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Antiquitäten-Ausverkauf : Goldene Zeiten

Musealer Schrank, München um 1810. Vor zehn Jahren war der Schrank 160.000 Euro wert. Heutiger Preis: 100.000 Euro. Bild: Schlapka

Barockkommoden, Biedermeierschränke und Rokokotische sind günstig wie nie. Denn die Jugend von heute richtet sich anders ein. Goldene Zeiten für alle, die jetzt kaufen wollen.

          Mitten im Herzen von Paris, im ersten Arrondissement am Place du Palais Royal gleich neben dem Louvre, findet sich eine merkwürdig verlassene Immobilie. Man könnte fast von Brachland reden: 15.000 Quadratmeter auf drei Etagen in einem ehemaligen Kaufhaus des 19. Jahrhunderts, die heute fast ganz leer stehen. Im „Louvre des Antiquaires“ wandelt man minutenlang an verhüllten Fensterfronten entlang, blickt in leere Flure, steigt mutterseelenallein die Treppen auf und ab – bis man im Untergeschoss auf einen schlafenden Schäferhund und einen Wachmann stößt. Die beiden sollen in dem Antiquitätenzentrum, das noch vor wenigen Jahren 250 Geschäfte beherbergte, die letzten verbliebenen Händler beschützen. Bald taucht einer von ihnen persönlich auf. Es ist ein freundlicher Mittfünfziger. Er gibt bereitwillig über seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten Auskunft, nur seinen Namen will er nicht nennen. „Wissen Sie, wegen der Sicherheit, wir fühlen uns so allein hier unten nicht sehr sicher.“

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nun könnte man diese Tristesse für eine Pariser Besonderheit halten, für eine Eigenwilligkeit des französischen Volkes. Doch so ist es nicht. Fast schon symbolisch steht der Verfall des einst prächtigen „Louvre des Antiquaires“ für den Niedergang eines ehemals stolzen Gewerbes: In ganz Europa kämpfen Antiquitätenhändler um ihr wirtschaftliches Überleben und hadern mit ihren Kunden, die von Biedermeiersekretären und Barockschränken, von Meissener Porzellan und Rokokotischen mit einem Mal nichts mehr wissen wollen.

          Beispielloser Preisverfall

          Nicht nur aus dem Zentrum des weltweiten Antiquitätenhandels, aus Paris, kommen die Klagen, in anderen Ländern sieht es ähnlich aus: In Großbritannien schließt in der einstmals vielbesuchten Londoner Fulham Road ein Antiquitätengeschäft nach dem anderen, in Deutschland sagt Alex Schlapka, einer der renommiertesten Händler für Biedermeiermöbel: „Noch nie haben wir so gelitten wie in den vergangenen Jahren.“

          Antiquitäten – nach der allgemein gebräuchlichen Definition Gegenstände, die mehr als hundert Jahre alt sind – haben jüngst einen beispiellosen Preisverfall erlebt. Eine Braunschweiger Barockkommode einst für 30.000 D-Mark erworben? Bringt heute gerade einmal noch 2000 Euro ein. Ein Rokoko-Aufsatzschrank, Anfang der 1980er Jahre für stolze 126.000 D-Mark gekauft? Lässt sich mit viel Glück jetzt noch für 12.000 Euro an den Mann bringen. Unter deutschen Händlern macht darum seit geraumer Zeit eine Faustformel des Grauens die Runde. Man nehme den einstigen Preis eines Stückes, teile ihn durch zwei und streiche dann die letzte Null weg – schon hat man eine grobe Richtgröße dafür, was in etwa man heute noch für eine Antiquität erwarten kann. Es ist kläglich wenig.

          Ausdruck gesellschaftlichen Wandels

          Dies führt nicht nur bei den Profis zu Frustration, sondern auch bei all jenen, die in jüngster Zeit Schränke und Kommoden, Stühle und Tische im Biedermeier- oder Barockstil von ihren Eltern geerbt haben – und die sich vor allem eine Frage stellen: Wohin mit all dem Zeug? Der naheliegendste Weg – einfach alles verkaufen – führt oftmals zu schwerster Enttäuschung. Was früher ein Vermögen gekostet hat, ist heute kaum noch etwas wert.

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