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Zertifikate und ETFs

Denkfehler, die uns Geld kosten (52) Marmeladenkäufer und andere Spießer

Die Menschen lieben die Eintönigkeit, auch wenn sie anderes behaupten. Wir kaufen wild durcheinander. Und essen doch am liebsten immer dasselbe.

© Getty Vergrößern

Vielleicht kennen Sie das auch: Bei uns zu Hause werden viele Nahrungsmittel auf Vorrat eingekauft, zum Beispiel Marmelade. Meistens kaufen wir eine bunte Mischung aus verschiedenen Sorten, die wir dann nach und nach anbrechen und zum Frühstück verzehren.

Denn als Haushalt, der mehrheitlich aus studierten Volkswirten besteht, haben wir natürlich verinnerlicht, dass ein optimales Konsumbündel eine ausgewogene Mischung verschiedener Güter beinhaltet. Denn wenn man schon ein Glas Brombeermarmelade gegessen hat, dann schmeckt das nächste Glas schon nicht mehr ganz so toll. Man wird mit der Zeit überdrüssig.

Abwechslung als Pflicht

Als erstes öffnen wir normalerweise die Himbeermarmelade - die mögen alle am liebsten. Dann Erdbeere und dann Kirsche. Und wenn schließlich nur noch die Stachelbeer- und die Rhabarbermarmelade übrig sind - dann ist es höchste Zeit für den nächsten Einkauf. Diesem Muster folgend geben wir, nur der Vielseitigkeit der Auswahl wegen, konsequent Geld für Marmeladensorten aus, die eigentlich niemand mag.

Beim Einkaufen auf Vorrat findet eine Bündelung der Konsumentscheidungen über einen längeren Zeitraum statt. Man kauft auf einen Schlag das, was man im Laufe der nächsten Woche essen will - oder vielmehr glaubt essen zu wollen. Diese Bündelung weckt mehr oder weniger automatisch das Bedürfnis nach Abwechslung.

Dafür sorgt ein Phänomen, das Verhaltensforscher „zeitliche Kontraktion“ nennen: Wir unterschätzen, dass wir trotz eines Brötchens mit Himbeermarmelade gestern auch heute am allerliebsten wieder eins mit unserer Lieblingssorte hätten. Sequenzielle, zeitlich hinreichend voneinander getrennte Entscheidungen zeugen nämlich oftmals davon, dass der Mensch nun einmal ein Gewohnheitstier ist.

Zu viel Diversifikation

Diese Diskrepanz zwischen sequenziellen und gebündelten Konsumentscheidungen nennen die Verhaltensökonomen „variation bias“ oder „diversification bias“. Im Marmeladenbeispiel sorgte dieser Effekt für nachteilhafte Entscheidungen, indem zu viele verschiedene Sorten gekauft wurden. Denn jedes einzelne Frühstück schmeckt dann am besten, wenn es Himbeermarmelade gibt.

In der Geldanlage ist Diversifikation, also die Aufteilung des investierten Betrages auf verschiedene Anlageklassen, sehr wichtig. Auch hier können Fehler passieren, die dem „variation bias“ geschuldet sind.

Eine typische Situation, in der eine gebündelte Anlageentscheidung getroffen wird, haben die Forscher Shlomo Benartzi und Richard Thaler im Hinblick auf den „diversification bias“ untersucht. Beim Abschluss eines Sparvertrages für die private Altersvorsorge konnten die Kunden verschiedener Pensionskassen aus mehreren Investmentfonds auswählen, in die die Sparbeträge in einer vom Sparer festzulegenden Aufteilung investiert werden sollten.

Die mit Abstand beliebteste Regel war, wie sich herausstellte, die „1/N-Regel“. Dabei wird der anzulegende Geldbetrag einfach gleichmäßig auf alle zur Verfügung stehenden Fonds verteilt. Das bedeutet jedoch, dass das Rendite- und Risikoprofil des resultierenden Portfolios maßgeblich davon bestimmt ist, welche Fonds von einer Pensionskasse überhaupt angeboten werden.

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So stieg der Anteil des in Aktien investierten Geldes deutlich an, wenn mehr Aktienfonds zur Verfügung standen - obwohl die Risikoeinstellung der Anleger über die verschiedenen Pensionskassen hinweg nicht systematisch verschieden war. Es gäbe also eigentlich keinen Grund, warum Kunden des einen Anbieters ihr Geld riskanter anlegen als die des anderen.

Der sicherheitsorientierte Spekulant

Besonders problematisch, so betonen die Forscher, kann die „1/N-Regel“ sein, wenn die zur Verfügung stehenden Anlagealternativen so zusammengestellt wurden, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Dies ist typischerweise bei solchen Fonds der Fall, die ihre Anlagepolitik auf eine bestimmte Gruppe von Anlegern ausrichten mit dem Ziel, ihr mit einem einzigen Produkt ein gut diversifiziertes Portfolio mit einem passenden Rendite- und Risikoprofil zur Investition anzubieten. Solche Fonds haben typischerweise Namen wie „Sicherheit“, „Stabilität und Wachstum“ und „Spekulation“.

Ein Anleger, der in Folge des „variation bias“ in alle diese Fonds investiert oder zum Beispiel zum Fonds „Sicherheit“ noch einen Aktienfonds beimischt, geht damit - möglicherweise ohne dies zu verstehen - Anlagerisiken ein, die eigentlich nicht seiner Zielvorstellung für die Geldanlage entsprechen. Variation ist also nicht per se ein Heilsbringer in der Geldanlage.

Schutz vor Selbstbetrug

Selbst anspruchsvolle quantitative Verfahren wie das des Nobelpreisträgers Harry Markowitz stellen den Anleger vor die Wahl vieler Kombinationen von Anlageklassen. Zwar haben alle von ihnen ein optimales Verhältnis von Rendite und Risiko. Doch welches das persönlich passende Portfolio ist, steht auf einem anderen Blatt.

Einen erheblichen Vorteil hat die Bündelung von Anlageentscheidungen im Rahmen solcher Sparverträge aber im Hinblick auf die Auswirkungen der bereits angesprochenen „zeitlichen Kontraktion“: Würden wir Monat für Monat aufs Neue entscheiden, ob wir einen bestimmten Betrag in unsere private Altersvorsorge investieren, wären wir sicherlich hin und wieder versucht, das Sparen auf später aufzuschieben - mit unter Umständen gravierenden Folgen. Um diesem drohenden Selbstbetrug zu entgehen, kann eine Bindung an einen Sparplan sehr hilfreich sein, mit dem man zukünftige Investitionsentscheidungen vorwegnimmt.

Der Variation Bias

Die Falle: Der natürliche Wunsch nach Abwechslung im Konsumverhalten und nach Diversifikation bei Investitionen kann überbewertet werden. Dies passiert vor allem dann, wenn wir die Konsequenzen für eine heute getroffene Entscheidung erst zukünftig tragen oder wenn wir für voneinander unabhängige Situationen übergreifende Entscheidungen fällen.

Die Gefahr: Wir geben Geld aus für Dinge, die wir eigentlich nicht mögen und holen uns Wertpapiere ins Depot, die eigentlich nicht zu unserer Risikoeinstellung passen.

Die Abhilfe: Fragen Sie sich, ob Sie sich möglicherweise zu dem Zeitpunkt, an dem Sie die Konsequenzen Ihrer heutigen Entscheidung tragen müssten, noch einmal anders entscheiden würden. Bei Investitionsentscheidungen ist es besonders wichtig, dass Sie sich Ihr Anlageziel stets vor Augen halten.

Maximilian Trossbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der „WHU - Otto Beisheim School of Management“.

Nächste Woche: Hyperbolic Discounting - Wir unterschätzen Folgekosten bei Handy und Auto

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Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 19.02.2013, 14:12 Uhr

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