Joris Luyendijk ermöglicht den Blick hinter die Kulissen. In seinem „Banking Blog“, der auf der Internetseite des britischen Guardian veröffentlicht wird, erzählen Banker anonym von ihrem Arbeitsalltag, von der Atmosphäre in der Londoner Finanzbranche - und dem immer noch hohen Verkaufsdruck. „Jeder macht sich Sorgen um seinen Job. Viele Banken entlassen jedes Jahr 10 bis 15 Prozent der Mitarbeiter, die am wenigsten verkaufen“, sagt ein Banker. Er ist Anfang 30 und seit zehn Jahren in der Finanzbranche, zur Zeit als leitender Angestellter in einer großen Bank. Er sagt auch: Banker ist nicht gleich Banker. „Das größte Missverständnis über die Finanzbranche? Dass wir alle Millionäre sind. Einer von 10.000, das sind die mit dem großen Geld.“
Mit mehr als 100 Bankern hat der niederländische Anthropologe Luyendijk gesprochen, seit er vor einem Jahr mit seinem Blog begann. Und er hat seine Meinung über die Szene grundlegend geändert. „Ich hatte die Vorstellung, dass die alle gleich sind, alle mehr oder weniger das gleiche tun, und dass sie wissen was sie tun“, sagt er: „Keine dieser Vorstellungen konnte ich aufrecht erhalten.“ „Die Banker“ gibt es aus seiner Sicht nicht.
Verbraucher haben wenig Vertrauen in die Finanzbranche
Aus Sicht der Öffentlichkeit gibt es sie schon. „Die Banker“ waren es, die Subprime-Produkte verkauft und so im Jahr 2008 den Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ausgelöst haben. Sie waren es, deren Institute in der daraus folgenden internationalen Finanzkrise mit Steuergeldern gerettet werden mussten, und die nun im Verdacht stehen, den wichtigen Referenz-Zinssatz Libor manipuliert zu haben, um Handelsgewinne einzustreichen.
Das Vertrauen in die Branche, die einst für Tradition und Seriosität stand, ist geschwunden. Laut dem Vertrauensindex der Gesellschaft für Konsumforschung vertrauten 2011 rund 57 Prozent der Deutschen den Bankern - 15 Prozent weniger als noch im Jahr 2008. Laut dem Edelman Trust Barometer 2012 sind Banken (47 Prozent) und Financial Services (45 Prozent) von allen Branchen diejenigen, in die Verbraucher am wenigsten Vertrauen haben. So schlecht ist das Ansehen der Branche, dass die neuen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, zu ihrem Amtsantritt einen „Kulturwandel“ in ihrem Haus ankündigten.
Mein Bankberater ist anders
Doch wenn die Verbraucher den Banken nicht mehr vertrauen - wem dann? Wohin gehen sie mit ihrem Geld, wen fragen sie um Beratung bei Finanzprodukten? „Ich bin überrascht, dass niemand die Lehre aus der Krise zieht“, sagt Gerd Gigerenzer, Direktor des Max Planck Instituts für Bildungsforschung: „Den großen Banken misstraut man, aber nicht dem eigenen Bankberater vor Ort.“ Auch Birger Priddat, Professor für Politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke ist überzeugt: „Viele Kunden halten noch immer an der Illusion fest, dass der eigene Bankberater sie gut berät, dass er in ihrem Interesse handelt. Aber das kann er gar nicht.“ Eine Umfrage des Mannheimer Ipos-Instituts im Auftrag des Bundesverbands deutscher Banken aus dem Jahr 2011 hat ergeben: Bei 47 Prozent der Befragten hat das Vertrauen in Banken allgemein stark gelitten. Nur 10 Prozent gaben das auch für ihre eigene Bank an.
Die große Alternative zu den Banken scheint es deshalb für Verbraucher auch nicht zu geben. Zwar zeigen historische Analysen, dass Menschen sich auf ihre persönlichen Netzwerke stützen, wenn institutionelle Vertrauensinstanzen wegbrechen. „Demnach müssten sie derzeit bei ihren finanziellen Entscheidungen wieder stärker nach Rat im Familien- und Freundeskreis suchen“, sagt Guido Möllering, Professor für Organisation und Management an der Jacobs University Bremen. Wie wichtig die Meinung von Freunden und Familie ist, zeigt eine jüngst veröffentlichte Studie der Wirtschaftsberatung Ernst & Young. Demnach sind sie für 69 Prozent der Bankkunden die wichtigste Entscheidungsgrundlage, wenn sie sich über ein neues Bankprodukt informieren. 58 Prozent nutzen Vergleichsportale im Internet, 49 Prozent verfolgen Medienberichte. Die Banken selbst werden dagegen nur von 44 Prozent als bevorzugte Informationsquelle genannt. Das große Bedürfnis nach Sicherheit spüren auch die Verbraucherzentralen. „Viele Kunden hinterfragen die Angebote, die ihnen von der Bank gemacht werden, und kommen damit zu uns“, sagt Annabel Oelmann, Leiterin der Gruppe Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale NRW.
Honorarberater sind den meisten zu teuer
Doch das Alternativmodell, das Verbraucherschützer immer präsentieren - die Honorarberatung - schaffte bislang nicht den großen Durchbruch. Normale Kundenberater bei Banken und Sparkassen erhalten für die Produkte, die sie verkaufen, eine Provision. Verbraucherschützer kritisieren, dass es für den Berater den starken Anreiz gibt, nicht die Anlage zu empfehlen, die für den Kunden am besten ist - sondern die, die ihm die höchste Provision einbringt. Honorarberater hingegen bekommen ein festes Honorar für die Beratung, unabhängig davon, welches Produkt sie vermitteln.
Bei Verbrauchern ist es aber offenbar eine Hürde, allein für die Beratung ein Honorar zu bezahlen. Nach einer Befragung der European Business School ist die Skepsis gegenüber der Honorarberatung vor allem in hohen Stundenhonoraren begründet. Mehr als 70 Prozent der 1400 befragten Bankberater gaben an, dass die Schmerzgrenze ihrer Kunden bei einem Stundensatz von 100 Euro liege - zu wenig für die Berater. Lediglich 4 Prozent der Befragten gaben an, eine reine Honorarberatung anzubieten.
Neue Vertrauensrhetorik, nichts dahinter
Auch nachhaltig orientierte Banken profitieren zwar vom Misstrauen in Großbanken. So konnte die größte Ethikbank in Deutschland, die GLS Bank, alleine im vergangenen Jahr einen Kundenzuwachs von 27 Prozent verzeichnen. Sie investiert die Einlagen ihrer Kunden in soziale und ökologische Projekte. Mit nun 128.000 Kunden und einer Bilanzsumme von 2,4 Milliarden Euro ist sie, wie alle Ethikbanken, aber immer noch ein Nischenanbieter.
Dass Verbraucher auch nach der Finanzkrise nicht nach Alternativen suchen, nutzen die Banken aus, hat Priddat von der Uni Witten/Herdecke beobachtet: „Die Großbanken bauen ihre Vertrauensrhetorik aus. Konzeptionell hat sich aber nichts geändert.“ Nach der Meinung von Blogger Luyendijk, der mit seinem Blog die Innensicht der Branche kennengelernt hat, gibt es die Banker, die eine stabilere und fairere Industrie wollen. Aber weil sie jederzeit gefeuert werden könnten, sei es für sie sehr schwer, sich durchzusetzen. Luyendijk: „Von alleine wird der Sektor sich nicht reformieren.“
Illusion und Glaube
udo fischer (udo44)
- 01.09.2012, 12:19 Uhr
Schon komisch, kein Mensch käme auf die Idee zum Autohändler
zu gehen und
Roland Wagner (Eurofighter77)
- 01.09.2012, 05:12 Uhr
Überraschen kann das nicht....
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 01.09.2012, 03:00 Uhr
Neue Religion, altes Heilmittel: Tanz um Mammon und goldenes Kalb
braucht Aufklärungsgeist und Mut
Gerhard Schmidt (gsdsb)
- 31.08.2012, 21:03 Uhr
Persönliche Betreuung
Erich Arnold (olderich)
- 31.08.2012, 20:37 Uhr