Verhalten wir Menschen uns manchmal so wie die Schafe auf der Weide oder wie es früher die Bisons in den Prärien des Wilden Westens taten? Sind wir Herdentiere? Im Englischen spricht man von „herding“, und wenn Ökonomen das Wort gebrauchen, meinen sie damit, dass Akteure eine bestimmte Handlung durchführen (zum Beispiel den Kauf einer Aktie), weil andere vor ihnen das Gleiche getan haben. Entscheidend ist, dass sie die Aktie nur deshalb und nur dann kaufen, wenn andere sie zuvor kauften. Diese Definition entspricht dem, was die Bisons auf ihren Wanderschaften tun. Einige gehen vorweg, folgen ihren Instinkten oder dem Duft von frischem Gras, und die anderen trotten hinterher.
Es kommt also darauf an, dass es Vorreiter oder Anführer gibt, die den Weg weisen. Das müssen nicht immer dieselben sein. Eine Herde folgt mal dem, mal dem, und auch auf dem Aktienmarkt können unterschiedliche Akteure „vorneweg“ gehen. Das so definierte Herding unterscheidet sich grundlegend von einem Verhalten, bei dem alle Akteure (oder viele von ihnen) eine gemeinsame Beobachtung machen und aus dieser den gleichen Schluss ziehen.
Läuft beispielsweise die Nachricht über den Ticker, dass das Unternehmen X seine letzte Bilanz gefälscht hat und tatsächlich tiefrote anstatt schwarze Zahlen schreibt, ist klar, was passiert. Jeder versucht seine X-Aktien so schnell wie möglich loszuwerden. Alle tun das Gleiche und sind dennoch keine Herde. Eher ein Vogelschwarm, dessen Mitglieder alle zur gleichen Zeit den Falken heranfliegen sehen. Nun könnte man meinen, dass dies eine doch sehr feinsinnige Unterscheidung ist, die nicht viel weiterhilft. Herde oder Schwarm, was macht das für einen Unterschied?
Rationales und nichtrationales Herdenverhalten
Ökonomen sind da anderer Ansicht. Sie unterscheiden nämlich zwischen rationalem und nichtrationalem Herdenverhalten. Nehmen wir an, es gibt eine große Zahl von Akteuren, die alle nicht genau wissen, ob die Aktie von Unternehmen A eine gute Anlage ist oder eine schlechte. Jeder Einzelne beobachtet aber ein Signal, das entweder darauf hindeutet, dass A gut ist (G) oder schlecht (S). Außerdem können die Akteure das Verhalten der anderen beobachten (nicht aber, welches Signal sie bekommen). Würde jeder nur für sich entscheiden, würde jeder seinem Signal folgen. Das heißt: die, die G beobachten, kaufen, und die, die S beobachten, kaufen nicht. Aber nehmen wir an, Albert beobachtet ein G und kauft. Berta sieht, dass Albert gekauft hat, und kann daraus schlussfolgern, dass er G gesehen haben muss. Wenn nun Berta auch ein G sieht, wird sie ebenfalls kaufen (bei S hätte sie nicht gekauft).
Das wiederum beobachtet Cecilia und schlussfolgert daraus zu Recht, dass auch Berta ein gutes Signal bekommen haben muss. Damit hat Cecilia bereits sicher die Information, dass zweimal G beobachtet wurde. Das kann zur Folge haben, dass sie auch dann, wenn sie selbst ein S sieht, dennoch kauft, weil zwei G und ein S bei rationaler Anpassung der Erwartungen immer noch zu der Erwartung führen, dass die Aktie gut ist. Ab Cecilia ist es also gar nicht mehr nötig, auf das eigene Signal zu achten. Man kauft in jedem Fall. Es entsteht eine „Informationskaskade“ und Doris, Eckhard, Fabian und so weiter werden sich wie Herdentiere verhalten und brav das tun, was die anderen taten. Und sie verhalten sich dabei strikt rational.
Das heißt aber nicht, dass man dabei auch gut abschneiden muss. Bei einer Informationskaskade ist es zwar rational, sich auf das zu verlassen, was man sieht, aber es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sein, dass die Informationskaskade in die falsche Richtung geht. Rationales Herdenverhalten schützt vor Irrtum nicht. Irrationales erst recht nicht. Es ist vor allem der sogenannten „verhaltensökonomischen Finanzmarktforschung“ (Behavioral Finance) zu verdanken, dass Phänomenen wie dem sogenannten „feedback“ immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Ein herausragender Vertreter dieser Richtung ist Robert Shiller, der sowohl 2000 den Crash der Internetblase als auch 2008 das Platzen der Immobilienblase in Amerika vorausgesagt hat (nicht alle Ökonomen waren diesbezüglich blind!). Feedback- Modelle beschreiben das Entstehen von spekulativen Blasen als einen Prozess, bei dem spekulativ in die Höhe getriebene Preise (von Aktien oder Immobilien) dazu führen, dass sie die Erwartung weiter steigender Preise erzeugen. Diese Rückkopplung führt dazu, dass es zu einem sich selbst verstärkenden und eine Weile selbst tragenden Prozess kommt, bei dem die Preise über die Fundamentalwerte weit hinaus getragen werden.
Shiller (2003) berichtet von zwei schönen Beispielen, die zeigen, wie stark dieser Effekt sein kann. Das erste ist die berühmte Tulpenblase, die in den Niederlanden um 1630 beobachtet werden konnte. Nachdem Händler erfahren hatten, dass der Preis bestimmter Tulpenzwiebeln stark gestiegen war, setzte ein Feedback-Mechanismus ein, der die Tulpenpreise in astronomische Höhen steigen ließ und viele Händler reich machte. Die Zeche wurde (wie immer) gezahlt, als die Blase platzte und die Tulpenpreise wieder auf das normale Niveau fielen, auf dem sie heute noch sind.
Das zweite Beispiel liefert die Firma 3Com, die auf dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie 10 Prozent ihres Bestandes an Aktien der Firma Palm verkaufte. Legte man den dabei erzielten Preis zugrunde und bewertete damit die 90 Prozent der bei 3Com verbliebenen Aktien, dann zeigte sich, dass der „Nicht-Palm-Anteil“ von 3Com einen negativen Wert hatte. Eigentlich eine gigantisch gute Gelegenheit, ein Geschäft zu machen. Aber nicht einmal die rationalen Spekulanten konnten die Überbewertung von Palm verhindern. Diese Beispiele sind lange bekannt, und das irrationale Herdenverhalten, was dahintersteht, ist genauso lange beschrieben. Genützt hat das nichts. Amerikas Immobilienblase und die durch sie ausgelöste Finanzkrise fanden trotzdem statt.
Der Autor ist Wirtschaftsprofessor in Magdeburg. Nächste Woche: Wie wir uns unliebsame Fakten vom Hals halten. Alle Folgen unter www.faz.net/denkfehler.
Shiller, Roubini...
Joerg Gerhard (Jogi65)
- 24.11.2012, 13:39 Uhr
Muss man
Gerd Akmann (gakmann)
- 21.11.2012, 20:14 Uhr
Besseres Wissen hilft nichts
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 21.11.2012, 19:17 Uhr
Bei Gefahr versuchen Schafe in die Mitte der Herde zu kommen
klaus keller (klkeller)
- 21.11.2012, 17:45 Uhr