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Trotz Konjunkturhochs : Deutsche sind häufiger überschuldet

Gefangen im Minus: Immer mehr Deutsche verschulden sich. Bild: dpa

Deutschland geht es wirtschaftlich so gut wie schon lange nicht mehr. Dennoch tappen immer mehr Menschen in die Schuldenfalle. Was sind die Hauptauslöser dafür?

          Die Überschuldung der Deutschen nimmt zu – und das trotz der wirtschaftlich guten Lage, geringerer Arbeitslosigkeit und steigender Realeinkommen. Wie immer kommt es zwar auch hier auf den Einzelfall an. Doch es gibt etwa eine Handvoll Gründe, die als Hauptauslöser dafür gelten, dass Menschen in eine Schuldenfalle geraten. Rund 6,9 Millionen Bundesbürger sind derzeit überschuldet. Nicht nur die Wirtschaftauskunftei Creditreform rechnet mit einer weiter wachsenden Zahl an Betroffenen.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine Überschuldung ist im Gegensatz zu normalen Schulden eine echte Notlage, in der die Betroffenen ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können. Nach offizieller Definition der Bundesregierung gilt ein Privathaushalt dann als überschuldet, wenn Einkommen und Vermögen aller Haushaltsmitglieder über einen längeren Zeitraum trotz einer Verminderung des Lebensstandards nicht ausreichen, um fällige Forderungen zu begleichen. Laut einer noch unveröffentlichten Studie des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF), die dieser Zeitung vorliegt, waren dabei hierzulande im Jahr 2016 sechs Gründe – die „Big Six“ – für fast drei Viertel der Fälle von Überschuldung verantwortlich.

          Zu den wichtigsten Auslösern zählen Arbeitslosigkeit

          Zu diesen wichtigsten Auslösern zählen Arbeitslosigkeit oder eine verringerte Arbeit – mit einem Anteil von durchschnittlich rund einem Viertel der weit wichtigste Grund. Die sinkenden Arbeitslosenzahlen kämen nur sehr zögerlich in der Gesamtwirtschaft an, sagen die Fachleute des IFF. Zudem schienen die Überschuldeten vergleichsweise schwieriger einen Arbeitsplatz zu finden. Es folgen Einkommensarmut (11 Prozent), Krankheit sowie Scheidung oder Trennung (jeweils 9,9). Falsches Konsumverhalten (9,6) und gescheiterte Selbständigkeit (8,6) gehören auch zu den Hauptgründen. Sucht, fehlende finanzielle Allgemeinbildung, unwirtschaftliche Haushaltsführung, Straffälligkeit, Geburt eines Kindes, eine gescheiterte Immobilienfinanzierung oder Zahlungsverpflichtungen aus Bürgschaft oder Mithaftung können ebenso ausschlaggebend sein.

          Während zum Beispiel die Bedeutung von Krankheiten in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen habe, sei ein überbordender Konsum oder eine nicht gelungene Selbständigkeit zuletzt etwas weniger häufig zum Auslöser für Überschuldung geworden, heißt es. Nach einem Zwischenhoch im Jahr 2014 von 10,8 Prozent habe zum Beispiel der irrationale Verbrauch nun wieder das Niveau von 2013 erreicht. Bedeutsamer sei dagegen der Anteil der Scheidungen geworden (2015: 9,2 Prozent). Seit 2004 hätte sich ihr Anteil als Auslöser von Überschuldung um mehr als ein Drittel verringert. Dieser Trend sei vorerst vorüber.

          Dem typischen Schuldner fehlen 14.690 Euro

          Mehr als die Hälfte der Überschuldeten hat laut Daten des IFF Schulden von weniger als 20.000 Euro. Der typische Schuldner steht demnach mit 14.690 Euro in der Kreide. Das Positiv daran: Die mittlere Schuldenhöhe ist gefallen. Im Jahr 2009, während der Finanzkrise, habe sie noch 19.000 Euro betragen. Der typische Überschuldete ist zu Beginn der Schuldnerberatung zwischen 25 und 45 Jahre alt, hat keinen Partner (60 Prozent), aber häufig als Alleinerziehender Kinder (15 Prozent). Menschen in diesem Alter seien damit doppelt so häufig unter den Überschuldeten zu finden wie in der Gesamtbevölkerung, heißt es vom IFF.

          Weihnachtsgeschäft : Deutschlands begehrtestes Geschenk

          Um welche Verbindlichkeiten geht vor allem? Bankenschulden machen mit durchschnittlich 23 Prozent den größten Anteil an den Schulden aus. Allerdings nehme dieser seit Jahren ab, heißt es vom IFF. Der Anteil der Schulden bei öffentlich-rechtlichen Gläubigern wachse dagegen seit 2004 kontinuierlich und habe zuletzt gut 15 Prozent betragen. Die Verbindlichkeiten gegenüber Telekommunikationsanbietern hätten zwar einen ähnlichen Verlauf genommen, seien aber mit rund 10 Prozent deutlich weniger wichtig. Der Versandhandel mache seit Anfang des Jahrzehnts rund 11 Prozent an den Schulden aus.

          Hohe Schulden können zur hoher Verbindlichkeit führen

          Nach Daten des IFF ist die typische Bankforderung mit 2500 Euro fünf Mal so hoch wie die nächsthöhere Forderung von Telekomunternehmen mit rund 550 Euro. Inkassounternehmen forderten typischerweise gut 440 Euro und öffentlich-rechtliche Gläubiger 400 Euro. Versandhandel, Unterhaltsberechtigte, Vermieter oder Versorger kämen auf rund 340 Euro. Knapp ein Drittel der Überschuldeten hat weniger als fünf offene Forderungen. Doch 17Prozent haben mehr als 20 Forderungen.

          Das Gefährliche: Die ohnehin hohen Schulden können ganz schnell zu noch höheren Verbindlichkeiten führen. Denn im Lauf der Zeit kommen Zinsen und andere zum Teil beträchtliche Kosten hinzu. Laut IFF verlangen Versicherer, Inkassounternehmen und Rechtsanwälte regelmäßig mehr als 10 Prozent an Kosten auf die ursprüngliche Forderung. Und so erhöhe sich die Hauptforderung – durch Zinsen und Kosten – gegenüber diesen Gläubigern rasch um rund ein Viertel. Telekomanbieter kämen auf einen Aufschlag von 22 Prozent, der Versandhandel, Vermieter oder Versorgern auf etwa ein Fünftel. Die Studie basiert auf anonymisierten Daten von 21 Beratungsstellen in ganz Deutschland und rund 105.000 Fällen.

          Quelle: F.A.Z.

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