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Denkfehler, die uns Geld kosten (42) : Jeder glaubt, er sei besser als der Durchschnitt

Bild: © Images.com/Corbis

Selbstüberschätzung ist ein Massenphänomen: Ob beim Autofahren oder an der Börse, überall trauen die Leute sich zu viel zu.

          “Mit mir ist es komisch. Ich kann so viel. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich eigentlich alles“, sagt die kleine Lotta in einem Astrid-Lindgren-Buch. Eine andere schöne Beschreibung, welche Dimension individuelle Selbstüberschätzung annehmen kann, stammt vom israelisch-amerikanischen Verhaltensökonomen Daniel Kahneman. Der Nobelpreisträger arbeitete während seines Militärdienstes in Israel für den psychologischen Dienst der Armee mit der Aufgabe, aus Soldaten potentielle Offiziere herauszusuchen, die sich in der Offiziersschule und in der Schlacht bewähren würden.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Kahneman benutzte unter anderem folgende Übung: Acht Soldaten, die sich nicht kannten und ihre militärischen Ränge nicht wussten, bildeten eine hierarchiefreie Gruppe für eine ganz spezielle Aufgabe: Sie sollten einen Stamm zu einer Mauer schleppen und ihn dann darüberhieven, ohne selbst dabei die Mauer zu berühren.

          „Der schafft es nie“

          Die Idee war, dass sich bei der komplizierten Aktion die natürlichen Führer herauskristallisieren würden und dass diese besonders geeignet waren für eine Offizierslaufbahn. Die Gruppe brachte diese und ähnliche Übungen hinter sich unter den strengen Augen von Kahneman und seinen Kollegen. Die Psychologen fällten am Ende harte, klare und eindeutige Urteile, die laut Kahneman ungefähr folgende Qualität hatten: „Der schafft es nie“, „Der wird ein Star“, „Der ist zwar nur mäßig, wird seinen Weg aber irgendwie machen“.

          Allerdings, die Urteile, die Kahneman und seine Mitstreiter fällten, waren komplett nutzlos, wie sich herausstellte. Das ergaben Feedback-Gespräche mit den Offiziersschulen. Soldaten mit schlechter Empfehlung kamen groß heraus, potentielle Stars lieferten Mittelmaß oder versagten. Genaugenommen waren Kahnemans Urteile in ihrer Aussagequalität kaum besser, als wenn die Offizierskandidaten blind getippt worden wären, schreibt der Wissenschaftler rückblickend.

          Vertrauen stellt sich ein, wenn die Story stimmt

          Die kühle Empirie hätte Kahneman demütig und zurückhaltender bei der Formulierung der Bewertungen machen können, hat sie aber nicht. Er behielt die Übungen nicht nur bei, er fällte weiterhin klare, eindeutige Urteile. Die offenkundig miese Qualität seiner Vorhersagen künftiger Offiziere hatte keinen Einfluss auf die Übungen selbst, die den Soldaten auferlegt wurden, und sehr geringen Einfluss auf die Zuversicht und das Selbstvertrauen, das Kahneman in die eigene Urteilskraft legte.

          Hier wird Selbstüberschätzung kombiniert mit der Weigerung, negative Bewertungen eigener Fähigkeiten nicht nur hinzunehmen, sondern auch gewissermaßen einzuarbeiten in künftiges Verhalten.

          Woher kommt diese Selbstüberschätzung und ihre Beharrungskraft? Das Vertrauen in die eigene Urteilskraft rührt grundsätzlich nicht aus einem sorgfältigen Evaluierungsprozess, der verschiedene Wahrscheinlichkeiten auslotet. Vertrauen ist vielmehr ein Gefühl, das sich einstellt, wenn die Story stimmt, sprich intuitiv plausibel ist, formuliert Kahneman. Wenn bei komplizierten Kooperationsübungen einige Soldaten zentrale Rollen einnehmen, dann passt das intuitiv zur Vorstellung, diese Köpfe bewährten sich auch in der militärischen Auseinandersetzung oder wenigstens in der Offiziersschule.

          Die Mehrheit von Individuen stuft sich als überdurchschnittlich ein

          Wer sich einmal in einer Situation als Führer beweist, müsste sich doch eigentlich immer und auch in anderen Situationen als Führer beweisen, oder? Doch die Realität ist offensichtlich viel komplizierter, so kompliziert, dass unser Kopf damit Probleme hat. Der denkt sich nämlich die Welt als deutlich geordneter, als sie wirklich ist.

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