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Onlinebezahl-Service : Deutsche Banken versagen mit Paydirekt

Die Voraussetzungen für ein deutsches Paypal sind eigentlich sehr gut: Mehr als 56 Millionen Online-Girokonten gibt es in Deutschland. Bild: Archiv

Die deutschen Banken wollen einen Konkurrenten zu Paypal erschaffen. Nach einem Jahr lässt sich bereits sagen: Das wird wohl so nicht klappen. Was läuft schief?

          Sonderlich feierlich wird es sich eher nicht angefühlt haben. Am 17. August des vergangenen Jahres, um 10.46 Uhr, wurde das erste Mal mit Paydirekt gezahlt. Käufer waren Mitarbeiter der Hypovereinsbank, das Testobjekt war eine Dartscheibe bei dem Online-Händler D-Living. Klingt wenig glamourös. Man wollte damals auf einen großen Startschuss mit lautem Getöse verzichten. Im Nachhinein kann sich das als sehr gute Entscheidung herausstellen. Denn vor knapp einem Jahr startete die Pilotphase von Paydirekt. Und die Bilanz fällt, gelinde gesagt, extrem nüchtern aus.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          An Lobesreden mangelte es damals nicht: „Mit dem Start von Paydirekt beim Marktführer Sparkasse wird das deutsche Online-Bezahlverfahren richtig Fahrt aufnehmen“, sagte Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon Ende April. Wahr ist vor allem, dass die Banken und Sparkassen sich lange Zeit untereinander selbst über das Projekt gezankt haben. Selbst die Verkündung eines Namens wurde mehrmals verschoben, weil keine Einigkeit herrschte. Während die Privatbanken sowie Volks- und Raiffeisenbanken schon im November des vergangenen Jahres offiziell starteten, sind die Sparkassen erst seit April vollzählig vertreten.

          530.000 Kunden bei Paydirekt

          Dabei wären die Voraussetzungen für ein deutsches Paypal sehr gut. Mehr als 56 Millionen Online-Girokonten gibt es in Deutschland. Die Deutschen haben keine Angst davor, im Internet zu zahlen, wie das Institut für Handelsforschung belegt. Schon jetzt werden 20 Prozent aller Umsätze mit Paypal umgesetzt.

          Warum tun sich dann die deutschen Banken damit so schwer? Zum einen: Sie sind spät dran. Sehr spät. Paypal wurde bereits im Jahr 1998 gegründet, seit dem Jahr 2004 ist es auch in Deutschland verfügbar. Paypal hat bereits einen Kundenstamm von 17 Millionen aktiven Nutzern. Viel aufzuholen für die deutschen Banken. Und gescheitert sind schon einige: Erinnert sich noch wer an Yapital oder Click and Buy?

          Es läuft bei Paydirekt zumindest sehr schleppend an: 140.000 Sparkassenkunden haben sich dort angemeldet, dazu kommen 200.000 von den Privatbanken und weitere 190.000 von den Genossenschaftsbanken – zusammengerechnet etwas mehr als 530.000 Kunden, also etwa 1 Prozent aller derjenigen, die ein Online-Girokonto haben.

          Der Handel ziert sich

          Noch deprimierender ist die Anzahl der Transaktionen: 450 sollen Sparkassenkunden je Woche erledigt haben. Zum Vergleich: Branchenprimus Paypal wickelt 270 Transaktionen ab – aber je Sekunde.

          Woran hakt es nun? Da kommt man schnell zum Henne-oder-Ei-Paradoxon. Was braucht es zuerst: Viele Leute, die mit Paydirekt zahlen wollen, oder doch viele Händler, bei denen gezahlt werden kann? An beiden Fronten gibt es kaum Fortschritte: Gerade einmal 140 Internet-Läden bieten diese Zahlungsart an. Wohlwollend könnte man es einen bunten Haufen nennen, doch eher sind es wenige Leuchttürme (Haribo und Alternate) und viele kleine Läden, die kaum einer kennt.

          Das für gewöhnlich sehr gut informierte „Bargeldlosblog“ zitiert dazu aus einem internen Bericht der Paydirekt-Projektgesellschaft der Sparkassen. Paydirekt ziele momentan auf die so genannten Top-50 Händler im Internet, von denen man mindestens die Hälfte für sich gewinnen will. Aber Wunschkunden wie Pearl haben Paydirekt bereits einen Korb gegeben, Doc Morris und Mindfactory hätten zugesagt. Mit Ikea verhandele man noch, angeblich könne man Metro und Deichmann schnell dazu gewinnen. Deutsche Bahn, Rewe, Tui, Adidas, und Karstadt haben wohl Angebote vorliegen. Doch der Handel ziert sich noch, aus zweierlei Gründen: Zum einen gibt es kaum eine Kundenbasis, zum anderen ist Paydirekt viel zu teuer. Als Basis für die Geschäfte dienen hier immer die Kreditkarten, da diese mit etwa 0,5 Prozent Gebühren die teuerste gewöhnliche Zahlart sind.

          „Gibt es überhaupt ernsthafte Werbung der anderen Investoren?“

          Allein die variablen Gebühren sollen bei Paydirekt zwischen 1 und 1,6 Prozent liegen, dazu kommen nochmal Transaktionsgebühren rund um die 35 Cent. Für die Händler ist es damit zu teuer. Die beteiligten Banken haben dagegen 100 Millionen Euro in Paydirekt investiert und sehen diese Investionen bei niedrigen Gebühren in Gefahr. Paypal verlangt zwar 1,1 Prozent, doch dieser Anbieter hat mit 17 Millionen Kunden den deutlich größeren Kundenstamm. Dazu muss die Gebühr zwischen Geschäft und 7 Banken einzeln ausgehandelt werden. Das ist nicht etwa eine Maßgabe des Bundeskartellamtes, sondern der Vorschlag der 23 beteiligten Banken gewesen.

          Auch das Gebaren von Paydirekt gegenüber Händlern muss stark ausbaufähig sein. Ein Onlinehändler, der probiert hat, sich für Paydirekt anzumelden, schildert, es sei „wie im Mittelalter“. Hier der Gutsherr Paydirekt, dort der Untertan Händler. Es gebe keine Testzugänge, man müsse sofort einen Vertrag abschließen. Bei manchen Banken gebe es wohl noch keine Ansprechpartner, andere lassen nur Pilotanwender zu. Zu guter Letzt müssen die Konditionen von allen Banken akzeptiert werden. Sind diejenigen von einer Bank zu hoch, müssen sie trotzdem akzeptiert werden – oder eben abgelehnt.

          Auch unter den einzelnen Banken knirscht es kräftig. So heißt es bei der Sparkasse unter vorgehaltener Hand, dass sie die einzigen Investoren seien, die eine „millionenschwere“ Werbekampagne führen. „Gibt es überhaupt ernsthafte Werbung der anderen Investoren?“fragt einer ketzerisch. Außer Broschüren und Aushängen habe er noch nicht viel gesehen. Geht die deutsche Kreditwirtschaft nicht bald gezielt vor, wird man die wohl auch bald nicht mehr brauchen.

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