Home
http://www.faz.net/-hbv-74ief
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Zertifikate und ETFs

Betriebliche Altersvorsorge Ein Rendite-Schwindel?

Ein Bamberger Professor stellt mit einer Beispielrechnung die betriebliche Altersvorsorge in Frage. Die Bundesregierung und Versicherer widersprechen ihm.

© dpa Vergrößern Die betriebliche Altersvorsorge lohnt sich nicht, sagt der Bamberger Arbeitsrechtsprofessor Ulrich-Arthur Birk.

Kritiker der staatlich geförderten Altersvorsorge wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung greifen gern zu einem Vergleich: Eine Riesterrente bringe unter bestimmten Umständen weniger ein als der Sparstrumpf. Diese Aussage traf allerdings nur zu, wenn die Überschussbeteiligungen der Versicherer nicht berücksichtigt wurden. Der Bamberger Arbeitsrechtsprofessor Ulrich-Arthur Birk bemühte unter der Überschrift „Der Rendite-Schwindel“ einen ähnlichen Vergleich und brachte es damit bis auf die erste Seite der „Süddeutschen Zeitung“. Er verglich die Entgeltumwandlung mit einer Geldanlage auf dem Sparbuch.

Mehr zum Thema

Philipp Krohn Folgen:    

Arbeitnehmer können bis zu 4488 Euro jährlich steuerfrei in eine Betriebsrente einzahlen, bis zu einem Betrag von 2688 Euro müssen sie auch keine Sozialbeiträge zahlen. Weil fast immer der Steuersatz in der Rentenphase niedriger als während des Erwerbslebens ist und im Alter keine Renten- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge anfallen, müsse sich das lohnen, so der Grundgedanke dieser Sparform.

Doch kommt dabei auch wirklich mehr heraus als auf dem Sparbuch? Weil es auf dem Markt so gut wie keine Beispielrechnungen gibt, hat Birk dann selbst gerechnet: Ein 23 Jahre alter Arbeitnehmer mit 3400 Euro Bruttoeinkommen will 100 Euro im Monat zurücklegen. Dafür muss er durch die steuerlichen und abgabenrechtlichen Vorteile nur 49,12 Euro aufwenden. Bei einer marktüblich garantierten Verzinsung von 1,75 Prozent blieben ihm bei einem Steuersatz von 25 Prozent und den derzeitigen Sozialbeiträgen mit den aktuell üblichen Überschussbeteiligungen im Jahr 2056 rund 300 Euro. Davon aber müssen 38 Euro abgezogen werden, weil der Arbeitnehmer durch die Entgeltumwandlung weniger in die Rentenversicherung eingezahlt und dadurch weniger Anspruch auf gesetzliche Rente hat.

Reichlich Widerspruch

Diese 262 Euro vergleicht Birk mit dem Betrag, der dem Arbeitnehmer aus einer ungeförderten privaten Rentenversicherung bei einer monatlichen Prämie von 49,12 Euro zustünde. Dies wären 27 Euro mehr. Lege er sein Geld hingegen zu einer Verzinsung von 1,75 Prozent auf das Sparbuch, ergebe sich nach Abzug der Kapitalertragsteuer eine höhere Auszahlung als durch diese Sparvarianten.

Unter Fachleuten der betrieblichen Altersvorsorge hat Birk sofort reichlich Widerspruch geerntet. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum bei der Privatrente eine höhere Rendite angesetzt wurde als bei der Entgeltumwandlung“, sagt Stefan Oecking, Partner der Unternehmensberatung Mercer. In der betrieblichen Altersversorgung fielen wegen der Gruppenverträge geringere Verwaltungs- und kaum Abschlusskosten an, weshalb sie üblicherweise höhere Leistungen biete. Das Bundesarbeitsministerium spricht von zum Teil unrealistischen und nicht repräsentativen Annahmen.

Künstlich klein gerechnet?

Kritik äußert es etwa an dem unterstellten Steuersatz von 25 Prozent. Ein Eckrentner zahle bei voller Besteuerung der Rente weniger als 10 Prozent Durchschnittssteuersatz, so dass ein höherer Betrag aus der Entgeltumwandlung übrig bleibe, sagt auch Oecking. „Damit wird der Steuervorteil der Entgeltumwandlung künstlich klein gerechnet“, moniert das Ministerium. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) kritisiert zudem die Annahme, auf dem Sparbuch lasse sich eine Verzinsung von 1,75 Prozent erzielen. „Versicherer werden immer mehr Zins erwirtschaften als es dem jeweils aktuellen Sparbuch- oder Tagesgeldzins entspricht“, kommentierte der GDV. Diese Kritik sei zu berücksichtigen, räumte Birk ein, sie ändere aber nichts an der Trendaussage.

Birk will nach eigener Auskunft auf die mangelnde politische Unterstützung für die betriebliche Altersvorsorge aufmerksam machen. „Vor den gesetzlichen Änderungen in den Jahren 2004 und 2005 hat sich Entgeltumwandlung immer gelohnt“, sagt er. „Der Gesetzgeber aber hat die Rahmenbedingungen nachträglich verschlechtert.“ Seit Anfang 2004 müssen Rentner die vollen Beiträge für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung zahlen. Ein Jahr später wurde die nachgelagerte Besteuerung von Betriebsrenten eingeführt. Zudem kritisiert er, dass die eingesparten Sozialbeiträge zu einer Minderung der gesetzlichen Rente führen.

In diesen Kritikpunkten erhält Birk Unterstützung von Mercer-Partner Oecking. „Der Gesetzgeber sollte die steuerlichen Rahmenbedingungen verbessern, damit Leute mehr Geld über diese Form anlegen können“, sagt er. Nichts sei dagegen von Birks Vorschlag zu halten, freiwillige Zuzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung zu ermöglichen. Deren Entwicklung stelle der Arbeitsrechtler zu positiv dar.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studie Lebensversicherer mit hoher Rendite

Trotz sinkender Zinsen sind einzelne Lebensversicherer am Kapitalmarkt sehr erfolgreich - das zeigt eine Bilanzanalyse der Fachhochschule Ludwigshafen. Die Allianz erhält durchweg sehr gute Noten. Mehr

16.09.2014, 13:30 Uhr | Finanzen
Die oberen 10 Prozent. Erben genügt als Beruf.

Die Erbschaftswelle in Deutschland rollt. Die vorangegangene Generation hat Vermögen angehäuft. Während manche von der Rendite ihres Erbes leben, fällt es Arbeitnehmern immer schwerer aus ihrem Lohn Rücklagen bilden. Mehr

18.06.2014, 09:12 Uhr | Wirtschaft
Rentenreform Mehr als 100.000 Anträge auf abschlagsfreie Rente mit 63

Bei der Deutschen Rentenversicherung sind bereits mehr als 100.000 Anträge auf die abschlagsfreie Rente mit 63 eingegangen. Wie viele Antragsteller auch die Voraussetzungen dafür erfüllen, ist jedoch noch unklar. Mehr

12.09.2014, 16:09 Uhr | Wirtschaft
Deutschland kriegt den Mindestlohn

Der Bundestag stimmte mit großer Mehrheit zu und beendete damit eine jahrelange politische Debatte um die gesetzliche Lohnuntergrenze. Mehr

03.07.2014, 16:12 Uhr | Politik
Exklusiv in der F.A.Z. Bauern müssen Düngung akribisch dokumentieren

Bei Änderungen der Düngeverordnung gibt es Fortschritte, die Deutschen machen weniger Überstunden und die Lage der Lebensversicherungen hat sich wegen der weiter sinkenden Zinsen noch einmal verschlechtert. Mehr

16.09.2014, 07:03 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.11.2012, 18:48 Uhr

Geld & Leben

"Meine Finanzen" hat die richtigen Tipps für jede Lebenslage. Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Bitte mehr davon!

Von Kerstin Papon

Bargeld an der Supermarktkasse: Das ist echter Service - besonders in bankarmen Regionen. Und es ist fast so wie früher in der Filiale. Mehr 1 4

Zinsen
Wertpapiersuche

Märkte aktuell
Name Kurs Änderung
  FAZ-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro/Dollar --  --
  Gold --  --