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Denkfehler, die uns Geld kosten (61) So dumm sind wir nun auch wieder nicht

60 „Denkfehler“ hat die F.A.S. in ihrer Serie vorgestellt. Rational ist der Mensch nicht, richtig blöd aber auch nicht: Denn auch aus seinen Fehlern kann man lernen.

© David Ridley/SIS Vergrößern

Wir lassen uns durch eigene Erfolge blenden, wir neigen in Notsituationen zu Aktionismus und selbst an plumpe Werbung glauben wir. Das sind nur drei von vielen Denkfehlern, die wir in einer 60-teiligen Serie in den vergangenen Monaten vorgestellt haben. Wir verdanken die Entdeckung solcher Fehler einer neuen Disziplin der Volkswirtschaftswissenschaft: der Verhaltensökonomie.

Die Wissenschaftler dieser Forschungsrichtung hat ein Phänomen nicht ruhen lassen. Regelmäßig weicht das Alltagsverhalten der Menschen von Verhaltensweisen ab, die eigentlich zu erwarten wären von durchschnittlich begabten und zur Vernunft fähigen Leuten, die ihren Nutzen zu maximieren trachten. Das ist an sich schon unschön, weil Fehler Geld oder zumindest die gute Laune kosten. Und dann gibt es da ein elegantes neoklassisches Theoriegebäude, das ein wenig rissig wird. Die Volkswirtschaft, wie sie Studenten (nur) in den ersten Semestern beigebracht wird, arbeitet mit dem modellhaften Wirtschaftssubjekt „homo oeconomicus“. Das ist ein rationaler, bestinformierter Typ, der stets jene Entscheidungen fällt, die seinem privaten Nutzen dienen. Muss dieser Typ nicht gleich über Bord geworfen werden angesichts der erschütternden Entscheidungsqualität der realen Wirtschaftsteilnehmer? Nein, vermutlich nicht. Er taugt zum Erklären wirtschaftlicher Zusammenhänge immer noch ganz gut.

Eine neue Theorie muss her

“Dass die Menschen sich überwiegend nicht vollständig rational verhalten, hat sich mittlerweile auch unter Ökonomen herumgesprochen“, sagt der Magdeburger Ökonom Jochen Weimann. Dennoch halten fast alle ökonomischen Modelle an der Annahme strikter Rationalität fest. „Das liegt daran, dass wir von einer deskriptiv erfolgreichen Theorie eingeschränkt rationalen Verhaltens, die wir als Grundlage für ökonomische Modelle verwenden könnten, noch weit entfernt sind.“ Man könnte auch sagen, man hat noch kein griffiges Alternativmodell.

Aber es gebe schon Konsens darüber, dass einige der Effekte, die in der Verhaltensökonomie bisher gefunden wurden, Teil eines Alternativmodells zum „homo oeconomicus“ sein müssten, sagt Martin Kocher, Volkswirtschaftsprofessor der Universität München.

Wie sucht man eine neue Theorie? Die Forschung experimentiert, sie macht Laborversuche. Solche Methoden kannten die alten Ökonomen nicht. Das Problem der in den Experimenten herausgearbeiteten Denkfehler ist, dass sie uns kein einheitliches Bild geben, aus dem man eine schöne elegante neue Theorie bauen könnte.

Aus dem Bauch heraus entscheiden

Sollen wir dem Bankberater glauben, weil er das Vermögen viel besser strukturieren kann als wir selbst? Das war der Rat in Denkfehler-Folge 52. Oder müssen wir ihm misstrauen, weil er Fakten manchmal in den falschen Kontext stellt, wie der Rat in Denkfehler-Folge 31 lautete? Die 60 Denkfehler der F.A.S.-Serie passen nicht alle konsistent zueinander, zumindest nicht auf den ersten Blick. Manchmal wirkt die Sammlung an Denkfehlern, die Forscher in den vergangenen Jahren zusammengetragen haben, ein bisschen beliebig.

Bloß den Bauch entscheiden lassen, empfehlen die Anhänger der sogenannten „Heuristiken“, einfache Denkregeln, die oft verblüf-fend gut funktionieren. Vor allem wenn wir uns im Thema gut aus-kennen und die Entscheidung dem Bauch überlassen können. Aber nicht jede Heuristik bringt die Menschen weiter. Die Repräsentativitäts-Heuristik führt dazu, dass die Leute ihre Schlüsse viel zu schnell ziehen und von Wahrheiten überzeugt sind, die gar nicht stimmen. Ein Basketballspieler hat die „heiße Hand“, weil er in drei Spielen gut getroffen hat? Dann ist das keine Regel, sondern Zufall. Auch im Elektromarkt sollten wir die Entscheidung nicht ganz unserem Bauch überlassen, sonst trickst uns der Verkäufer aus und verkauft uns einen zu teuren Fernseher.

Ein paar grundsätzliche Schwächen der Menschen lassen sich ausmachen: Wir schwanken zwischen Gier und Angst, wir sind überschwänglich. Wir überschätzen uns oft, sind aber manchmal leichtgläubig. Und manchmal schlicht ziemlich dumm. Aber so viel wussten wir schon vorher. Sobald es ins Detail geht, wird die Lage wieder unübersichtlich.

Sicher ist: Der Kopf will sich Denkarbeit ersparen. In vielen Fällen ist das erfolgreich, aber manchmal schießt er übers Ziel hinaus. Theoretisch interessant ist, dass dahinter eine eigene Rationalisierungsstrategie steckt. Praktisch heißt das: Wir müssen uns merken, wo der Kopf faul ist und wo wir den Verstand auch gegen seinen Willen bemühen müssen.

Füße still halten

Beim Nachdenken sollten wir in vielen Fällen zu dem Schluss kommen, dass wir lieber gar nichts tun, sondern alles so lassen wie vorher. Speziell, wenn es um die Geldanlage geht, sind wir viel zu aktiv. Aber wenn wir unser Geld umschichten, machen wir oft viele Fehler. In Auktionen sollten wir etwas früher aufhören mitzubieten, als wir es gerne täten. Denn oft geht die Begeisterung mit uns durch und verführt uns zu Geboten, die zu hoch sind.

Allemal hilft es, noch einen anderen zu fragen. Ein Freund kann uns helfen, unsere Selbstüberschätzung im Zaum zu halten. Er kann uns helfen, Disziplin zu gewinnen, wenn wir unangenehme Aufgaben vor uns herschieben. Und selbst beim Bankberater lohnt es sich, einen zweiten zu fragen. So profitiert man vom Wissen der Berater, ohne sich von einem einzelnen abhängig zu machen.

Hinter diesen Ratschlägen steckt eine Portion Optimismus: Wir vertrauen auf die Lernfähigkeit, wir glauben, dass der Mensch seine Fehlerhaftigkeit überwinden kann. Mancher zumindest. Gelegentlich. Von Ferne winkt ein alter Schrat: der „homo oeconomicus“. Manchmal sind wir zu dumm für die komplizierte Welt. Aber das ist nicht unser Schicksal.

Mehr zum Thema

Wie es weitergeht

Mit diesem Artikel endet unsere Serie „Denkfehler, die uns Geld kosten“. Alle Beiträge - und einige weitere Artikel aus dem Umfeld der neuen Verhaltensökonomik - werden im Herbst im Lübbeverlag als Buch erscheinen.

Am Sonntag, dem 5. Mai, starten wir unter dem Titel „Was treiben die Banken?“ an dieser Stelle eine neue Serie: In der Finanzindustrie läuft einiges schief, nicht erst seit Ausbruch der Krise. Wir zeigen: Das Bankgeschäft ist einfacher, als die Branche es uns glauben macht.

Quelle: F.A.S.

 
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