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Anlagestrategien  Mutig Geld anlegen in Zeiten der Angst

 ·  Seit Jahrzehnten herrschen an Finanzmärkten außerordentliche Bedingungen. Wer Mut zeigt, längerfristig auf eine Normalisierung vertraut und Aktien kauft, hat hervorragende Chancen.

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© Bengt Fosshag Upside down: Bei der gegenwärtigen Situation an den Anleihe- und Aktienmärkten können Anleger schon mal den Kopf verlieren.

Wer als Anleger mit der Masse geht, hat in diesen unruhigen und unsicheren Zeiten vor allem Angst - Angst vor Inflation etwa, vor Währungszerfall, vor höherer Besteuerung oder gar Enteignung. Wer sich als Anleger jedoch gegen die Massenmeinung stellt, sieht in der gegenwärtigen Krise neben Risiken erhebliche Chancen. Anleger, die gegen die herrschende Meinung agieren und gerade in Krisen Gelegenheiten für günstige Käufe wittern, heißen in der amerikanisch geprägten Sprache der Finanzmärkte „contrarians“.

Der berühmteste Vertreter dieser Anlagerichtung ist Warren Buffett, von dem der Satz stammt: „Ich versuche lediglich, ängstlich zu sein, wenn andere gierig sind, und gierig zu sein, wenn andere ängstlich sind.“ Der Reiz des gegensätzlichen Handelns ist aber schon viel länger bekannt, wie der sehr alte Börsenspruch belegt: „Man soll kaufen, wenn die Kanonen donnern.“ André Kostolany drückte es anders aus: „Geld ist wie ein Kaninchen. Es gerät in Angst und Panik, wenn es die kleinste Gefahr wittert. Dabei aber handelt es unüberlegt.“

Anleihemärkte im Ausnahmezustand

Ausführliche und sehr langfristige Untersuchungen der Großbank Bank of America Merrill Lynch über die Entwicklung an den Finanzmärkten über die vergangenen Jahrhunderte belegen, wie außergewöhnlich die gegenwärtige Lage vor allem an den Anleihemärkten im historischen Vergleich ist. Die Analysen der Bank of America gehen zum Beispiel für den niederländischen Anleihemarkt bis in das frühe 16. Jahrhundert zurück.

Andere Untersuchungen zeigen, dass viele Anleger annehmen, die nahe Zukunft werde der Gegenwart ähneln. Sie fürchten, dass die Lage an den Finanzmärkten auch in absehbarer Zukunft außergewöhnlich bleiben wird, eventuell verbunden mit großen Unglücken. Diesen verängstigten Anlegern lässt sich nur ein sinnvoller Rat geben: Sie müssen ihr Vermögen im Rahmen ihrer Möglichkeiten möglichst breit streuen, um sich damit auf eine Vielzahl von Szenarien einzustellen.

Gegen die hasenfüßige Masse stellen

Wer dagegen mutig ist, sich für ein bestimmtes Zukunftsbild entscheidet und sich gegen die hasenfüßige Masse stellen will, könnte statt dessen von der Annahme ausgehen, dass außergewöhnliche Zeiten an den Finanzmärkten nur vorübergehend sind und die Märkte wieder zu alten und vertrauten Bewertungsmustern zurückkehren werden. Grundlage einer solchen Überzeugung könnte die Weisheit des legendären amerikanischen Fondsmanagers John Templeton bilden: „ Die fünf gefährlichsten Wörter der Kapitalanlage lauten: Dieses Mal ist alles anders.“

Falls diese Annahme einer allmählichen Normalisierung der Verhältnisse an den Finanzmärkten zutrifft, folgt daraus: Wer sein Vermögen oder zumindest Teile daraus langfristig frei anlegen kann, hat heute vielleicht die besten Anlagechancen seit Jahrzehnten. Die Finanzkrise und gravierende Schuldenkrise in der Europäischen Währungsunion haben zu Preisentwicklungen an den Weltfinanzmärkten geführt, die erst im historischen Kontext an Bedeutung gewinnen, aber auch interessante Rückschlüsse für den Anleger zulassen.

Europäische Aktien kaufen

Eigentlich müssten Investoren, die einen sehr langfristigen Anlagehorizont haben und sich auf Preiszyklen über Jahrzehnte einstellen, Aktien, und zwar vor allem europäische Aktien, kaufen, gleichzeitig aber Anleihen, Gold und Aktien der Schwellenländer verkaufen.

Gerade die starke Verbreitung der Angst unter den Anlegern gebiert die Aussicht auf hohe Gewinne mit einer alternativen Strategie. In einer von dem Meinungsforschungsinstitut YouGov für das Londoner Bankhaus Schroders durchgeführten Umfrage fürchten 48 Prozent der deutschen Privatanleger derzeit die Folgen der Euro-Krise, 21 Prozent fürchten steigende Steuern, 21 Prozent die Marktunsicherheit, 37 Prozent höhere Inflation, und 27 Prozent fürchten ein andauerndes Niedrigzinsumfeld. Etwa 38 Prozent der Privatanleger wollen Immobilien kaufen, und 33 Prozent wollen geduldig bleiben und an ihren Anlagen festhalten. Ein Viertel der Privatanleger will Produkte mit regelmäßigem Einkommen erwerben. An den Aktienmarkt denken nur wenige - nach Einschätzung der Bank of America Merrill Lynch langfristig eigentlich falsch.

Wenn Renditen von Bundesanleihen wieder steigen, in Aktien investieren

Ein Markteinstieg hat für mutige Anleger derzeit keine Eile. Die Analysten der Bank of America empfehlen zu warten, bis die derzeitige Hausse an den Anleihemärkten der Industrienationen ihr Ende findet und die Renditen wieder zu steigen beginnen. Dann sollten Anleger in den Aktienmarkt einsteigen. Mittlerweile sind die Renditen amerikanischer Staatsanleihen nämlich mit 1,45 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 220 Jahren und die Renditen von Bundesanleihen (von einer kurzen Episode in den zwanziger Jahren abgesehen) so niedrig wie seit 200 Jahren nicht mehr. Die Renditen britischer Staatsanleihen befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 1951. „Anleihen sehen für einen langfristig orientierten gegenläufigen (,contrarian’) Anleger unattraktiv aus“, schlussfolgern die Analysten der Bank of America.

Damit der Markt aber dreht, müssen die Zinsen deutlich steigen, wie dies nach den beiden Weltkriegen der Fall war und im Kampf gegen die Inflation Anfang der achtziger Jahre. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind die deutschen Aktienkurse, in Dollar gerechnet, um 3100 Prozent gestiegen, seit dem Höhepunkt im Dezember 2007 jedoch wieder um 45 Prozent gesunken. Anleiherenditen von Unternehmenspapieren vor allem amerikanischer, aber auch deutscher Gesellschaften, sind indessen so niedrig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Renditen der Unternehmensanleihen in den Industrienationen haben sich dem Rückgang der Renditen von Staatsanleihen angeschlossen.

Preise für Gold und Silber stagnieren

Der Markt besitzt durchaus erste Anzeichen, dass sich die Preisentwicklung hier und da nach dem Platzen der großen Kredit- und Immobilienblase dreht: Die Hauspreise in den Vereinigten Staaten, die seit 1997 im Boom um 85 Prozent gestiegen waren, sind mittlerweile - um die Inflationsrate bereinigt - wieder um 43 Prozent gefallen. Man muss bis in den Zeitraum von 1894 bis 1921 zurückgehen, um einen ähnlichen großen Zyklus von Boom und Krise am amerikanischen Markt zu identifizieren. Mittlerweile stagnieren die Preise erstmals seit dem Jahr 2007 wieder. Möglicherweise haben die Preise einen Boden gefunden.

Am Markt für Gold ist die langjährige Euphorie verflogen. Begünstigt durch die sehr niedrigen Zinsen auf beiden Seiten des Atlantiks war der Preis seit dem Jahr 2001 kräftig gestiegen. Im September 2011 hatte der Preis für eine Feinunze (31 Gramm) mit 1900,20 Dollar einen Höchststand erreicht und Hoffnungen geweckt, die Marke von 2000 Dollar werde in absehbarer Zeit überschritten. Stattdessen pendelt der Preis seit Monaten um 1600 Dollar. Das ist im historischen Vergleich immer noch ein hoher Preis, aber es ist unverkennbar, dass der Markt nach der jahrelangen Hochstimmung in eine Phase der Konsolidierung eingetreten ist. Ähnliches gilt für den Silbermarkt.

Aktien sind wieder im Kommen

Weit von seinem in der Krise erreichten Höchststand von 145 Dollar je Barrel (159 Liter) entfernt befindet sich auch der Preis für amerikanisches Rohöl der Sorte WTI. Er bewegt sich in einem Band zwischen 80 und 90 Dollar je Barrel. An den Devisenmärkten könnte sich ebenfalls eine langfristige Trendwende in ihrer Entstehung befinden. Seit 2001 befand sich der Dollar gegenüber vielen anderen Währungen in einer großen Abwärtsbewegung, die den Greenback im März 2008, auf dem Höhepunkt der Bankenkrise, einen vorläufig tiefsten Stand erreichen ließen. Seitdem hat der Dollar aus technischer Sicht einen Boden gebildet und bietet sich aus dieser Perspektive für sehr langfristig orientierte Investoren als Anlagewährung an.

Klare Haussesignale an den Aktienmärkten sind noch rar, aber die Argumente für diese Anlageklasse sind bei historischer Betrachtung beachtenswert. So lagen in den vergangenen zehn Jahren die Renditen für Anleihen deutlich über ihrem historischen Durchschnitt, die Renditen von Aktien dagegen deutlich unter dem historischen Durchschnitt seit dem Zweiten Weltkrieg. Aktien- und Anleihemärkte sind zudem sehr volatil, allerdings nicht so extrem wie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Europäische Aktien waren gegenüber Bundesanleihen noch nie so günstig

Es gibt indessen einen großen Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen, vor allem deutschen Aktienmarkt: Während die amerikanische Dividendenrendite die Anleiherenditen nicht deutlich überflügelt, ist die europäische Dividendenrendite im März 2012 auf den höchsten Stand gegenüber der Rendite von deutschen Bundesanleihen gestiegen. Oder anders ausgedrückt: Noch nie waren europäische Aktien so billig im Vergleich zu einer Anlage in Bundesanleihen.

Ein Grund für die sehr niedrigen Renditen der Bundesanleihen ist die Kapitalflucht aus Südeuropa, weil der deutsche Anleihemarkt als ein „sicherer Hafen“ wahrgenommen wird. Umgekehrt haben sich viele Anleger von deutschen Aktien getrennt. Das gilt für bedeutende ausländische Adressen und für heimische Großanleger wie etwa Versicherer. Mutige Anleger setzen darauf, dass sich diese Trends auch wieder umkehren.

Bankaktien, Telekomaktien und Versorgeraktien kaufen

Die Erkenntnis über solche Zusammenhänge ist vorhanden, allerdings fehlt es häufig am Mut, sich im Unterschied zu vielen anderen Großanlegern zu exponieren: Die Dividendenrendite europäischer Aktien beläuft sich derzeit auf etwa 4,4 Prozent, liegt also höher als ihr langfristiger Durchschnitt von 3,9 Prozent. Damit ist der europäische Aktienmarkt eindeutig die für langfristige Investoren beste Region für eine Anlage. Dies haben institutionelle Investoren in der Londoner City lange erkannt, die seit Monaten immer wieder betonen, wie günstig europäische Aktien seien, dass sie selbst aber mit Blick auf ihre Mandate ängstlicher Kunden nicht - oder zumindest noch nicht - investieren dürften. Wer mit Vertretern von Großanlegern aus Asien oder Amerika spricht, kennt die dort vorhandenen Vorbehalte gegenüber Kapitalanlagen in Europa.

Wer mit Blick auf einen langfristigen Anlagehorizont mutig sein möchte, müsste Bankaktien, Telekomaktien und Versorgeraktien kaufen und Energieaktien und Baustoffaktien abstoßen. Dies ergibt sich aus dem jeweils starken oder schwachen Anteil der Marktkapitalisierung dieser Branchen an der globalen Marktkapitalisierung der Aktienmärkte.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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