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Franz Müntefering im Gespräch „Angst vor dem Alter? Ach was!“

„Es hat mich nie sonderlich berührt, wie alt ich bin und welchen Titel ich habe“: Franz Müntefering über sein junges Glück, die Freuden der späten Jahre und warum er eisern an der „Rente mit 67“ festhält.

© Andreas Pein Franz Müntefering, 72 Jahre alt, war SPD-Generalsekretär, zweimal Bundesminister und zweimal Parteichef. 2013 kandidiert er nicht mehr für das Parlament

Herr Müntefering, nächstes Jahr verlassen Sie den Bundestag, mit 73 Jahren. Fühlen Sie sich alt?

Ich wundere mich selbst, dass man mit 72 noch so gut drauf ist.

Es gibt nichts, wo Sie sagen: Das kann ich nicht mehr machen?

Ich jogge gern. Aber die Luft wird knapper, das Tempo auch. Und seit ich mir den Fuß gebrochen hatte, bleibe ich lieber zu Hause auf dem Laufband. Das Leben ist eine Kurve mit Aufschwung, Höhepunkt und Abschwung. Jede Phase hat ihren Charme. Männer machen aber leicht den Fehler, Herausforderungen mit dem Renteneintritt deutlich herunterzufahren. Das ist unklug und nicht gesund.

Nach den hohen Ämtern noch mal vier Jahre als einfacher Abgeordneter dranzuhängen: Das empfehlen Sie auch anderen Politikern?

„Einfacher Abgeordneter“, das ist schon was. Ich habe jedenfalls nach der schweren Wahlniederlage von 2009 sehr bewusst so entschieden. Es war klar, ich konnte nicht mehr vorne stehen. Aber ich wollte wissen, wie man damit anders umgehen kann als mit Rückzug. Wir Männer meinen ja immer: Je älter man wird, desto höher steigt man in der Hierarchie. Dieses Senioritätsprinzip müssen wir knacken. Wir müssen einfach akzeptieren, dass Alter und Spitze sein wenig miteinander zu tun haben. Beim Fußball ist das doch auch so.

Vom ersten Wahlkampf bis zur zweiten Hochzeit: Ein Leben in Bildern

 

21902139 Mit Johannes Rau im NRW-Wahlkampf, 1985 © Imago Bilderstrecke 

Das heißt aber auch, dass man dann weniger Geld verdient?

Klar. Es war immer ein Problem, wenn Ältere arbeitslos wurden und nur schlechter bezahlte Jobangebote bekamen. Das empfanden sie als Demütigung. Als Arbeitsminister habe ich versucht, das mit Programmen zu ändern. Man ist doch in einem Job, der schlechter bezahlt wird, als Mensch nicht weniger wert.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie geistig nicht mehr so schnell sind wie früher?

Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich noch dazulernen kann. Es kommt immer auf den Impuls an. Wenn sich ein 80-jähriger Deutscher in eine junge Chinesin verliebt, kann er in einem halben Jahr Chinesisch.

Nun haben Sie selbst vor drei Jahren eine jüngere Frau geheiratet, die allerdings aus dem Ruhrgebiet kommt und nicht aus China. Was haben Sie von ihr gelernt?

Wenn Menschen zusammenleben, egal wie alt sie sind, dann beeinflussen sie sich. Da hatte Karl Marx schon recht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Also lerne ich Ruhrgebiet und nicht China.

Womit wollen Sie sich denn beschäftigen, wenn Sie nächstes Jahr aus dem Bundestag ausscheiden?

Mal sehen. Aktiv bleibe ich auf jeden Fall, es gibt ja genug zu tun. Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl. Das Renteneintrittsalter ist für viele ein großes Missverständnis. Vor 150 Jahren arbeitete jeder so lange, wie er konnte. Mein Großvater schälte für die große Familie die Kartoffeln, er fand das in Ordnung. Was tun hält lebendig. Unsere Familie ist klein, da geht es schnell mit den Kartoffeln. Es bleibt Zeit für Spannenderes.

Sigmar Gabriel, Ihr Nachfolger als SPD-Vorsitzender, sieht das offenbar anders: Er hat die Rente mit 67 in Frage gestellt - mit dem Argument, dass zu wenige Ältere tatsächlich noch arbeiten.

Das Argument kann ich nicht akzeptieren. Als Rot-Grün 1998 begann, waren nur 36 Prozent der über 55-Jährigen in Beschäftigung. Inzwischen arbeiten in dieser Altersgruppe rund 65 Prozent. Das wächst nach oben durch: Die Menschen werden sechzig, gehen auf die fünfundsechzig zu. Selbst in der Altersgruppe zwischen 60 und 64 Jahren arbeiten jetzt 42 Prozent, obwohl die Welle dort noch nicht ganz angekommen ist. Das sind doppelt so viele wie vor wenigen Jahren. Ich bin stolz darauf, wie viel wir erreicht haben. Einen solchen Aufwuchs zu konterkarieren, finde ich auch psychologisch unklug. Wenn man jetzt sagte, das geht alles auch einfacher, dann wäre das kontraproduktiv, und nähme den Schwung aus der Bewegung. Das wäre ein Fehler.

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