Home
http://www.faz.net/-hc1-743yw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Denkfehler, die uns Geld kosten (38) Ich dachte, ich hätte mich im Griff

Nichts Fettes essen oder nie mehr rauchen: Das nehmen sich viele vor. Wer seine Selbstdisziplin für besonders hoch hält, scheitert besonders oft.

© Bengt Fosshag Vergrößern

Viele Feste und Kongresse finden ihren Höhepunkt in den Worten: „Lassen Sie es sich schmecken.“ Dann ist das Buffet eröffnet. Und unter der Kochmütze des rotgesichtigen Bratenschneiders sammeln sich erste Schweißperlen. Denn nun zeigen selbst feinste Gesellschaften, dass Triebunterdrückung nur ein ziemlich unausgereiftes Konzept ist. Am schlimmsten ist die Rücksichtslosigkeit, wenn Leute an die kalten und warmen Platten drängen, die sich untereinander nicht oder nur oberflächlich kennen und deshalb auf Urteile über ihr Benimm- und Sozialverhalten pfeifen.

Mehr zum Thema

Winand von Petersdorff-Campen Folgen:  

Das Komische beim Buffet ist doch, dass die wenigsten Teilnehmer im Nachhinein urteilen würden, dass es ein kulinarischer Hochgenuss war. Denn die meisten Leute häufen sich nach erfolgreichem Vordringen an die Tröge mehr auf den Teller, als verträglich ist, und das in Mischungen, die selbst die britische Kochkunst nicht hervorzubringen wagte: Fleisch an Fisch und Spätzle an Kartoffelsalat. Wie unbeschwert hätte man sich gefühlt, wenn man sich erst ein leichtes Süppchen zu Gemüte geführt hätte, danach Salat und Fisch und zum Abschluss eine Kugel Sorbet. Dann wäre der Kräuterschnaps zum Aufräumen des Magens nicht nötig gewesen.

Der Lust nachgeben - oder sich lieber zusammenreißen?

Warum schafft man es nur so schlecht, seine Impulse zu unterdrücken? Gefühlszustände wie Hunger, sexuelle Erregung oder die Lust auf eine Zigarette lassen sich offenbar längst nicht so leicht managen wie gedacht. Wäre ja nicht weiter schlimm, wenn nicht gerade das Stillen bestimmter Anwandlungen in Konflikt mit längerfristigen Zielen stehen würde: die Fressorgie gegen das Ziel, ein paar Kilo abzuspecken; der Seitensprung gegen den Wunsch nach einem friedlichen Familienleben. Und das siebte Bier gegen die Gesundheit der Leber. Es gibt also ein paar handfeste Gründe, sich zu mäßigen - mal abgesehen von der Freudschen Erkenntnis, dass ohne Triebunterdrückung eine Zivilisation nicht denkbar ist.

Kopie von 22018031

Tatsächlich hat ein jeder offenbar ziemlich klare Vorstellungen darüber, wie sehr er sich unter Kontrolle hat. Es sind meist zu optimistische Vorstellungen. Denn nicht wenige überschätzen schlicht ihre Selbstdisziplin. Und gerade dieser Personenkreis hat die Neigung, sich Verführungen auszusetzen: Er glaubt, ihnen besonders lange widerstehen zu können. Aber Pustekuchen.

Wir überschätzen unsere Selbstdisziplin

Das Ergebnis, das drei Wissenschaftler um Loran Nordgren in vier Versuchen herausdestilliert haben, lautet: Menschen haben die Neigung, ihre Fähigkeit zur Unterdrückung von Trieben zu überschätzen. Dieses voreingenommene Selbstbild hat wiederum Konsequenzen: Ihr überoptimistischer Glaube an die eigene Selbstdisziplin bringt die Leute dazu, sich überdurchschnittlich häufig verführerischen Situationen auszusetzen, um diesen dann überdurchschnittlich oft zu erliegen. Am Maß ihres Selbstbewusstseins bezüglich der Triebkontrolle kann man die Wahrscheinlichkeit ihres Scheiterns ablesen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nobelpreisträger Tirole Man braucht Willen und eine Vision

Jean Tirole, Nobelpreisträger für Wirtschaft 2014, über seine Touloser Universität und gefährliche Liebschaften zwischen Forschung und dem Finanzkapitalismus. Mehr

17.12.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Hongkong Polizei nimmt über 40 Demonstranten fest

In Hongkong ist es erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten gekommen. Hunderte Studenten hatten versucht, den Hauptsitz der Regierung zu besetzen. Mehr

02.12.2014, 08:23 Uhr | Politik
Internetdozent Clay Shirky Multitasking laugt geistig aus

Clay Shirky lehrt in New York den Umgang mit dem Netz und sozialen Medien. Nun hat ausgerechnet er Studenten verboten, in seinen Vorlesungen mobile Geräte zu benutzen. Was die wohl dazu sagen? Mehr

12.12.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Mexiko Graben nach Leichen der vermissten Studenten

Die Angehörigen der vermissten mexikanischen Studenten gehen bereits davon aus, dass diese nicht mehr leben - aber wo sind die Leichen? Einige graben nun selbst danach. Mehr

25.11.2014, 12:18 Uhr | Politik
Jurastudium Hier geht es um Indianer, nicht um Häuptlinge

Wer das Jurastudium reformieren möchte, sollte sich dabei nicht auf ein idealisiertes neunzehntes Jahrhundert stützen: Eine Gegenrede zum Artikel Das freie Denken kommt zu kurz, von einem Kollegen des Autors. Mehr Von Hinnerk Wißmann

14.12.2014, 09:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.11.2012, 19:23 Uhr

Geld & Leben

"Meine Finanzen" hat die richtigen Tipps für jede Lebenslage. Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Zinsen
Wertpapiersuche

Märkte aktuell
Name Kurs Änderung
  FAZ-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro/Dollar --  --
  Gold --  --