Wenn es eine Konstante in unserem Leben gibt, dann ist es die Tatsache, dass wir praktisch ständig besteuert werden. Steuern begleiten uns von der Wiege bis zur Bahre. Ob wir etwas kaufen, etwas vererben, verschenken oder ob wir Einkommen erzielen - der Fiskus ist immer dabei. Er sorgt dafür, dass die Waren, die wir kaufen, teurer werden, und dafür, dass wir nicht den Marktpreis für unsere Arbeit erhalten, sondern nur das, was die Besteuerung davon übrig lässt.
Angesichts der Tatsache, dass wir ein Leben lang tagtäglich Steuern zahlen, sollte man eigentlich annehmen, dass wir gelernt haben, damit umzugehen. Kurz gesagt: Wir sollten Brutto und Netto auseinanderhalten können. Beispielsweise sollten wir beim Einkauf immer nur den Bruttopreis beachten, denn das ist der Preis, den wir an der Kasse entrichten müssen. Wie viel davon in die Staatskasse fließt, sollte uns bei der Kaufentscheidung eigentlich kalt lassen.
Wie viel wir arbeiten wollen, sollte vom Steuersatz abhängen
Es spricht tatsächlich vieles dafür, dass sich die meisten Menschen nicht für die Höhe der Steuer interessieren, die sie gerade zahlen, wenn sie an der Supermarktkasse stehen oder dem Tankwart die Kreditkarte reichen. Oder wissen Sie, wie viel Steuern Sie im vergangenen Monat als allgemeine oder spezielle Verbrauchsteuer gezahlt haben? Warum sollte einen das auch interessieren?
So wenig wir beim Konsum auf die Steuersätze achten müssen, weil für uns nur der Bruttopreis wichtig ist (und der steht in aller Regel auf dem Etikett), so sehr sollten wir allerdings auf den Steuersatz achten, wenn wir entscheiden, wie viel wir arbeiten wollen. Denn nicht nur die Preise für Pullover und Kaffee sind in aller Regel als Bruttogrößen ausgewiesen, sondern auch Löhne und Gehälter. Das ist auch notwendig, denn was netto übrig bleibt, ist von den jeweiligen persönlichen Einkommensverhältnissen abhängig.
Der Grenzsteuersatz steigt mit dem Einkommen
Wenn man also wissen will, was man mit seiner Arbeit verdient, dann sollte man die Steuer beachten. Das ist nicht so einfach wie bei der Umsatzsteuer, denn wir haben schließlich einen progressiven Einkommensteuertarif. Der hat zur Folge, dass beispielsweise eine Gehaltssteigerung von 100 Euro bei einem Jahreseinkommen von 20.000 Euro anders zu Buche schlägt, als bei einem Einkommen von 80.000 Euro. Der Grenzsteuersatz steigt mit dem Einkommen. Das heißt: Im ersten Fall bleiben von den 100 Euro mehr übrig als im zweiten Fall. Für die Entscheidung, ob sich zusätzliche Arbeit lohnt, ist es wichtig, dies zu beachten. Technisch gesprochen muss man bei der Entscheidung über das Arbeitsangebot immer diesen Grenzsteuersatz beachten und nicht den Durchschnittssteuersatz, der in den meisten Fällen deutlich niedriger ist.
Aber beherrschen Menschen den Umgang mit Steuern? Schätzen sie die Steuerhöhe richtig ein? Eine ganze Reihe von experimentellen Befunden lässt daran Zweifel aufkommen. Schon 1995 beispielsweise zeigte sich in einem Experiment von Bartholome, dass Menschen nicht in der Lage sind, Grenz- und Durchschnittssteuersatz auseinanderzuhalten. Weiteres Ergebnis: Bei der Entscheidung darüber, wie viel sie arbeiten möchten, orientieren sie sich eher am Durchschnittssteuersatz als am Grenzsteuersatz.
Steuerhöhe wird falsch eingeschätzt
Nun kann man einwenden, dass wir einen ziemlich komplizierten Steuertarif haben und es sicherlich nicht jedermanns Sache ist, sich mit eher unerfreulichen Dingen wie der Einkommensteuer zu befassen. Da kann es schon passieren, dass man solche Feinheiten wie den Unterschied zwischen Grenz- und Durchschnittssteuersatz übersieht.
Allerdings haben Chetty und andere in einem 2009 veröffentlichten Feldexperiment nachweisen können, dass auch eine deutlich einfachere Art der Besteuerung für Verwirrung sorgen kann. Sie konnten zeigen, dass die Kaufentscheidungen amerikanischer Konsumenten sehr deutlich davon abhingen, ob die Waren mit Brutto- oder Nettopreisen ausgezeichnet waren. Obwohl die Versuchspersonen wussten, dass an der Kasse die Steuer auf den Nettopreis aufgeschlagen wurde, schenkten sie der Steuer nur dann wirklich Beachtung, wenn sie explizit auf dem Preisschild aufgeführt war.
Personen mit höherem Bruttolohn arbeiten länger
Eine Gruppe von Ökonomen aus Berlin und Magdeburg hat nun untersucht, ob wenigstens eine einfache Besteuerung von Arbeitseinkommen richtig wahrgenommen wird. Zu diesem Zweck wurden Magdeburger Bürger, die einer regelmäßigen Beschäftigung nachgingen, zu einem einfachen Versuch eingeladen. Im Labor mussten sie Briefe falten und in Umschläge stecken. Dabei konnten sie selbst entscheiden, wie intensiv und wie lange sie arbeiten wollten. Eine Gruppe erhielt pro gefaltetem Brief 9 Cent. Eine zweite Gruppe bekam 12 Cent pro Brief und die Information, dass von diesen 12 Cent 25 Prozent als Steuer abzuführen sind. Der Nettolohn für diese Gruppe betrug also auch 9 Cent. Eine dritte Gruppe bekam einen Bruttolohn von 18 Cent und einen Steuersatz von 50 Prozent genannt, so dass alle drei Gruppen ihre Arbeit zu dem gleichen Nettolohn verrichteten. Eigentlich sollte sich deshalb auch kein nennenswerter Unterschied zwischen den Gruppen zeigen.
Das erstaunliche Ergebnis dieses ökonomischen Experiments: Diejenigen, die 25 Prozent und 50 Prozent an Steuern abführen mussten, arbeiteten deutlich mehr als die Teilnehmer, die keine Steuern zahlen mussten. Die Versuchspersonen mit höherem Bruttolohn blieben also länger im Labor und falteten außerdem mehr Briefe pro Minute.
Besonders in einfachen Steuersystemen beachten Menschen Steuern nicht
Offensichtlich haben die Versuchspersonen die Steuer nicht richtig wahrgenommen. Vermutlich haben sie zumindest einen Teil der Steuer als Bestandteil ihres Nettolohnes angesehen, sie unterlagen also einer Art „Nettolohnillusion“. Das ist insofern ein erstaunlicher Befund, als es eigentlich nicht schwer gewesen wäre, die Steuer zu beachten. Denn es war klar, dass ein Viertel oder die Hälfte der verdienten Cent abzugeben sind. In weiteren Versuchen zeigte sich, dass die Nettolohnillusion tatsächlich sogar geringer wurde, wenn kompliziertere Steuertarife zur Anwendung kamen.
Es sieht so aus, als neigten Menschen gerade bei einfachen Steuersystemen besonders dazu, die Steuer nicht zu beachten und in gewisser Weise zu übersehen. Die Folge: Wir arbeiten mehr, als wir eigentlich wollen. Das wäre eine Wirkung, die dem Finanzminister nur recht sein kann. Er besteuert uns, und die Last der Steuer hält uns eben nicht von der Arbeit ab. Stattdessen nehmen wir sie als Ansporn, mehr zu arbeiten, als wir ohne Steuer gearbeitet hätten.
Joachim Weimann ist Wirtschaftsprofessor in Magdeburg.
Der Fehler
Wir nehmen Steuern oft nicht in der Stärke wahr, in der sie uns tatsächlich treffen. Das gilt besonders beim Gehalt.
Die Gefahr
Da wir die Steuerbelastung falsch einschätzen, treffen wir falsche Entscheidungen. Bei steigendem Bruttogehalt beispielsweise neigen wir sogar dann dazu, mehr zu arbeiten, wenn das Nettogehalt sich nicht erhöht.
Die Abhilfe
Nachrechnen! Jeder Arbeitnehmer sollte die eigene Steuerbelastung genau kennen und sich stets über die wahren Nettopreise im Klaren sein.
Wo liegt der Irrtum?
Chris Bach (chrisx58)
- 12.06.2012, 10:46 Uhr
"Wir arbeiten mehr, als wir eigentlich wollen." Stimmt. :-)))
Otto Meier (DerQuerulant)
- 11.06.2012, 16:43 Uhr
Nettolohnillusion, die keine ist...
Marco Vogt (VogtNuernberg)
- 11.06.2012, 15:01 Uhr
immer das Gleiche
Rudolf März (maerkur)
- 11.06.2012, 13:45 Uhr
Vorsicht, Gehaltserhöhung
Chris Chaix (Chaix)
- 11.06.2012, 13:27 Uhr