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Denkfehler, die uns Geld kosten (36) : Morgen, morgen, nur nicht heute

Bild: Neele Bunjes HAW-Hamburg

Unangenehme Dinge schieben wir oft auf die lange Bank. Dagegen gibt es Tricks, mit denen wir uns selbst überlisten können.

          Dieser Artikel war schon an einem Dienstagabend fertig, satte fünf Tage vor der geplanten Veröffentlichung. Es ist kein Redaktionsgeheimnis, dass so eine frühe Abgabe nicht normal ist: Viele Journalisten beenden ihre Texte erst knapp vor der Deadline. Aber so ähnlich geht es ja in vielen Berufen zu. Überall schieben die Leute ihre Arbeit immer wieder vor sich her. Nur Fachleute haben für diese Faulheit ein vornehmeres Wort, sie „prokrastinieren“. Die Prokrastination ist ein ganz natürlicher Wesenszug, über den schon zahlreiche Witze gemacht wurden. Jeder kennt schließlich das Phänomen, dass man, statt zu arbeiten, am liebsten noch mal die E-Mails checkt. Und bei vielen Studenten sieht die Bude dann besonders sauber aus, wenn sie gerade für ihre Prüfungen lernen müssten.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Das ganze Problem beginnt - wie so oft - mit einer eigentlich sehr nützlichen Eigenschaft. Einfach gesagt: Was uns vor der Nase hängt, das wollen wir haben. Wenn ein Apfel am Baum hängt, greifen wir gerne zu. Das schützt vor dem Verhungern. Blöd wird es nur, wenn die Entscheidungen komplizierter werden. Dann verschenken wir viel Geld, wie Forscher herausgefunden haben.

          Wir sind zu ungeduldig

          Fragt man Probanden, ob sie zehn Euro in 30 Tagen wollen oder elf Euro in 31 Tagen, entscheiden sich die meisten für die elf Euro - und für den Tag Wartezeit. Doch wenn sie die Wahl haben zwischen zehn Euro heute und elf Euro morgen, kann kaum noch einer einen Tag warten. Psychologen nennen dieses Verhalten „hyperbolisches Diskontieren“.

          Mit unserer Zeit gehen wir genauso um, vor allem mit unserer Arbeitszeit. Das Mailprogramm liegt uns eben doch näher als das Nachdenken über griffige Formulierungen, das Kopfzerbrechen über die passende Formel oder die zeitaufreibende Suche nach dem fehlenden Semikolon im Programmcode.

          Wir nutzen Gegenmittel

          Doch wir wissen ziemlich gut, wo unsere Schwäche liegt - und die meisten Leute nutzen auch Gegenmittel, wenn sie nur angeboten werden. Das haben der amerikanische Psychologe Dan Ariely und sein deutscher Kollege Klaus Wertenbroch festgestellt. Und zwar mit ihren Studenten.

          Sie ließen die Studenten in einem Semester drei Hausarbeiten abgeben. Die Studenten mussten sich selbst Abgabedaten für die Hausarbeiten setzen. Wenn sie ihr Abgabedatum nicht erreichten, bekamen sie eine Strafe. Für jeden Tag, den sie hinter dieser sogenannten „Deadline“ zurücklagen, wurde ein Prozentpunkt von ihrer Bewertung abgezogen. Wer pünktlich war, konnte nichts gewinnen.

          Selbst gesetzte Deadlines helfen

          Eigentlich sollte also jeder schlaue Student die Abgabedaten für alle drei Hausarbeiten auf den letzten Tag des Semesters setzen. Doch so entschieden sich die Studenten nicht. Nur ein Drittel setzte tatsächlich alle Abgabedaten auf das Semesterende. Die anderen Studenten verteilten ihre Fristen ungefähr gleichmäßig über das ganze Semester.

          Das half. Am Ende schnitten die Studenten mit den selbstgesetzten Abgabedaten zwar ein wenig schlechter ab als die einer Klasse, in der die Professoren die Deadline setzten. Doch eine genauere Analyse zeigte: Es waren die Aufschieber, die die Noten nach unten zogen. Wer sich selbst eine frühzeitige Frist setzte, schnitt ebenso gut ab wie die Studenten mit vorgegebenen Abgabeterminen.

          Eine Firma hilft

          Fortgeschrittene Studenten werden von Professoren manchmal mit noch schwereren Strafen diszipliniert. Ein deutscher Professor hat für seine Doktoranden die Regel getroffen, dass sie alle paar Monate ein Kapitel ihrer Dissertation abgeben müssen. Wenn sie sich verspäten, müssen sie eine Party für den Lehrstuhl bezahlen - nur der säumige Doktorand selbst darf nicht mitfeiern.

          Was aber, wenn wir keinen hilfreichen Professor zur Hand haben? In den Vereinigten Staaten haben findige Gründer gar eine ganze Firma aufgebaut, die Menschen gegen das ständige Aufschieben helfen soll. Ob es ums Joggen geht oder darum, endlich den Dachstuhl zu isolieren - auf der Website „Stickk.com“ benennen die Kunden einen Freund, der den Fortschritt überprüft. Dann überweisen sie ein Pfandgeld. Wenn sie ihr Ziel nicht erreichen, wird das Geld an eine wohltätige Einrichtung gespendet. Oder, noch schlimmer: an eine Interessengruppe, die den Vorstellungen des Kunden zuwiderläuft, zum Beispiel die Tabak-Lobby.

          Ein Freund reicht auch

          Dazu braucht es nicht unbedingt eine Firma, ein guter Freund allein reicht auch. Das Problem an der Geschichte ist nur: Je kürzer die Abgabefrist gewählt ist, desto kleiner wird der Spaß an einer Aufgabe. Auch dazu gibt es ein Experiment von Dan Ariely und Klaus Wertenbroch: Sie gaben Probanden mehrere fehlerhafte Texte zum Korrekturlesen und teilten die Versuchsteilnehmer in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe erhielt genaue Fristen, bis zu denen sie einzelne Texte abgeben musste. Die zweite Gruppe sollte die Termine selbst bestimmen, und die dritte bekam nur einen letztmöglichen Abgabetermin für alle Texte genannt.

          Wieder waren die Probanden mit festen Terminen die pünktlichsten und zuverlässigsten, die ohne Zwischenfristen hatten am Ende die meisten Fehler übersehen und gaben am spätesten ab. Nach der Abgabe fragten die Forscher ihre Korrekturleser noch, wie viel Spaß die Aufgabe gemacht habe. Und das Ergebnis war eindeutig: Je mehr Zwang herrschte, desto schlechter war die Laune der Probanden.

          Es wird noch schlimmer. Denn die Disziplin von Menschen ist wie ein Muskel: Man kann sie trainieren, sie ermüdet aber auch schnell. Wer all seine Disziplin braucht, um rechtzeitig seine Vokabeln zu lernen, der isst umso mehr Süßigkeiten. Dagegen ist leider noch keine Abhilfe gefunden.

          Und warum war dieser Text schon so früh fertig? Ganz einfach: Ab dem nächsten Morgen war der Autor auf Reisen - eine bessere Deadline gibt es nicht.

          Die Prokrastination

          Die Falle: Unangenehme Arbeiten schieben wir lange vor uns her. In der Zwischenzeit erfinden wir die merkwürdigsten Tätigkeiten, um uns abzulenken.

          Die Gefahr: Wir haben nicht mehr genug Zeit für unsere eigentliche Aufgabe. Noch schlimmer: Wir verbringen viel Zeit völlig sinnlos mit Dingen, die wir bei klarer Überlegung gar nicht gemacht hätten.

          Die Abhilfe: Wir müssen uns eine Frist setzen, die mit einer Strafe bewehrt ist. Dabei können Freunde helfen, die den Fortschritt der Arbeit überprüfen. Aber Vorsicht: Jede Frist hat ihrerseits wieder eine Nebenwirkung. Wer sich an einer Frist abarbeitet, verliert oft den Spaß an einer Sache.

          Quelle: F.A.S.

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