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Serie: „Anders Arbeiten“ : „Großraum hat ausgedient“

Wie soll man sich hier konzentrieren? Bild: Matthias Lüdecke

Der Arbeitsforscher Udo-Ernst Haner über die lähmende Monotonie in Großraumbüros, Kollegen mit viel Gesprächsbedarf und die Vorzüge eine Tischkickers.

          Herr Haner, unter welchen Bedingungen arbeitet der normale Büromensch am besten?

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Bedingungen müssen auf den Menschen, auf die Arbeitsinhalte und die Organisation zugeschnitten sein. Viele Büros bilden noch eine veraltete Arbeitsweise ab, die geprägt ist von Arbeitsteilung in Reinform.

          Was ist daran falsch?

          Lange Zeit hatte man ein sehr tayloristisches Verständnis von Arbeit, in dem genau festgeschrieben war, welcher Arbeitsschritt einem anderen folgt, wer was zu tun hat. Das ist ein Verständnis von Arbeit, in dem man vermeintlich genau weiß, was zu tun ist und zu welchem Ergebnis das führt. Die Arbeit im Büro hat sich aber stark verändert, sie wurde vornehmlich zur Wissensarbeit und basiert viel mehr auf Kreativität. Wenn es darum geht, Neues zu erschaffen, schnell zu sein, sich abzustimmen, dann müssen wir hinterfragen, ob die klassischen Büroformen überhaupt noch passend sind. Man sollte sich dabei aber nicht auf eine Dimension beschränken. Es ist nicht nur damit getan, die Räume umzugestalten oder neue Technologien bereitzustellen. Was brauchen Mitarbeiter, um ihre Arbeit gut zu erledigen, wie kann Zusammenarbeit gelingen? Das sind Fragen der Organisationsentwicklung.

          Was ist denn sinnvoller: Großraum oder Einzelbüros?

          Es gibt generell sehr wenige Situationen, in denen Einzelbüros als ausschließliche Arbeitsumgebung sinnvoll sind, und noch weniger, in denen die klassischen Großraumbüros geeignet sind. Letzteres eigentlich gar nicht mehr, es sei denn, man hat ganz spezielle Arbeitsweisen.

          Was ist denn ein klassisches Großraumbüro?

          Das entspricht dem klassischen Bild der amerikanischen Großraumbüros. Nach Definition sind das undifferenzierte Büroflächen mit mehr als 400 Quadratmetern Größe für üblicherweise mehr als 25 Arbeitsplätze. Das heißt, man kann im Wesentlichen von Fassade zu Fassade gucken, und dazwischen ist reine Monotonie. Der Ursprung dieser Büros lag darin, dass dort gleichförmige Arbeit geleistet wurde, die von einer Person überwacht werden musste, um Störungen schnellstmöglich zu beheben. In solchen Büros saßen ganz ursprünglich zum Beispiel reihenweise Frauen an Schreibmaschinen und haben getippt. Eine solche räumliche Anordnung von Arbeitsplätzen kann allenfalls noch in einem Lesesaal in der Bibliothek oder einem Handelssaal sinnvoll sein.

          Und was ist nun so schlimm an Einzelbüros?

          Die sind super, wenn es darum geht, dass eine Person allein höchst konzentriert an einer Aufgabe arbeitet. In dem Moment aber, in dem Kollaboration und Austausch nötig sind, funktioniert das nicht mehr. Wenn wir von Produktivität der Arbeit sprechen, reden wir ja nicht nur über die Produktivität des Einzelnen. Das wäre wieder das Abbild der tayloristischen Arbeitsweise, bei der es darum geht, jeden einzelnen Schritt lokal zu optimieren. Stattdessen müssen wir die Produktivität von Teams und ganzen Organisationen adressieren.

          Udo-Ernst Haner ist Leiter der Arbeitsinnovation beim Fraunhofer Institut.
          Udo-Ernst Haner ist Leiter der Arbeitsinnovation beim Fraunhofer Institut. : Bild: Privat

          In meinem Einzelbüro schaut mindestens ein Dutzend Mal am Tag jemand vorbei, ist das ein Zeichen dafür, dass ich umziehen sollte?

          Offensichtlich gibt es Austauschbedarf, und dafür brauchen Sie Raum. Auf der anderen Seite bekommen Sie auch nicht die Ruhe, um die Teile Ihrer Arbeit in der Konzentration zu leisten, für die dieses Einzelbüro einmal gedacht war. Es wäre sinnvoller, wenn Sie sich für kürzere Zeiträume auf Ihre Arbeit konzentrieren könnten und in den anderen Zeiten für die Kollegen verfügbar sind. Diese Gespräche würden Sie dann vielleicht auch nicht an einem herkömmlichen Arbeitsplatz, sondern bei einer Tasse Kaffee in der Lounge oder in einem Besprechungsraum führen.

          Das bedeutet aber, dass ich während meines Arbeitstages ziemlich herumwandern muss?

          Durch die digitale Arbeitsweise haben wir über unsere kleinen vernetzten Rechner immer Zugriff auf unsere Inhalte und Dokumente. Das heißt, wir können jederzeit entscheiden, welche räumliche Situation für unsere Arbeit am besten geeignet ist. Der Vielfalt sind da keine Grenzen gesetzt. Wenn Sie mit einer kleinen Gruppe von Personen an einem Bericht arbeiten, womöglich sogar unter strenger Geheimhaltung, ist es sinnvoll, wenn Sie mit diesen Personen in einem Raum arbeiten. Auch bei der Projektarbeit gibt es Teams, die temporären Raumbedarf haben. Dort sitzen die Kollegen zusammen und haben die Unterlagen, Prototypen, Muster oder Ähnliches direkt zur Hand. Und selbstverständlich muss sich jeder einmal zurückziehen, um konzentriert zu arbeiten oder ein vertrauliches Telefonat führen zu können. Auch dafür brauche ich Räumlichkeiten, die verfügbar sind, am besten direkt nebenan. Es bringt nichts, in einem Stockwerk die eine Arbeitssituation zu schaffen, in einem weiteren die andere.

          Das klingt aufwendig. Ein Gang voller Einzel- oder Zweierbüros und eine Kaffeeküche ist einfacher. Wird es jetzt kompliziert?

          Die Unternehmen müssen sich mehr und auch strategische Gedanken machen. Früher war es nur entscheidend, genügend Arbeitsplätze in einer Fläche unterzubringen und einen gewissen Kostenrahmen nicht zu sprengen. Heute erkennt man, dass die Arbeitsumgebung die zukünftige Arbeitsweise und Unternehmenskultur unterstützen muss. Das ist nicht komplizierter, sondern räumlich vielfältiger als die herkömmliche Monostruktur. Es bedeutet in vielen Fällen aber auch, dass man den Mitarbeitern mehr Autonomie bezüglich Arbeitsort und Arbeitszeit gewähren muss. Man kann nicht von den Mitarbeitern verlangen, dass sie innovationsorientiert und flexibel arbeiten, und ihnen dann vorschreiben, dass sie von 9 bis 17 Uhr in ihren Büros sitzen und bitteschön genau dann kreativ sein sollen. Bei der Einführung neuer Arbeitsweisen spielen die Führungskräfte eine zentrale Rolle, sie sind Vorbild und Multiplikatoren. Sie bestimmen den Grad der Autonomie, das Maß an Vertrauen und die Art der Unternehmenskultur in der Organisation. Und dass sich Autonomie positiv auf das Wohlbefinden, die Motivation und die Performance der Mitarbeiter auswirkt, haben Studien immer wieder gezeigt.

          Muss es in den neuen Büros denn unbedingt gemütlich zugehen?

          Ich würde eher von Wohlbefinden sprechen. Es geht darum, dass die Arbeitsumgebung ergonomisch richtig und vom Ambiente her attraktiv ist. Es muss nicht jedes einzelne Büro aussehen wie ein Wohnzimmer. Aber es ist schon sinnvoll, in der Gesamtheit auch Räume zu haben, die einen gewissen Loungecharakter haben, wo ein informeller Austausch stattfinden kann.

          Gibt es nicht auch zu viel Kommunikation?

          Natürlich kann es das geben. Wir sehen in manchen Unternehmen eine Meeting-Kultur, die viele Mitarbeiter und Führungskräfte einen Großteil ihrer Arbeitszeit in Besprechungen verbringen lässt. Diese Personen haben dann in der normalen Arbeitszeit kaum noch die Möglichkeit, strategische Aufgaben anzugehen oder einfach nur die sonstigen Arbeiten zu erledigen. Wir müssen schon darauf achten, dass wir die Balance finden. Aber das ist eine übergeordnete Frage der Arbeitsorganisation und der Kommunikationskultur.

          Für die Kommunikationskultur ist ja angeblich auch der Kickertisch wichtig. Braucht es das wirklich?

          Ich halte viel von Arbeitsbereichen, in denen man auf andere Gedanken kommen kann oder sich spielerisch mit etwas auseinandersetzt. Es muss auch Phasen geben, in denen Mitarbeiter Abstand von der eigentlichen Aufgabe gewinnen können. Das kann der Kicker sein, die Möglichkeit, ins Grüne rauszugehen, oder ein Ruheraum. Jedenfalls sollten die Mitarbeiter hierbei mitreden können. Letztlich geht es ja nicht um den Kicker. Der ist nur ein Symbol dafür, dass das Unternehmen die Mitarbeiter wertschätzt.

          Quelle: F.A.S.

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