“Mit mir ist es komisch. Ich kann so viel. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich eigentlich alles“, sagt die kleine Lotta in einem Astrid-Lindgren-Buch. Eine andere schöne Beschreibung, welche Dimension individuelle Selbstüberschätzung annehmen kann, stammt vom israelisch-amerikanischen Verhaltensökonomen Daniel Kahneman. Der Nobelpreisträger arbeitete während seines Militärdienstes in Israel für den psychologischen Dienst der Armee mit der Aufgabe, aus Soldaten potentielle Offiziere herauszusuchen, die sich in der Offiziersschule und in der Schlacht bewähren würden.
Kahneman benutzte unter anderem folgende Übung: Acht Soldaten, die sich nicht kannten und ihre militärischen Ränge nicht wussten, bildeten eine hierarchiefreie Gruppe für eine ganz spezielle Aufgabe: Sie sollten einen Stamm zu einer Mauer schleppen und ihn dann darüberhieven, ohne selbst dabei die Mauer zu berühren.
„Der schafft es nie“
Die Idee war, dass sich bei der komplizierten Aktion die natürlichen Führer herauskristallisieren würden und dass diese besonders geeignet waren für eine Offizierslaufbahn. Die Gruppe brachte diese und ähnliche Übungen hinter sich unter den strengen Augen von Kahneman und seinen Kollegen. Die Psychologen fällten am Ende harte, klare und eindeutige Urteile, die laut Kahneman ungefähr folgende Qualität hatten: „Der schafft es nie“, „Der wird ein Star“, „Der ist zwar nur mäßig, wird seinen Weg aber irgendwie machen“.
Allerdings, die Urteile, die Kahneman und seine Mitstreiter fällten, waren komplett nutzlos, wie sich herausstellte. Das ergaben Feedback-Gespräche mit den Offiziersschulen. Soldaten mit schlechter Empfehlung kamen groß heraus, potentielle Stars lieferten Mittelmaß oder versagten. Genaugenommen waren Kahnemans Urteile in ihrer Aussagequalität kaum besser, als wenn die Offizierskandidaten blind getippt worden wären, schreibt der Wissenschaftler rückblickend.
Vertrauen stellt sich ein, wenn die Story stimmt
Die kühle Empirie hätte Kahneman demütig und zurückhaltender bei der Formulierung der Bewertungen machen können, hat sie aber nicht. Er behielt die Übungen nicht nur bei, er fällte weiterhin klare, eindeutige Urteile. Die offenkundig miese Qualität seiner Vorhersagen künftiger Offiziere hatte keinen Einfluss auf die Übungen selbst, die den Soldaten auferlegt wurden, und sehr geringen Einfluss auf die Zuversicht und das Selbstvertrauen, das Kahneman in die eigene Urteilskraft legte.
Hier wird Selbstüberschätzung kombiniert mit der Weigerung, negative Bewertungen eigener Fähigkeiten nicht nur hinzunehmen, sondern auch gewissermaßen einzuarbeiten in künftiges Verhalten.
Woher kommt diese Selbstüberschätzung und ihre Beharrungskraft? Das Vertrauen in die eigene Urteilskraft rührt grundsätzlich nicht aus einem sorgfältigen Evaluierungsprozess, der verschiedene Wahrscheinlichkeiten auslotet. Vertrauen ist vielmehr ein Gefühl, das sich einstellt, wenn die Story stimmt, sprich intuitiv plausibel ist, formuliert Kahneman. Wenn bei komplizierten Kooperationsübungen einige Soldaten zentrale Rollen einnehmen, dann passt das intuitiv zur Vorstellung, diese Köpfe bewährten sich auch in der militärischen Auseinandersetzung oder wenigstens in der Offiziersschule.
Die Mehrheit von Individuen stuft sich als überdurchschnittlich ein
Wer sich einmal in einer Situation als Führer beweist, müsste sich doch eigentlich immer und auch in anderen Situationen als Führer beweisen, oder? Doch die Realität ist offensichtlich viel komplizierter, so kompliziert, dass unser Kopf damit Probleme hat. Der denkt sich nämlich die Welt als deutlich geordneter, als sie wirklich ist.
Zahlreiche Experimente belegen, dass sich die Mehrheit von Individuen als überdurchschnittlich einstuft, was positive Fähigkeiten und Eigenschaften angeht. Die große Mehrheit sieht sich als überdurchschnittliche Autofahrer, Manager, Geldanleger und Entrepreneure. Und 94 Prozent der College-Professoren denken, Überdurchschnittliches zu leisten. Aus dem Vertrauen in eigene Fähigkeiten erwächst auch eine Methode, wie Ergebnisse beurteilt werden. Ist das Resultat gut, liegt das an den eigenen Fähigkeiten. Ist das Resultat schlecht, war es von eigenen Entscheidungen nicht zu steuerndes Pech.
Selbstüberschätzung kann weitreichende Folgen haben. So hat die deutsche Berkeley-Professorin Ulrike Malmendier herausgefunden, dass CEOs, die vor Selbstvertrauen strotzen, häufiger als andere Topmanager dazu neigen, wertvernichtende Akquisitionen zu tätigen. Sie hat dabei ein interessantes Modell entwickelt, normale Manager von jenen zu unterscheiden, die sich selbst überschätzen. Sie hat CEOs amerikanischer Unternehmen untersucht, die zum Teil mit Aktienoptionen entlohnt werden. Nach einer Haltefrist hat jeder CEO die Möglichkeit, seine Aktienoptionen zu Geld zu machen, was auch unter dem Gesichtspunkt einer optimalen Vermögensdiversifikation sinnvoll wäre. Übermäßig selbstbewusste CEOs aber halten die Optionen, weil sie glauben, den Wert der Aktien durch eigene Anstrengungen nach oben treiben zu können.
Selbstbewusstsein, gerne auch zu viel davon, zahlt sich aus
Das sind genau die Chefs, bei denen Malmendier feststellte: Sie investieren zu viel, wenn es an internen Mitteln nicht mangelt. Dann neigen sie auch zu Übernahmen und Fusionen, denn sie glauben, in der Regel zu Unrecht, dass sie hohe zusätzliche Erträge aus den neuen Zusammenschlüssen generieren können. Auf der anderen Seite investieren sie zu wenig, wenn sie auf externes Geld angewiesen sind, wie auf Kredite oder Kapital aus einer Kapitalerhöhung. Das wiederum ist auch logisch: Sehr selbstbewusste Chefs von börsennotierten Gesellschaften haben in der Regel die Einschätzung, dass die Kapitalmärkte den Wert des Unternehmens als zu niedrig ansetzen, weshalb eine Kapitalbeschaffung durch die Ausgabe von Aktien zu teuer wäre.
Warum aber ist Selbstüberschätzung so ein Massenphänomen? Neuere Untersuchungen sprechen für die Vermutung, dass übermäßig selbstbewusste Personen bessere Chancen haben, auf der sozialen Leiter nach oben zu klettern. Sie sind Meister der Eigenwerbung und zugleich stärker als andere getrieben von der Sehnsucht, Karriere zu machen. Selbstbewusste Persönlichkeiten steigen im sozialen Ansehen, selbst wenn sie weniger fähig als andere sind. Sie werden respektiert, genießen Prominenz und haben Einfluss.
Männer schätzen ihre persönliche Leistung optimistischer ein als Frauen
Nun gibt es das durch private Anschauung fundierte Vorurteil, bei der Gruppe der Selbstüberschätzer handele es sich vor allem um Männer. Hinweise kommen hier ebenfalls von einer kalifornischen Untersuchung. Terrance Odean und Kollege Brad Barber untersuchten das Verhalten von Privatleuten, die an der Börse spekulierten. Sie fanden heraus, dass die Überzeugung der Männer, den Markt schlagen zu können, sie dazu brachte, 67 Prozent häufiger Aktien zu kaufen oder zu verkaufen als unverheiratete Frauen. Das Resultat dieser hektischen männlichen Aktivitäten war negativ. Die Frauen verdienten mehr an der Börse.
Eine andere Studie förderte zu Tage, dass Männer optimistischer als Frauen sind, was ihre persönliche Leistung in einem Wettbewerb angeht. Dafür sind Frauen offenbar eher übermäßig zuversichtlich, was das Abschneiden ihres Teams in einem Konkurrenzwettbewerb betrifft. Das passt wiederum zu einer anderen Erkenntnis: Frauen halten sich für besonders teamfähig. Könnte Selbstüberschätzung sein. Die Forschung ist noch nicht abgeschlossen.
Der Fehler
Die meisten trauen sich mehr zu, als sie tatsächlich leisten. Das ist Selbstüberschätzung, englisch „Overconfidence“.
Die Folgen
Grundsätzlich folgen daraus Fehlentscheidungen. Konkret: Fehlinvestments am Aktienmarkt, weil Anleger sich stärker als die Märkte fühlen und glauben, sie können diese schlagen. Oder Beförderung der Falschen, weil übermäßiges Selbstbewusstsein positiv ausstrahlt und den Aufstieg erleichtert.
Die Abhilfe
Dem eigenen Selbstbewusstsein misstrauen - und Aufschneider nicht befördern.
@Nils Kuhs Zum Beitrag vom 04.12.2012 11:57 Uhr
Erik Staack (E_Staack)
- 05.12.2012, 12:50 Uhr
Lustig, dass sich ein typische Phänomen wieder einmal bestätigt.
Nils Kuhs (N.Holgerson)
- 04.12.2012, 13:56 Uhr
Männer vs Frauen oder Blender vs. Zauderer
Erik Staack (E_Staack)
- 04.12.2012, 10:40 Uhr
Hochmut
Claus F. Dieterle (Claus-F-Dieterle)
- 03.12.2012, 23:34 Uhr
Selbstüberschätzung? Nein!
Heinrich Kaminski (Sebrich)
- 03.12.2012, 23:10 Uhr