Eine knifflige Frage: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass in den kommenden 30 Monaten die Aktienkurse um 90 Prozent abstürzen werden? Die korrekte Strategie zur Beantwortung dieser Frage besteht darin, sämtliche Argumente für und gegen ein solches Szenario zu suchen, zu bewerten und zu gewichten, um dann zu einem gut abgehangenen Urteil zu kommen. Doch vielleicht hängt Ihre Einschätzung für die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses von etwas ganz anderem ab - nämlich von dem Umstand, ob Sie selbst bereits einmal einen solchen Kursabsturz erlebt haben.
“Verfügbarkeitsheuristik“ nennen Psychologen diese mentale Strategie, sich ein Urteil über einen Sachverhalt zu bilden: Unsere Einschätzung für die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses hängt davon ab, wie präsent, wie „verfügbar“ dieses Ereignis in unserer Erinnerung ist. Wer schon einmal einen Kurssturz erlebt hat, schätzt die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis tendenziell höher ein als jemand, der den Kursen noch nie beim Tauchen zugeschaut hat - einfach, weil er es bereits einmal erlebt hat (beispielsweise am Neuen Markt, der in 30 Monaten rund 96 Prozent abstürzte) und weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Portfolio auf Blitzdiät geht.
Was uns selbst passiert, halten wir für wahrscheinlicher
Nach der Idee der Verfügbarkeitsheuristik entscheidet also die mentale Verfügbarkeit von Beispielen über unsere Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten oder Häufigkeiten - das, was wir im Kopf präsent haben, ist für uns realistisch, wahrscheinlich; was wir hingegen nur schwer im Kopf abrufen können, wird nicht passieren, ist nicht realistisch. Auf den Punkt gebracht: Wir halten etwas für umso wahrscheinlicher, je besser wir es uns vorstellen können.
Grundsätzlich ist das eine clevere Strategie: Wenn ich mich leicht an etwas erinnere, wenn ich mir etwas gut vorstellen kann, dann bedeutet das, dass es umso häufiger vorkommt - warum sonst ist es in meinem Kopf so präsent? Doch in Einzelfällen hat diese Strategie ihre Tücken, denn nicht immer bedeutet Verfügbarkeit auch Häufigkeit. Oftmals merken wir uns Dinge besser, weil sie einschneidend sind, weil sie an besondere Umstände geknüpft sind, uns persönlich besonders betreffen oder aber besonders spektakulär sind. Der Alltag unterläuft unseren Aufmerksamkeitsradar, besondere Ereignisse hingegen brennen sich in unser Gedächtnis ein - und schon halten wir sie für wahrscheinlich, realistisch, alltäglich, und aufgrund der Verfügbarkeitsheuristik überschätzen wir dann die Wahrscheinlichkeit solcher eher ausgefallenen Ereignisse.
Spektakuläres merken wir uns besser, deshalb kommt es aber nicht häufiger vor
Was sich recht akademisch anhört, hat im Alltag handfeste Folgen: Wenn das Nachbarhaus brennt, entschließen wir uns auf einmal doch, eine Feuerversicherung abzuschließen, weil jetzt die Gefahr eines Brandes in unserem Kopf präsenter ist, ebenso, wie die Nachfrage nach Hochwasserversicherungen steigt, wenn es ein Hochwasser gibt. Wir haben Angst vor dem Kurscrash, weil wir bereits einen erlebt haben, und wir sind zu sorglos an der Börse, wenn wir nicht das Gefühl von Verlusten kennen. Hier lauert eine kapitale Fehlerquelle: Wir halten Dinge für wahrscheinlicher, die wir uns besser vorstellen können - was nicht heißen muss, dass sie auch häufiger vorkommen. So zeigen beispielsweise Studien, dass Laien eine ganz andere Risikowahrnehmung haben als Experten, was auch daran liegen dürfte, dass Laien bei der Einschätzung von Risiken die Verfügbarkeitsheuristik nutzen, während Experten sich an die Statistiken halten.
Ein Beleg für diese These ist etwa die Tatsache, dass Versuchspersonen Risiken für bestimmte Todesursachen umso höher einschätzen, je häufiger über diese Todesursachen in den Medien berichtet wird. Auch die Medien tragen also zur Verfügbarkeitsheuristik bei: Sie berichten nicht über die häufigsten, sondern die spektakulärsten Todesursachen - und schon haben wir eine verzerrte Risikowahrnehmung. Im schlimmsten Fall schaffen Medien so etwas wie eine Verfügbarkeitskaskade: Die Öffentlichkeit stellt eine Gefahr fest, diese Wahrnehmung wird von den Medien aufgenommen, und die zunehmende Berichterstattung verstärkt die Wahrnehmung der Öffentlichkeit, was zu weiteren Berichten führt. Und schon mutiert die risikotechnische Mücke zum publizistischen Elefanten.
Die im Dunkeln sehen wir nicht
Ein schönes Beispiel an Aktienmärkten liefern Studien, die zeigen, dass bei Produktrückrufen von Autofirmen nicht nur die Aktie desjenigen Unternehmens leidet, das den Rückruf startet, sondern auch die Aktien der Konkurrenten. Den Aktionären wird schlagartig das Risiko eines Produktfehlers bewusst gemacht, weswegen sie ihre Risikoeinschätzung der betreffenden Aktie korrigieren, auch wenn das Unternehmen keinen Rückruf getätigt hat.
Mit Blick auf diese Mechanik ließen sich auch Investmenttrends an den Finanzmärkten erklären: Menschen investieren verstärkt in Anlageklassen, die gerade ihre Aufmerksamkeit erhascht haben - in der Tat kaufen vor allem Privatanleger häufig Aktien, die ihre Aufmerksamkeit erregen, also Aktien, bei denen man extrem hohe Kursausschläge, hohes Handelsvolumen oder verstärkte Berichterstattung in den Medien beobachtet. Auch bei Analysten vermutet man die Verfügbarkeitsheuristik, wenn diese in Boom-Zeiten sehr optimistische langfristige Gewinnschätzungen abgeben - wer überall eine boomende Wirtschaft sieht, überschätzt die langfristigen Wachstumsaussichten. Auch Herdenverhalten an Märkten entsteht durch die Verfügbarkeitsheuristik: Wer noch nie eine Finanzkrise erlebt hat, hält sie für wenig wahrscheinlich und investiert entsprechend unbekümmert. Und hat die Finanzkrise einmal zugeschlagen, überschätzt man die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Krisen. So gesehen muss man vermuten, dass die Verfügbarkeitsheuristik zu Kursübertreibungen nach oben und nach unten führt.
Eine weitere Konsequenz kann eine Fehleinschätzung der eigenen Chancen am Aktienmarkt sein: Wenn die Medien voll sind von Geschichten über erfolgreiche Investoren, so ist die Vorstellung vom Erfolg an der Börse sehr präsent in unserem Kopf, weswegen wir unsere Chancen auf den Börsenerfolg überschätzen. Die Legion der Gescheiterten, die ihr Vermögen vernichtet haben, taucht hingegen nicht so oft in den Medien auf. Die im Dunkeln sehen wir nicht, was die Einschätzung unserer eigenen Chancen verzerrt. Wenn alle Zeitungen voll sind von den erfolgreichen Börsenjongleuren, wir aber praktisch nie etwas über die Gescheiterten lesen, warum sollten wir es dann nicht auch schaffen, erfolgreich zu sein? Und schon sind wir der Verfügbarkeitsheuristik aufgesessen.
Der Autor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim.
Die Falle
Wir halten Dinge für wahrscheinlicher, realistischer, wenn wir sie uns gut vorstellen, uns an sie erinnern können.
Die Gefahr
Wir neigen dazu, die Bedeutung von Dingen überzubetonen, die wir uns besonders gut vorstellen können - obwohl wir uns nicht deswegen daran erinnern können, weil sie häufig vorkommen, sondern weil sie unsere Aufmerksamkeit erregen - alltägliche, häufige Dinge entgehen häufig unserer Aufmerksamkeit.
Die Abhilfe
Wenn Sie einschätzen wollen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis ist, gibt es nur einen Weg: Werfen Sie einen Blick in die Statistiken. Zahlen lügen nicht so sehr wie Erinnerungen.
Erfahrung ist besser als jede Statistik!
Albert Genser (agens1)
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Vergangenheit und Zukunft
Günter Blümel (guenterbluemel)
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