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Denkfehler, die uns Geld kosten (3) Ein kluger Bauch ist der beste Anlageberater

18.02.2012 ·  Kopf oder Bauch? Eigentlich kann man beides gar nicht so scharf voneinander unterscheiden. Gute Entscheidungen müssen sich am Ende auch gut anfühlen.

Von Tillmann Neuscheler
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© Corbis

Denken ist mühsam. Aber können wir uns einfach auf den Bauch verlassen? Wer für den Kopf plädiert, kann beruhigt die alten Philosophen lesen: „Ich denke, also bin ich“, sprach Descartes und glaubte, wahr könne nur das rational Erfassbare sein. Und Kant sagte, frei sei nur, wer seinem Verstand folge. In der Philosophie hatte das Bauchgefühl lange einen schweren Stand. Dann kam zwar irgendwann Sigmund Freud, der viel vom Unbewussten redete, aber das war auch nicht viel besser, denn er sah überall dunkle Triebe am Werk.

In den vergangenen Jahren haben Neurobiologen und Psychologen in Experimenten gezeigt, dass das Bauchgefühl oft sehr gute Dienste leistet und zu langes Überlegen bisweilen auch schaden kann. Das passt zwar nicht zu dem, was uns Lehrer und Philosophen erzählt haben. Aber Kants aufklärerischem Dogma vom „Vernunft wagen“ hätte man getrost das „Bauchgefühl wagen“ hinzufügen sollen. Vernunft allein geht überhaupt gar nicht, selbst wenn wir uns bemühen. Das gilt auch bei der Geldanlage: Wir sammeln so viele Informationen wie möglich, wälzen Anlegermagazine und vergleichen Kennzahlen verschiedener Alternativen. Aber wann haben wir eigentlich genug Informationen gesammelt? Wann können wir mit gutem Gewissen die Suche beenden?

Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass irgendwann Schluss sein muss mit den Recherchen, ansonsten fällt nie eine Entscheidung. Kein Mensch kann jemals „vollständig informiert“ sein. Stattdessen müssen und können wir uns auch auf unseren Bauch verlassen: Intuition ist gefühltes Wissen, das wir (noch) nicht in Worte fassen können. Sie ist dem bewussten Denken oft überlegen. Vieles ahnt man, bevor man es begründen kann. Unsere Sinne nehmen unentwegt Einzelinformationen auf, von denen nur wenige ins Bewusstsein gelangen. Vieles wird weggefiltert, ansonsten wäre der Verstand mit der schieren Masse schlichtweg überfordert. Erst wenn die Hintergrundinformationen wichtig genug werden, kommen sie zum Vorschein.

Wenn es komplex wird, ist die Intuition deshalb eine wichtige Orientierungshilfe, um mit der Informationsflut fertig zu werden. Gerade wenn es brenzlig wird, entscheiden wir oft intuitiv. In der Praxis hilft sich der Mensch mit Daumenregeln – die Wissenschaftler sprechen von „Heuristik“. Die können zwar auch schief laufen (wie in dieser Serie noch ausführlich gezeigt wird), aber meistens funktionieren sie sehr gut.

Das wissen Fußballer nur zu gut: Keiner von ihnen berechnet die Flugbahn des Balles mit Hilfe von Differentialgleichungen. Stürmer beobachten, rennen und köpfen einfach intuitiv. In ihrem Kopf wird sich schon einiges abspielen, aber bewusstes Denken hilft dabei nicht. Gute Fußballer spielen intuitiv. Aber es gilt auch: Die Intuition gelingt umso besser, je mehr man sie vorher trainiert hat.

Ein kluger Bauch will geschult sein

Und was bedeutet das jetzt für die Geldanlage? Die Komplexität des Themas Geldanlage überfordert viele Menschen. Die riesige Vielfalt der Möglichkeiten (Aktien, Anleihen, Fonds, Zertifikate, Sparbuch, etc.) empfinden sie als unüberschaubar. Sie resignieren. Dabei kann niemand alles bis ins Detail durchschauen. Dass soll nicht heißen, man brauche sich nicht ausführlich mit dem Thema Finanzen zu befassen. Der Rückgriff auf die Intuition ist zwar mühelos, das Bauchgefühl wird aber umso verlässlicher, je mehr man sich in der Vergangenheit mit einer Sache befasst hat. Denn die Intuition greift auf unsere bisherigen Erfahrungen zurück. Ein kluger Bauch will geschult sein. Geldanleger müssen mit den verschiedenen Anlageformen einigermaßen vertraut sein. Es schadet auch nicht, den Finanzteil der Zeitung zu lesen.

Doch bei der tatsächlichen Auswahl der Geldanlagen reicht es meist, wenn die grobe Linie stimmt: Viele wenden aber unverhältnismäßig viel Zeit für die kleinen Entscheidungen auf, zwischen einer Aktie und der anderen, und zu wenig für die großen. Sie missachten – trotz besseren Wissens - die Grundregel, ihr Vermögen gut zu streuen. Sie vergleichen stundenlang Preise von Stromanbietern, parken den Großteil ihres Geldes aber auf dem Sparbuch, weil sie größere Entscheidungen der Geldanlage scheuen und vor sich her schieben.

Dann grummelt der Bauch, weil er den Fehler ahnt, und das dumpfe Gefühl in den Eingeweiden hat meist recht. Bei der Geldanlage ist die wichtigste Entscheidung, auf welche Anlageklassen (Aktien, Anleihen, Fonds, etc) man sein Vermögen grob aufteilt. Zum Beispiel „ein Drittel Aktien, ein Drittel Anleihen, ein Drittel Immobilien“. Erst danach sollte man weiter differenzieren und sich mit einzelnen Wertpapieren befassen. Dann nagt das Gefühl, zu wenig über die einzelnen Aktien zu wissen. Aber wir fällen unsere Entscheidungen immer auf Basis unvollständiger Information – das ist völlig normal.

„Investiere in das, was du kennst“

Ob der Dax im kommenden Jahr fällt oder steigt, kann auch kein mit unzähligen Informationen gefütterter Computer berechnen. Der deutsche Psychologe Gerd Gigerenzer kämpft schon seit Jahren dafür, dem Bauch mehr zu vertrauen, statt dem Ideal des Nutzenmaximierers mit vollständiger Information hinterher zu hecheln, das gerade unter Menschen mit Wirtschaftsstudium verbreitet ist. Einmal hat er Laien in Deutschland und Amerika schlicht die Namen von Aktien vorgelegt und gefragt, von welchen sie schon gehört haben. Hätten sie ihr Geld in den ihnen bekanntesten Aktien nach der Daumenregel „Investiere in das, was du kennst“ angelegt, dann hätte ihr Portfolio nicht schlechter abgeschnitten, als viele professionelle Fondsmanager, der Dax oder der Dow Jones. „Es gibt nur wenig Anhaltspunkte dafür, dass Berater besser prognostizieren können als der Zufall“, schreibt Gigerenzer, „im Gegenteil, etwa 70 Prozent der Investmentfonds schneiden Jahr für Jahr schlechter ab als der Markt, und keinem der restlichen 30 Prozent, der besser liegt, gelingt das beständig“.

Für hartgesottene Rationalisten mag sich das Gerede vom Bauchgefühl gerade bei Finanzentscheidungen ein wenig esoterisch anhören, aber die Intuition hat inzwischen viele nüchterne Wissenschaftler auf ihrer Seite. Der amerikanische Neurobiologe Antonio Damasio glaubt, dass ohne Gefühle gar keine rationalen Gedanken möglich sind. Denken lässt sich im Gehirn vom Fühlen oft nicht trennen. Auch Menschen, die sich als Vernunftmenschen deklarieren, können viele Entscheidungsprobleme nicht allein mit bewusstem Denken lösen. Sie verlassen sich häufig selbst auf ihre Intuition. Anders ist das Leben gar nicht machbar. Gigerenzer schildert den Fall eines Professors, der sich überlegte, ob er den Ruf an eine andere Universität annehmen sollte. Als dem Professor ein Kollege riet, er solle zur Entscheidung doch einfach den erwarteten Nutzen maximieren, schließlich schreibe er doch immer darüber, antwortete der Wissenschaftler genervt: „Hör auf damit – das ist jetzt ernst“.

Heuristik und Bauchgefühl

Der Fehler: Menschen sammeln endlos Informationen und orientieren sich an der Idealvorstellung eines vollständig informierten Anlegers, der alle Optionen vergleicht, bevor er handelt.

Die Gefahr: Man verheddert sich in Details und sammelt immer weitere Informationen, die man gar nicht mehr gewichten kann.

Die Abhilfe: Es reicht oft, sich an grundlegende Anlageregeln zu halten, vor allem das Vermögen sinnvoll auf verschiedene Anlageklassen zu verteilen. Anleger können ihrem Bauchgefühl trauen. Sie müssen ja nicht darüber reden.

So geht es weiter:

26. Februar: Warum wir im Kopf mehrere Konten führen
11. März: Volatilität und Risiko - „sicher“ ist nicht gleich „sicher“
18. März: Warum wir unsere Schlüsse zu schnell ziehen

(Erscheinungstermine in der Sonntagszeitung)

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1973, Redakteur in der Wirtschaft.

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