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Ängstliche Anleger Sicherheit geht vor Rendite

Trotz historisch niedriger Zinsen lassen viele Deutsche ihr Geld auf Tagesgeldkonten verkümmern - aus Unsicherheit und Unwissenheit. Das kostet sie bares Geld.

© dpa Die Deutschen haben Angst - vor der Wirtschaftskrise, der Inflation, davor ihr Erspartes zu verlieren. Dabei entgehen ihnen attraktive Renditechancen.

Die Angst vor Inflation ist bei den Deutschen besonders tief verwurzelt. Umso erstaunlicher ist ihr Anlageverhalten. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank steigerten sie ihr privates Geldvermögen dieses Jahr auf den Rekordwert von 4,8 Billionen Euro. Bis Ende August wuchs es um 2,2 Prozent, entsprechend etwa 100 Milliarden Euro. Das Plus zum Vorquartal fiel mit 0,2 Prozent jedoch gering aus. Ein Grund: Besorgte Sparer flüchteten in sicherere Anlageformen und nahmen dafür niedrigere Rendite in Kauf. Besonders beliebt: Tagesgeldkonten, die mit ihren Zinsen noch nicht einmal die Inflation ausgleichen.

Infografik / Geldvermögen privater Haushalte © F.A.Z. Vergrößern Die Verteilung des privaten Geldvermögens im zweiten Quartal 2012: circa 46 Prozent Bargeld und Einlagen, 17,2 Prozent Finanzderivate und 36,7 Prozent Ansprüche aus Beitragszahlungen

Maximilian Weingartner Folgen:

Der Trend „Sicherheit statt Rendite“ dauert an. Mit rund 1,9 Billionen Euro hielten die Deutschen gut 41 Prozent ihres Geldvermögens als Spar-, Sicht-, Termineinlagen und Bargeld. 2011 lag der Anteil des derart sicher angelegten Vermögens etwa genauso hoch. „Privatanleger haben ihr Anlageverhalten, das vom individuellen Risikoprofil geprägt ist, in den letzten Jahren nicht signifikant geändert“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Geschäftskunden bei der Deutschen Bank. Das ist insofern erstaunlich, da die ohnehin schon relativ niedrigen Zinsen solcher Konten seit dem Ausbruch der Staatsschuldenkrise nochmals gesunken sind. Sein Geld auf einem Tagesgeldkonto liegenzulassen bringt momentan etwa 1,8 Prozent, auf einem Festgeldkonto für vier Jahre 3,3 Prozent. Etwa 1,7 Billionen Euro haben die Deutschen bei Lebensversicherungen, Pensionskassen und berufsständischen Versorgungswerken für ihre Altersvorsorge angelegt, die allesamt ebenfalls unter den niedrigen Zinsen leiden.

Deutsche haben die Dax-Rally verpasst

Eine Möglichkeit, dem Dilemma zu entfliehen, wären Aktien. Aber auch weiterhin machen die Deutschen einen großen Bogen darum und haben damit die Dax-Rally verpasst - seit Jahresanfang legte der Index rund 22 Prozent zu. Der Anteil des in Aktien investierten Vermögens blieb mit 4,8 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr jedoch konstant. Nur 229 Milliarden Euro waren Ende August in Aktien investiert. Laut dem Deutschen Fondsverband (BVI) zogen die deutschen Sparer allein im September 620 Millionen Euro aus Aktienfonds ab. Dagegen konnten Produkte, die das Geld der Kunden in festverzinsliche Staats- oder Unternehmensanleihen investieren, mit 1,7 Milliarden Euro schon zum achten Mal in Folge die stärksten Zuflüsse über alle Fondskategorien verzeichnen. Mehr als 20 Milliarden Euro haben die Deutschen in Rentenfonds dieses Jahr netto angelegt.

Erklärungen, warum die Mehrheit der Deutschen dennoch reale Verluste hinnimmt, gibt es mehrere. Die Deutsche Bundesbank schreibt, dass für die „hohe Liquiditätspräferenz“ das historisch niedrige Zinsumfeld und die allgemeine Unsicherheit im Zusammenhang mit der Schuldenkrise in Europa verantwortlich sein dürfte. Der Deutsche Bankenverband glaubt, dass „Sicherheit und schnelle Verfügbarkeit“ für die Leute wichtiger seien als „mögliche Renditechancen“.

Ist die Lebenssituation des Anlegers unsicher, geht er auch finanziell auf Nummer Sicher

Privatbanker sehen das ähnlich. „Das persönliche Verhältnis zum Risiko wird weniger durch externe Krisen bestimmt als eher durch Veränderungen der eigenen Lebenssituation“, sagt Ulrich Stephan von der Deutschen Bank. Stehen also privat eher unsichere Zeiten an, geht man auch finanziell auf Nummer Sicher. Rüdiger von Nitzsch, der als Professor für Betriebswirtschaftslehre an der RWTH Aachen über Entscheidungsfindungen forscht, geht noch einen Schritt weiter und sagt, die Deutschen seien von ihrer kulturellen Prägung her risikoscheu. Die Anleger hierzulande suchten eher nach sicheren Anlagen und sparten im internationalen Vergleich mehr. Daran habe sich auch durch die Krise nichts geändert. „Kaum ist Bewegung in den Markt gekommen, kommen Warnungen vor Risiken und vor einer möglichen Blase. Viele Anleger werden dann unsicher und fragen sich: Sind Immobilien nicht doch schon zu teuer?“, sagt von Nitzsch. Viele Deutschen parkten ihr Geld dann lieber auf einem Tagesgeldkonto. „Und ich sehe bisher keine Anhaltspunkte, dass sich diese Mentalität verändert.“

Ein weiterer Grund für die Risikoscheu könnte die relative Unwissenheit der Deutschen über die Geldanlage sein, die Studien immer wieder belegen, sagt von Nitzsch. Diese könnte sich aber in der Zukunft legen. „Das Informationsverhalten hat sich geändert: In den vergangenen Jahren fragen Anleger Beratung intensiver nach und wollen die Produkte besser verstehen“, sagt Ulrich Stephan. Risikofreudiger sind die Deutschen dadurch aber bisher nicht geworden. Eher misstrauischer.

Quelle: F.A.Z.

 
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