Home
http://www.faz.net/-hc1-6yisw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Zertifikate und ETFs

Denkfehler, die uns Geld kosten (6) Der Zufall ist wild und unberechenbar

Anleger geben dem Zufall gerne eine Bedeutung. Und handeln danach. Das ist unvernünftig.

© Valentine Edelmann Vergrößern

Es ist eine Sensationsnachricht, die im Jahr 2000 die Aktienkurse aufrüttelt: „Biodata findet neues Medikament gegen das Aids-Virus“ plärrt es über das deutsche Börsenparkett, das sich in jenen Tagen im Kursrausch befindet, die Euphorie am Neue Markt ist auf ihrem Höhepunkt - ein Zustand, der bald danach in großen Katzenjammer umkippen wird.

Mehr zum Thema

Ärgerlich an dieser Nachricht war nur, dass das Geschäftsmodell von Biodata nicht Biotechnologie, sondern IT-Sicherheitslösungen waren, was viele Anleger aber nicht daran hinderte zu investieren. Denn ein Unternehmen, das ein „Bio“ im Namen hat, muss wohl etwas mit Biotechnologie zu tun haben. Und diese Zukunftsbranche war damals an der Börse besonders gefragt.

Wer aussieht wie ein Buchhalter, muss auch einer sein

Man mag über diesen Kurzschluss in den Köpfen mancher Anleger schmunzeln, aber genau so gehen Menschen oft vor, wenn sie eine Person, einen Gegenstand oder einen Vorgang einordnen: Hat das Objekt A starke Ähnlichkeit mit anderen Objekten aus der Gruppe B, schließen wir, dass A ein Mitglied der Gruppe B ist. Wenn ein Mensch aussieht wie ein Buchhalter, muss es auch ein Buchhalter sein. Und wenn ein Unternehmen das Wörtchen „Bio“ im Namen führt wie andere Biotechnologie-Unternehmen, dann muss es ein Biotechnologie-Unternehmen sein, oder?

“Repräsentativitätsheuristik“ haben die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman diese mentale Abkürzung getauft: Wir klassifizieren Dinge, Menschen und Vorgänge nach ihrer Repräsentativität - wer einem Banker ähnlich ist, ist auch einer. Grundsätzlich ist diese Denkstrategie klug und zeitsparend, kann aber zu Fehlentscheidungen führen, vor allem, wenn wir uns mit dem Zufall beschäftigen. Das Problem des Menschen mit dem Zufall ist nämlich, dass er ihn sich als ungeordnet, als chaotisch und wirr vorstellt. Also ist alles, was nicht ungeordnet, wirr und chaotisch ist, nicht repräsentativ für diese Vorstellung und kann deswegen kein Zufall sein. Wir glauben nicht, dass ein Zufall Muster erzeugt, weswegen Muster immer eine Bedeutung für uns haben, auch wenn sie zufällig entstehen.

Glauben ans Prinzip der Serie

Das führt beispielsweise dazu, dass Menschen an Chartanalyse glauben: Wer Muster in Kursverläufen sieht, gibt diesen eine Bedeutung, weil Muster eben nicht zufällig entstehen können. Die Repräsentativitätsheuristik kann also dazu führen, dass wir zufällige Kurskonstellationen mit Bedeutung adeln, das macht Chartanalyse in den Augen ihrer Kritiker zu Narrengold. Doch nicht nur das, die Repräsentativitätsheuristik führt dazu, dass wir erwarten, dass sich unsere Vorstellung vom Zufall überall widerspiegelt. Deswegen glauben Menschen an die heiße Hand.

Hinter der Idee der heißen Hand steht die Vorstellung, dass Serien nicht zufällig sein können, auch wenn sie nur von kurzer Dauer sind: Wenn ein Analyst vier Jahre in Folge richtigliegt, eine Aktie oder ein Index mehrere Monate hintereinander steigt, glauben wir, dass der Analyst oder die Aktie heiß sind, dass dieser Lauf so weitergeht - und investieren. Statistisch gesehen ist das mutig, denn so ein Erfolg muss nicht ein Hinweis auf einen Trend oder besondere Fähigkeiten des Analysten sein, sondern kann zufällig zustande gekommen sein. Aber das würde nicht unserer repräsentativen Vorstellung vom Zufall entsprechen.

Kursentwicklungen verleihen wir nachträglich einen Sinn

Im schlimmsten Fall investieren wir dann auf der Basis längst vergangener und unbedeutender Erfolge, die auf einer viel zu kleinen Stichprobe beruhen. Die Repräsentativitätsheuristik führt also dazu, dass der Analyst, der einmal spektakulär richtig liegt, zum Guru wird, ein Analyst, der mehrmals in Folge richtig liegt, eine heiße Hand hat, der Fonds, der drei Jahre hintereinander den Markt schlägt, der beste ist. Wir investieren, weil wir zufälligen Ereignissen nachträglich einen Sinn verleihen.

Während man bei der heißen Hand also erwartet, dass alles so weitergeht wie bisher, geht man beim sogenannten Spielerirrtum vom Gegenteil aus, nämlich davon, dass ein Trend enden muss. Sieht man im Casino, dass sagen wir vier- oder fünfmal hintereinander auf Rot fällt, so erwartet man, dass jetzt Schwarz „an der Reihe“ ist, weil viermal hintereinander Rot nicht unserer repräsentativen Vorstellung vom Zufall entspricht. Wer dem Spielerirrtum unterliegt, begeht also den gleichen Fehler wie die heiße Hand mit anderem Vorzeichen: Er glaubt nicht, dass ein Trend Bestand hat, weil es unserer Vorstellung von Zufall entspricht, dass ein solcher Trend zu Ende gehen muss.

Narren des Zufalls

So widersprüchlich diese beiden Ideen sind, so prima passen sie in der Realität zusammen. Nach einer Untersuchung erwarten private Investoren, dass amerikanische Aktien steigen werden, wenn sie im Vorjahr gestiegen sind. Anders ist das hingegen bei den Erwartungen professioneller Investoren: Sie unterliegen dem Spielerirrtum, glauben also daran, dass nach einem guten Jahr ein schlechtes Jahr folgen muss. Der echte Zusammenhang wäre übrigens: gar keiner. Die Renditen des Vorjahres haben wenig Erklärungskraft für das aktuelle Jahr. Sowohl die Profis als auch die Privatinvestoren unterliegen der Repräsentativitätsheuristik und messen den Ergebnissen des Vorjahres eine zu große Bedeutung bei.

Die Repräsentativitätsheuristik führt also dazu, dass wir zufälligen Ereignissen eine ungerechtfertigte Bedeutung zumessen. Wir fällen Investitionsentscheidungen, weil wir zufälligen Ereignissen nachträglich einen Sinn verleihen, was nicht gerade die beste Entscheidungsgrundlage ist. Der Zufall ist so wild und unberechenbar, dass er auch Muster erzeugt - und wenn wir nicht lernen, dass so etwas möglich ist, machen wir uns zu Narren des Zufalls. Dass Repräsentativität keine gute Investmentgrundlage ist, haben auch die Käufer der Biodata-Aktie erfahren müssen: Knappe zwei Jahre später meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Der Autor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim.

Repräsentativitäts-Heuristik

Die Falle: Wenn etwas nicht unserer repräsentativen Vorstellung von Zufall entspricht, kann es in unseren Augen nicht zufällig sein.

Die Gefahr: Wir geben Zufällen zu rasch eine Bedeutung, wenn diese Ereignisse nicht unserer Vorstellung vom Zufall entsprechen. Wir fällen auf dieser Basis sogar Kaufentscheidungen, die teuer werden können.

Die Abhilfe: Werfen Sie ein paar Mal eine Münze und notieren Sie jeweils Kopf und Zahl. Sie werden Muster finden, die zufällig entstanden sind. Das sollte Sie an das Wesen des Zufalls erinnern.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Geld & Leben

"Meine Finanzen" hat die richtigen Tipps für jede Lebenslage. Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Weint nicht um Argentinien

Von Patrick Welter, Washington

Menschenrechtler, Währungsfonds und der Bankenverband - sie alle warnen: Nach Argentiniens Zahlungsausfall könnten Gläubiger die Staaten eher unter Druck setzen. Aber was soll daran schlimm sein? Mehr 145 92

Zinsen
Wertpapiersuche

Märkte aktuell
Name Kurs Änderung
  FAZ-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro/Dollar --  --
  Gold --  --