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Datensouveränität für Kunden : Das Bankkonto wird zum offenen Buch

Neuerung beim Online-Einkauf: Bezahldienste können demnächst direkt auf das Konto des Kunden zugreifen. Bild: dpa

Bankkunden können künftig selbst entscheiden, mit wem sie ihre Kontodaten teilen. Wer nicht aufpasst, gerät an windige Firmen.

          Hand aufs Herz: Wer liest schon alle diese Broschüren der Banken, die immer mal wieder ins Haus flattern, und wer studiert die Änderungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen bis ins allerletzte Detail? Dabei bergen diese Mitteilungen mitunter bahnbrechende Neuerungen, ja sogar Zündstoff. Zum Beispiel jene Broschüren, die von Banken jüngst unter dem nüchternen Titel „Sonderbedingungen zum Zahlungsverkehr“ verschickt wurden. Auf bis zu 80 Seiten findet sich darin neben manchen kleineren Änderungen auch eine Neuerung, die revolutionär erscheint. Denn künftig können Bankkunden selbst bestimmen, wer ihre Kontodaten bekommt. Das heißt, sie müssen für Zahlungen oder Ähnliches nicht mehr unbedingt über ihre Hausbank gehen, sondern können dies auch anderen Finanzdienstleistern überlassen. Zum Beispiel einem bei Online-Käufern beliebten Bezahldienst wie Klarna.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seine Datensouveränität erhält der Bankkunde durch die „Zweite Zahlungsdienstrichtlinie“, deren Kurzform PSD2 lautet und die nach jahrelangem Vorlauf am 13. Januar – also am kommenden Samstag – in Kraft tritt. Mit dieser von ihr erlassenen Richtlinie verfolgt die EU hehre Ziele: Der Verbraucherschutz soll verbessert werden, zugleich sollen Innovationen und Wettbewerb unter den Finanzdienstleistern gefördert werden.

          Eine gute Gelegenheit für Datensammler

          Im Prinzip ist das eine prima Sache, weil der Verbraucher die Hoheit über seine Kontodaten erhält und selbst entscheidet, wem er sie preisgibt. Mit anderen Worten: Der Bankkunde kann für sich das Bankgeheimnis aufheben. Zum Beispiel, wenn er im Internet einkauft und einen sogenannten Zahlungsauslösedienst wie Paypal oder Klarna in Anspruch nimmt. Manche solcher Bezahldienste überweisen künftig das Geld vom Bankkonto des Kunden direkt auf das Konto des Händlers – ohne wie bisher den Umweg über die Bank zu nehmen, die das Konto führt. Eine andere neue Möglichkeit ist, dass ein Verbraucher einen sogenannten Kontoinformationsdienst wie Numbrs direkt beauftragt, ihm einen detaillierten Überblick über alle seine Konten und Verträge zu verschaffen.

          Diese Souveränität über die eigenen Daten bedeutet allerdings, dass Verbraucher künftig genau darauf achten müssen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass sich große Datensammler wie Amazon, Facebook oder Google die durch PSD2 entstehenden Gelegenheiten nicht entgehen lassen werden, ebenfalls Zugriff auf die Konten ihrer Nutzer zu erhalten. Beispielsweise könnte der Online-Händler Amazon einem Kunden nicht nur ein teures Fernsehgerät verkaufen, sondern ihm – nach einem Blick auf den Kontostand – auch gleich eine Finanzierung anbieten. „Immer mehr Anbieter werden sich überlegen, wie sie die Transaktionsdaten nutzen können“, sagt Sven Korschinowski, Zahlungsexperte bei der Beratungsgesellschaft KPMG.

          Die EU-Zahlungsdienstrichtlinie ist zwar gut gemeint, aber längst nicht rundum gut gemacht. Ihr größter Haken ist: Bislang ist es möglich, dass fremde Finanzfirmen über eine direkte Schnittstelle – in der Regel das Online-Banking – auf die Kontodaten zugreifen. Diese Finanzdienstleister erhalten also Einblick ins Konto und können Kontobewegungen mindestens der zurückliegenden drei Monate nachvollziehen. Sie können also sehen, was der Kunde wann ausgibt und wofür, ob er Kredite abbezahlt oder unterhaltspflichtig ist. „Das ist eine Friss-oder-stirb-Lösung“, sagt Frank-Christian Pauli, Finanzexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands. „Man muss darauf vertrauen, dass der Anbieter nichts tut, was er nicht darf.“ Beruhigend ist, dass alle in Frage kommenden Finanzdienstleister künftig von der Aufsichtsbehörde Bafin reguliert werden. Auch solche, die ihren Kunden schon jetzt aufs Konto schauen, wie beispielsweise „Sofort Überweisung“.

          Richtig gefährlich wird es, wenn gewiefte Firmen oder windige Typen versuchen, sich über angebliche Serviceleistungen oder andere Lockmittel die Kontoinformationen zu erschleichen. „Schlimmstenfalls können Trickser ausspähen, woher der Verbraucher sein Geld bezieht und was er auf dem Konto hat“, sagt Pauli. Darum fordern Verbraucherschützer und Banken in seltener Einvernehmlichkeit, dass die EU eine andere, unverfängliche Schnittstelle vorschreiben sollte. Immerhin hat die EU die technischen Standards so weit erhöht, dass die Daten des Bankkunden in der Regel zwar eingesehen, aber nicht abgesaugt werden können.

          Das Konto als Marktplatz verschiedener Anbieter

          Ob darüberhinaus auch noch eine neue Schnittstelle eingerichtet wird, klärt sich erst im Laufe der nächsten Monate, wenn die EU-Richtlinie nach und nach angewendet wird. In jedem Fall darf der Verbraucher den fremden Finanzdienstleistern seine Kontozugangsdaten weitergeben, die zuvor nur die Bank kannte: also Pin, Tan oder biometrische Daten wie den Fingerabdruck. „Der Verbraucher könnte gläsern werden und das Konto zum Marktplatz für alle möglichen Anbieter“, mahnt Verbraucherschützer Pauli.

          Man kann diese grundlegende Neuerung auch positiver sehen: Ein Bankkunde ist künftig weniger auf die Angebote seines Geldinstituts angewiesen, sondern kann sich selbst eine Auswahl aus verschiedenen Finanzdienstleistungen zusammenstellen. Zugespitzt formuliert: Er konstruiert aus verschiedenen Services seine eigene Bank, wie er sie haben will.

          Das wollen die etablierten Banken natürlich unbedingt verhindern. Was genau zu dem führt, was die EU mit ihrer Richtlinie erreichen will: mehr Wettbewerb in der Finanzbranche. So hat die Deutsche Bank bereits angefangen, ihren Kunden ein umfassenderes Angebot zu machen. In Kooperation mit dem Frankfurter Start-up Dwins bietet sie eine App namens Finanzguru. Die App wertet das Konto aus, prüft laufende Verträge, erkennt, ob ein Deutsche-Bank-Kunde zu hohe Strom- oder Versicherungstarife zahlt, und schlägt Einsparungen vor. Derartige Dienste bieten auch andere Start-ups an. Ihr Service ist für den Nutzer kostenlos, sie verdienen daran, dass sie den Verbraucher zu einem Vertragswechsel bewegen und dafür vom Stromanbieter oder Versicherer eine Provision kassieren. „Durch PSD2 muss man Bankgeschäfte völlig neu denken“, sagt KPMG-Experte Korschinowksi. Das ist prinzipiell gut, kann aber mitunter gefährlich werden.

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