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Denkfehler, die uns Geld kosten (40) Lass dich ruhig mal mit der Herde treiben

Oft tun wir etwas, nur weil es andere auch tun. Zum Beispiel Aktien kaufen: Akteure kaufen das Wertpapier nur, wenn andere es zuvor kauften. Manchmal kann das sogar klug sein.

© Malte Knaack Vergrößern „Herding“: Einer geht voraus, die anderen folgen

Verhalten wir Menschen uns manchmal so wie die Schafe auf der Weide oder wie es früher die Bisons in den Prärien des Wilden Westens taten? Sind wir Herdentiere? Im Englischen spricht man von „herding“, und wenn Ökonomen das Wort gebrauchen, meinen sie damit, dass Akteure eine bestimmte Handlung durchführen (zum Beispiel den Kauf einer Aktie), weil andere vor ihnen das Gleiche getan haben. Entscheidend ist, dass sie die Aktie nur deshalb und nur dann kaufen, wenn andere sie zuvor kauften. Diese Definition entspricht dem, was die Bisons auf ihren Wanderschaften tun. Einige gehen vorweg, folgen ihren Instinkten oder dem Duft von frischem Gras, und die anderen trotten hinterher.

Es kommt also darauf an, dass es Vorreiter oder Anführer gibt, die den Weg weisen. Das müssen nicht immer dieselben sein. Eine Herde folgt mal dem, mal dem, und auch auf dem Aktienmarkt können unterschiedliche Akteure „vorneweg“ gehen. Das so definierte Herding unterscheidet sich grundlegend von einem Verhalten, bei dem alle Akteure (oder viele von ihnen) eine gemeinsame Beobachtung machen und aus dieser den gleichen Schluss ziehen.

Läuft beispielsweise die Nachricht über den Ticker, dass das Unternehmen X seine letzte Bilanz gefälscht hat und tatsächlich tiefrote anstatt schwarze Zahlen schreibt, ist klar, was passiert. Jeder versucht seine X-Aktien so schnell wie möglich loszuwerden. Alle tun das Gleiche und sind dennoch keine Herde. Eher ein Vogelschwarm, dessen Mitglieder alle zur gleichen Zeit den Falken heranfliegen sehen. Nun könnte man meinen, dass dies eine doch sehr feinsinnige Unterscheidung ist, die nicht viel weiterhilft. Herde oder Schwarm, was macht das für einen Unterschied?

Rationales und nichtrationales Herdenverhalten

Ökonomen sind da anderer Ansicht. Sie unterscheiden nämlich zwischen rationalem und nichtrationalem Herdenverhalten. Nehmen wir an, es gibt eine große Zahl von Akteuren, die alle nicht genau wissen, ob die Aktie von Unternehmen A eine gute Anlage ist oder eine schlechte. Jeder Einzelne beobachtet aber ein Signal, das entweder darauf hindeutet, dass A gut ist (G) oder schlecht (S). Außerdem können die Akteure das Verhalten der anderen beobachten (nicht aber, welches Signal sie bekommen). Würde jeder nur für sich entscheiden, würde jeder seinem Signal folgen. Das heißt: die, die G beobachten, kaufen, und die, die S beobachten, kaufen nicht. Aber nehmen wir an, Albert beobachtet ein G und kauft. Berta sieht, dass Albert gekauft hat, und kann daraus schlussfolgern, dass er G gesehen haben muss. Wenn nun Berta auch ein G sieht, wird sie ebenfalls kaufen (bei S hätte sie nicht gekauft).

Das wiederum beobachtet Cecilia und schlussfolgert daraus zu Recht, dass auch Berta ein gutes Signal bekommen haben muss. Damit hat Cecilia bereits sicher die Information, dass zweimal G beobachtet wurde. Das kann zur Folge haben, dass sie auch dann, wenn sie selbst ein S sieht, dennoch kauft, weil zwei G und ein S bei rationaler Anpassung der Erwartungen immer noch zu der Erwartung führen, dass die Aktie gut ist. Ab Cecilia ist es also gar nicht mehr nötig, auf das eigene Signal zu achten. Man kauft in jedem Fall. Es entsteht eine „Informationskaskade“ und Doris, Eckhard, Fabian und so weiter werden sich wie Herdentiere verhalten und brav das tun, was die anderen taten. Und sie verhalten sich dabei strikt rational.

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