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Veröffentlicht: 07.01.2013, 11:56 Uhr

Denkfehler, die uns Geld kosten (46) Ein Lob der Mittelmäßigkeit

Wenn die Kurse stark steigen, glauben wir oft, dass dies immer so weitergeht. Dabei vergessen wir: Alles, was steigt, muss auch wieder fallen.

von Hanno Beck
© Doriano Solinas/SIS

Unter Pädagogen gilt es als ausgemacht, dass Lob motiviert und Kritik demotiviert - umso irritierter waren die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, als sie bei Übungen mit Piloten im Flugsimulator das Gegenteil feststellten: Lobte man die Piloten für eine exzellente Landung im Simulator, so fiel die nächste Landung nicht besser, sondern schlechter aus. Hagelte es Kritik für eine miese Landung, so fiel der nächste Versuch besser aus. Lob schadet der Leistung, Kritik beflügelt sie?

Wohl eher nicht. Der seltsame Befund der beiden Psychologen lässt sich darum besser mit einem Phänomen erklären, das Statistiker „Rückkehr zum Durchschnitt“ (Englisch: Reversion to the mean) nennen. Bezogen auf die Piloten ist damit Folgendes gemeint: Nicht jede Landung gelingt gleich gut. Wer mehrere Versuche macht, wird dabei einige exzellente und einige sehr schlechte Versuche hinlegen - aber diese Ausreißer sind nicht repräsentativ für das durchschnittliche Können eines Piloten. Auch ein durchschnittlicher Pilot hat ab und an eine überdurchschnittliche Landung, der dann eine weniger überdurchschnittliche Landung folgt, ja folgen muss, weil die vorangegangene Landung überdurchschnittlich war.

Besser als der Durchschnitt geht nicht auf Dauer

Dass einer sehr guten Landung eine weniger gute folgt, muss also nicht von Lob oder Kritik abhängen, sondern davon, dass überdurchschnittliche Ergebnisse nicht dauernd passieren können - sonst wären sie ja eben durchschnittlich. Auf eine unterdurchschnittliche Landung wird darum auch wieder eine ganz normale, etwas bessere Landung folgen - unabhängig davon, ob es Kritik gehagelt hat oder nicht.

Das ist das Phänomen, das sich hinter der „Reversion to the mean“ versteckt: Weicht ein Wert übermäßig vom Durchschnitt ab, so kann man erwarten, dass er langfristig wieder zu diesem Durchschnitt zurückkehrt. Je größer dabei die Abweichung vom Durchschnitt ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der betreffende Wert wieder zum Durchschnitt zurückkehrt. Kurz gesagt: Je extremer ein Ereignis ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass auf dieses Ereignis ein durchschnittliches Ereignis folgt.

Anleger können sich die Tendenz zum Durchschnitt zu Nutze machen

Beispiele für die Rückkehr zum Durchschnitt gibt es zuhauf. Das Phänomen kann innerhalb einer Familie auftauchen: Sind die Eltern überdurchschnittlich groß, so werden ihre Kinder etwas kleiner sein, weil es nun einmal so etwas wie eine durchschnittliche Größe des Menschen gibt. Wäre das nicht der Fall, würden längst Familien von Riesen und Zwergen die Welt bevölkern. Ein anderes Beispiel findet sich beim Arzt: Gehen bei einer Grippeepidemie eher die schwer erkrankten Patienten zum Arzt, so wird sich der Gesundheitszustand dieser Patienten wegen der Rückkehr zum Durchschnitt automatisch bessern, egal, welche Behandlung der Arzt anwendet. Möglicherweise interpretiert der Arzt die Besserung der vielen Patienten als Ausweis seines Erfolges, obwohl sie tatsächlich eher dem Phänomen der „Reversion to the mean“ geschuldet sein wird - denn die schlimmsten Krankheitsbilder sind eben nichts anderes als statistische Ausreißer. Es ist also anzunehmen, dass diese Kranken sich in ihrer Verfassung langfristig wieder dem Durchschnitt annähern. Ein Punkt, den man beachten muss, wenn man die Wirksamkeit von Medikamenten testen will.

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