Die Zeitschrift „Stern“ führte im Mai 2008 eine Umfrage zur Einschätzung der Sicherheit verschiedener Verkehrsmittel durch. Dabei nannten 42 Prozent der Befragten das Auto als sicherstes Verkehrsmittel, 24 Prozent die Bahn und nur 16 Prozent das Flugzeug.
Die Unfallstatistiken zeichnen allerdings ein ganz anderes Bild. Je Milliarde gefahrener Personenkilometer verunglücken im Auto durchschnittlich sechs Menschen tödlich, während die Todesrate beim Flugzeug 0,4 und bei der Bahn 0,2 Passagiere beträgt. Ganz eindeutig sind also Verkehrsmittel wie das Auto oder auch das Motorrad riskanter als das Flugzeug.
Wie kann es angehen, dass Menschen ein statistisch objektiv messbares Risiko so verzerrt wahrnehmen?
Wer wagt, gewinnt - oder verliert
Um diesen auch im Bereich der Geldanlage anzutreffenden Widerspruch zwischen tatsächlichem und wahrgenommenem Risiko zu verstehen, müssen wir uns zunächst mit dem Begriff Risiko auseinandersetzen und anschließend mit der Subjektivität der Risikowahrnehmung.
Risiko beschreibt die Unsicherheit über zukünftige Ereignisse. Kauft beispielsweise ein Anleger heute eine Aktie und plant, diese ein Jahr in seinem Depot zu halten, so kann er im günstigen Fall eine hohe Rendite von 20 Prozent oder auch mehr erzielen, im ungünstigen Fall - zum Beispiel in Zeiten einer Kapitalmarktkrise - aber auch einen ebenso hohen oder sogar noch höheren Verlust erleiden.
Je höher das Risiko, desto größer die Chance auf Rendite
Häufig können bei der Kapitalanlage zumindest Wahrscheinlichkeiten benannt werden, mit der bestimmte Verluste oder Gewinne am Ende des Jahres eintreten. Weist eine Kapitalanlage ein geringes Risiko auf, so sind damit zwei Sachverhalte impliziert. Erstens: Zukünftige Verluste fallen im Schnitt gering aus. Zweitens: Die Wahrscheinlichkeit von Verlusteintritten ist ebenfalls gering.
Anleger sollten sich aber auch verdeutlichen, dass Renditechancen umso höher sind, je höher das eingegangene Risiko ist. Ein geringes Risiko impliziert also auch eine geringe Renditechance.
Der Lehman-Effekt
Risiken lassen sich selbst mit Hilfe wissenschaftlicher Modelle nur schwer genau vorhersagen. Mit der Länge des Zeithorizonts nimmt zudem die Genauigkeit der Prognose ab: Eine Prognose für ein Jahr ist folglich deutlich ungenauer als eine Prognose für zwei Wochen. Nicht außer Acht gelassen werden darf auch, dass selbst bei einem Produkt mit einem kleinen Risiko hohe Verluste - wenn auch nur mit geringer Wahrscheinlichkeit - eintreten können. Wenn ein solch gering wahrscheinliches Ereignis, wie es die Lehman-Insolvenz darstellte, auftritt, können die Verluste allerdings sehr groß sein.
Ist nun, um auf das Ausgangsbeispiel zurückzukommen, die Einschätzung vieler Menschen falsch, das Auto als sicherstes Verkehrsmittel anzusehen, obwohl die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unglücks dort am höchsten ist? Betrachtet man die verkehrsstatistischen Daten, so lautet die Antwort „Ja“.
Jeder gewichtet Risiken anders
Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls ist beim Flugzeug geringer, die Schadenshöhe - hier konkret der Tod - ist bei beiden gleich. Folglich ist das Flugzeug im Durchschnitt eindeutig sicherer. Aber natürlich sollte man genauer differenzieren, denn es gibt sicherere und weniger sichere Autos und Flugzeuge.
Bei der Kapitalanlage ist die Situation nicht immer derart eindeutig. Zwei als gering riskant klassifizierte Anlageprodukte können sich dadurch voneinander unterscheiden, dass Produkt 1 durchschnittlich höhere Verluste erleiden kann als Produkt 2, dafür aber die Eintrittswahrscheinlichkeit des Verlusts geringer ist. Die Produkte unterscheiden sich also im Hinblick auf Verlusthöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit, fallen aber in dieselbe Risikoklasse, die auf Basis etablierter Kapitalmarktmodelle bestimmt wird. Ein Anleger, der hohe Verluste meiden will, auch wenn sie nur gering wahrscheinlich sind, kann das Produkt 1 als riskanter einstufen als das Produkt 2. Ein anderer Anleger, den vor allem die Sorge vor einem Verlusteintritt umtreibt, könnte zu einer gegensätzlichen Einschätzung kommen. Das Beispiel zeigt, dass die Risikowahrnehmung subjektiv ist und den jeweiligen persönlichen Einstellungen folgt.
Erfahrung nimmt die Scheu vorm Risiko
Bei der Risikowahrnehmung spielen zudem Erfahrungen und Emotionen, die die persönliche Einstellung oder Perspektive bestimmen, eine große Rolle. Ein Mensch, der noch nie mit dem Fallschirm gesprungen ist, für den eine solche Situation also mit großer Ungewissheit verbunden ist, bezieht in seine Risikowahrnehmung diese „Umfeldunsicherheit“ mit ein. Hat sich aber umgekehrt ein erfahrener Fallschirmspringer noch nie mit dem Thema Aktienanlage beschäftigt und keinerlei Kenntnis oder Erfahrung auf diesem Terrain gesammelt, nimmt er es folglich als unsicher wahr und wird bei der Bewertung des Risikos der Aktienanlage die gefühlte Unsicherheit mit einbeziehen. So kann der Fallschirmspringer zu dem für ihn rationalen Entschluss einer Festgeldanlage kommen, in Sachen Geldanlage könnte er also ein Angsthase sein.
Die Neurowissenschaft, die sich mit Aufbau und Funktionsweise des menschlichen Gehirns befasst, hat gezeigt, dass bei der Wahrnehmung und Beurteilung von Risiken Gehirnregionen aktiv sind, die auch Emotionen wie Angst und Erschrecken steuern. Gerade Extremszenarien wie die Lehman-Insolvenz oder der Absturz eines Flugzeugs erzielen eine hohe mediale Aufmerksamkeit, lösen Ängste aus und können unsere Risikowahrnehmung langfristig verzerren. Nach der Lehman-Insolvenz wurden alle Zertifikate pauschal verdammt, und unmittelbar nach einem Absturz wird das Verkehrsmittel Flugzeug sprunghaft riskanter eingestuft als zuvor. An den grundlegenden, objektiv messbaren Risiken dieser Papiere und des Verkehrsmittels Flugzeug hat sich allerdings nichts oder nur wenig geändert. Umgekehrt kann es in Phasen eines anhaltenden Börsenbooms mit rosigen Zukunftsaussichten aber auch zu einer Unterschätzung des Risikos kommen. Eine solche Unterschätzung kann sogar zur Entstehung von Blasen beitragen. Die Wahrnehmung von Risiken erfolgt also nicht nur bewusst, sondern in hohem Maße auch unbewusst und kann im Fall einer Blasenbildung selbst Risiken verursachen.
Insgesamt zeigen die Überlegungen, dass der Umgang mit dem Thema Risiko auch im Kontext der Kapitalanlage sehr komplex ist. Anleger sollten deshalb aber nicht grundsätzlich riskante Anlageprodukte meiden, denn ohne Risiken lassen sich am Kapitalmarkt auch keine Renditen erwirtschaften.
Lutz Johanning ist Professor an der „WHU - Otto Beisheim School of Management“, Maximilian Trossbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Der Fehler
Risikowahrnehmung ist subjektiv, abhängig von Erfahrungen und Emotionen und kann deshalb verzerrt sein.
Die Gefahr
Durch diese Verzerrungen kann es zu irrationalen Anlageentscheidungen kommen.
Die Abhilfe
Lassen Sie sich von Ihrem Anlageberater die Risiken - mögliche Verlusthöhen und Verlustwahrscheinlichkeiten - aber auch das Renditepotential nennen, oder bringen Sie diese eigenständig in Erfahrung. Verdeutlichen Sie sich mögliche Konsequenzen und fragen Sie sich, ob Sie mit diesen Konsequenzen leben können. Versuchen Sie die Risikoeinschätzung von der Umfeldunsicherheit und den Emotionen zu trennen, aber ignorieren Sie diese nicht.
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