldanlage im Ausland kombinieren. Und je stärker sich das Wachstum von Europa aus in andere Weltregionen verlagert, umso größeres Gewicht muss diesen Gegenden bei der langfristigen Anlagestrategie eingeräumt werden - also vor allem bei der Altersvorsorge.
Mehr Mexiko, weniger Deutschland - für viele Privatinvestoren mag dies zunächst ein befremdlicher Gedanke sein. Die Experten der Deutschen Bank aber raten Anlegern heute schon, bis zu 40 Prozent ihres Depots in Schwellenländer zu investieren.
Junge Leute kurbeln das Wachstum an
Denn das starke Wirtschaftswachstum in den sogenannten Emerging Markets ist keineswegs eine Ausnahmeerscheinung. Sondern es wird mit großer Sicherheit auch in den kommenden Jahrzehnten hoch bleiben. Diese Gewissheit leiten die Fachleute vor allem aus einer Kennziffer ab, um die sich normalerweise eher die Demographen kümmern als die Anlageexperten - der Bevölkerungsentwicklung. Sie zählt für Fondsmanager Rump aber zu den wichtigsten Größen: „Eine junge Bevölkerung ist die Basis für eine starke Wirtschaftsleistung.“
Viele junge Leute nämlich bilden für eine Volkswirtschaft nicht nur ein hervorragendes Reservoir an leistungsfähigen Arbeitskräften. Sondern sie kurbeln das Wachstum noch auf eine zweite Art an - als Konsumenten. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen vor allem im Alter zwischen 16 und 40 Jahren die meisten Anschaffungen tätigen: Sie kaufen sich das erste Auto oder die eigene Wohnung.
Das Durchschnittsalter Deutschlands steigt
In Deutschland ist das Potential für solche Wachstumsschübe gering: Das Durchschnittsalter in der Bundesrepublik beträgt rund 45 Jahre und wird bis zum Jahr 2050 auf fast 50 Jahre ansteigen. In den Schwellenländern dagegen sieht dies völlig anders aus: In Indonesien liegt der Durchschnitt bei gerade einmal 28 Jahren. Mexiko, Brasilien, Indonesien und die Türkei kommen auf ähnlich niedrige Werte - gegenüber den alternden Volkswirtschaften Europas ein gewaltiger Vorteil.
Zumal in den jungen Staaten immer mehr Menschen in die Mittelschicht aufsteigen: Laut einer Prognose der Großbank HSBC werden der konsumfreudigen Mittelklasse bis zum Jahr 2050 weltweit rund drei Milliarden Menschen mehr angehören als heute, ihr Einkommen wird sich dann im Schnitt verfünffacht haben - und alle werden sie aus den Schwellenländern stammen.
Andere Kriterien sind auch wichtig
So beeindruckend die Zahlen auch sind: Allein mit Blick auf die demographischen Daten lässt sich ein Anlageland nicht auswählen. Reichlich vorhandene Bodenschätze und ein funktionierendes Verkehrsnetz sind darum weitere Voraussetzungen, um sich für die Zukunft hohe Wachstumsraten zu sichern. Das macht trotz mancher Einschränkungen auch ein Land wie Nigeria auf lange Sicht aussichtsreich. Noch bedeutender jedoch ist ein anderes Kriterium: die politische Lage in einem Staat. Rump sagt: „Demokratie ist eine weitere Grundlage für langfristigen Investmenterfolg.“ Seine Argumentation: Allein Demokratien beteiligen alle Bevölkerungsschichten am Wachstum. Staaten dagegen, die nur wenige Gruppen in den Genuss von Wohlfahrtsgewinnen kommen lassen, sind der Gefahr politischer Umstürze ausgesetzt - für Investoren ein schwer kalkulierbares Risiko.
Gerade dem Erfolgsland China sollten langfristig orientierte Anleger darum misstrauen: Die politische Lage mag derzeit stabil sein. Ob sie es auf Dauer aber bleiben wird, ist fraglich. Zumal China wegen der strengen Geburtenkontrolle seinen demographischen Vorteil verlieren wird: Im Jahr 2050 wird das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei fast 40 Jahren liegen.
Selbst ohne China im Depot werden sich viele Anleger aber fragen: Sind die Schwankungen an den Börsen der Schwellenländer nicht doch zu hoch? Und gibt es nicht auch dort die Gefahr neuer Blasen an den Märkten? Alles richtig. Gerade in Krisenzeiten lassen sich Aktien und Anleihen aus den Schwellenländern tatsächlich oft nur schwer verkaufen. Aber wer einen Teil seiner Altersvorsorge mit Blick auf viele Jahre dort anlegt, braucht solche kurzfristigen Kurskapriolen kaum zu fürchten: Sie werden auf lange Sicht durch die Wachstumsgewinne mehr als ausgeglichen.
Allein auf einige wenige Länder zu setzen ist aber nicht ratsam. Am besten investieren Anleger in Fonds wie den „Aberdeen Global Emerging Markets“ oder den „Dexia Bonds Emerging Markets“: Beide streuen ihr Kapital über viele Staaten.
Die neue Anlagewelt ist sogar für all jene Deutsche geeignet, die gerade erst in den Ruhestand gegangen sind. Denn wegen der deutlich gestiegenen Lebenserwartung in Deutschland besitzen sie, worauf es bei Investitionen in Schwellenländer vor allem ankommt - Zeit.