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Denkfehler, die uns Geld kosten (35) Gestern vergessen

Nachtrauern bringt nichts. Besser ist es, heute zu überlegen, wo morgen der meiste Gewinn rausspringt.

© © Images.com/Corbis

Über Verluste ärgert man sich, und über Gewinne freut man sich. Klare Sache. Aber gehen wir mit Gewinnen und Verlusten vernünftig um, oder machen wir dabei Fehler?

Die Psychologie hat eine Meinung dazu. Die Prospect Theory, die von Daniel Kahneman und Amon Tversky entwickelt wurde, behauptet, dass wir dazu tendieren, Verluste stärker zu gewichten als Gewinne. Unsere Verlustaversion ist stärker ausgeprägt als die Freude, etwas zu gewinnen. Das geht so weit, dass wir sogar bereit sind, größere Risiken auf uns zu nehmen, um Verluste zu vermeiden, als wir tragen wollen, wenn es darum geht, Gewinne zu machen.

Kaffee versus Schokolade

Dieser Befund steht in einem engen Zusammenhang mit einer anderen Beobachtung, auf die ebenfalls Kahneman und Tversky aufmerksam gemacht haben: Wir bewerten Dinge anders, sobald wir sie besitzen. Man nennt das den „Ausstattungseffekt“, und den hat Jack Knetsch schon 1989 an einem einfachen Experiment demonstriert. Er ließ zunächst eine Gruppe von Studenten eine Wahl treffen zwischen einem Kaffeebecher mit Unilogo und einem Schokoriegel. Etwa die Hälfte entschied sich für den Becher, und die andere zog die Schokolade vor.

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In einer zweiten Gruppe wurden die Versuchspersonen mit Kaffeebechern ausgestattet und dann gefragt, ob sie den Becher gegen einen Schokoriegel tauschen möchten. 90 Prozent behielten lieber den Becher. In einer dritten Gruppe bekamen die Versuchspersonen zu Beginn des Experimentes einen Schokoriegel und hatten dann Gelegenheit, diesen gegen einen Kaffeebecher einzutauschen. Diesmal behielten 90 Prozent lieber die Schokolade.

Was uns gehört, gewinnt an Wert für uns. Dinge, die wir besitzen, verlieren wir nicht gern. Das erklärt übrigens auch, warum es viele Menschen gibt, die sich so schwertun, etwas wegzuwerfen, auch wenn sie eigentlich sicher sind, dass sie es nie wieder brauchen werden.

Verluste sind unwiederbringlich

Man kann sich leicht überlegen, dass wir den Ausstattungseffekt vermutlich von der Evolution in die Wiege gelegt bekommen haben. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, dass sie das, was sie besaßen, auch behielten. Wild, das sie erbeutet hatten, musste für sie einen viel höheren Wert haben als die Tiere, die noch quicklebendig durch die Wälder sprangen. Der Verlust der Vorräte konnte den Tod bedeuten. Da ist es klar, dass diejenigen evolutionäre Vorteile hatten, die die Dinge, mit denen sie ausgestattet waren, besonders hochschätzten.

Verluste hingegen können richtig schlimm sein. Vor allem dann, wenn wir mit ihnen falsch umgehen, weil wir nicht verstehen, dass es sich um Sunk Costs, versunkene Kosten, handelt. Dabei handelt es sich um Kosten, die unwiederbringlich verloren sind. Wenn beispielsweise jemand ein neues Unternehmen gründet, sind dafür in aller Regel Investitionen erforderlich. Eine Lagerhalle wird gebaut, ein Fuhrpark angeschafft, und es wird Geld in die Werbung gesteckt, um in den Markt zu kommen.

Nehmen wir an, das Unternehmen läuft nicht so gut wie erhofft und die Entscheidung steht an, ob man weitermacht oder aufgibt. Für den Fall des Austritts aus dem Markt kann man einen Teil der Investitionen gewissermaßen rückgängig machen. Die Autos und die Lagerhalle kann man verkaufen. Aber ein Teil ist endgültig weg. Das Geld, das man in die Werbung gesteckt hat, bekommt man nicht wieder, es ist „versunken“.

Der entscheidende Punkt ist, dass diese versunkenen Kosten für die Entscheidung darüber, ob man im Markt bleibt, keine Rolle mehr spielen dürfen. Diese Kosten sind zu tragen, egal, was man tut, und deshalb sollten sie auch keinen Einfluss mehr darauf haben, was man tut. Sunk Costs sind nicht mehr Bestandteil der Opportunitätskosten einer Handlung, und nur die Opportunitätskosten sollte man beachten, wenn es darum geht, eine Entscheidung über den Einsatz knapper Ressourcen zu treffen.

Nicht nur ökonomisch anwendbar

Sunk Costs sind ein allgegenwärtiges Phänomen unseres Lebens. Jeder Zeitaufwand, den wir in eine Tätigkeit stecken, lässt sich nicht wieder zurückbringen. Also ganz gleich, wie lange wir schon an einer Sache gearbeitet haben, für die Entscheidung, ob wir weitermachen, darf die Vergangenheit keine Rolle spielen.

Das heißt für die Geldanlage: Ob wir Aktien behalten oder verkaufen, darf nicht davon abhängen, ob wir in der Vergangenheit Verluste erlitten haben. Nur die zukünftige Performance des Papiers darf uns beeinflussen. Der richtige Umgang mit versunkenen Kosten setzt voraus, dass wir es schaffen, diese Verluste zu akzeptieren und ihnen nicht erlauben, uns weiter zu beeinflussen.

Das ist angesichts unserer evolutionären Prägung leichter gesagt als getan. Kaufleute haben unter anderem deshalb schon vor langer Zeit eine Art Heuristik entwickelt, die sie vor falschen Entscheidungen schützt. „Du darfst gutes Geld nicht schlechtem hinterher werfen“, lautet diese Regel. Das ist eine sehr kluge Regel, aber dennoch wird dagegen nicht nur an der Börse und bei Investitionsentscheidungen häufig verstoßen, sondern auch in gänzlich unökonomischen Zusammenhängen. Man sollte beispielsweise auch gute Zeit nicht schlechter hinterher werfen. Würden alle Menschen diese Regel beherrschen, wie viele Ehen würden dann geschieden und wie viele neue würden entstehen?

Sunk Costs

Die Falle: Versunkene Kosten sind nicht mehr Bestandteil der Opportunitätskosten, deshalb sollten sie für Entscheidungen, die die Zukunft betreffen, keine Rolle mehr spielen.

Die Gefahr: Wir lassen uns davon beeinflussen, dass wir doch schon so viel investiert haben, und denken oft: „Das darf doch nicht umsonst gewesen sein.“ Tatsächlich aber sollten uns die versunkenen Kosten eben nicht mehr lenken.

Die Abhilfe: Bevor man Entscheidungen trifft, muss man klären, welche Kosten versunken sind und welche nicht. Es dürfen nur Dinge beachtet werden, die auch tatsächlich von der zu treffenden Entscheidung abhängen.

Der Autor ist Professor in Magdeburg.

Quelle: F.A.S.

 
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