Die Finanzmärkte haben sich am Freitag weiter normalisiert. Unmittelbar nach den Londoner Terroranschlägen waren die Aktienkurse insbesondere von Versicherern und Luftfahrtwerten am Donnerstag um bis zu 6 Prozent eingebrochen.
Sie holten einen großen Teil der Verluste noch am selben Tag auf und setzten dies am Freitag fort. Das gleiche gilt für den breiten Markt. Der Dax lag am Freitag nachmittag nur noch knapp 1 Prozent unter dem Niveau, das er vor den Anschlägen erreicht hatte. Die deutliche Besserung der Arbeitsmarktdaten aus den Vereinigten Staaten trug zur Erholung bei.
Parallelen zu Spanien
Analysten erklären die Stabilität mit den vermuteten geringen Auswirkungen auf die Konjunktur. Viel hänge davon ab, ob der Terror das Verhalten der Menschen so ändere, daß die Zentralbanken mit Zinssenkungen reagierten, heißt es bei Goldman Sachs. Nur wenn es bald zu weiteren Anschlägen und verringerten Ausgaben der Konsumenten komme, sei mit nachhaltigen Folgen für die Finanzmärkte zu rechnen.
Die Hypo-Vereinsbank rechnet nicht damit: Die Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten und Spanien ließen vermuten, daß es den Terroristen auch in Großbritannien nicht gelingen werde, die Wirtschaft nennenswert zu beeinträchtigen, schreibt HVB-Chefvolkswirt Jörg Krämer in einem Kommentar. Die Anschläge in London und ihre Auswirkungen ähnelten eher denen in Madrid im März 2004.
Die spanische Wirtschaftsleistung sei damals im Quartal des Anschlags und im folgenden um rund 0,8 Prozent gewachsen. Das trug dazu bei, daß sich die Aktienmärkte zwei Wochen nach den Anschlägen erholt hatten und auch die Anleiherenditen - nach der Flucht in Sicherheit und Qualität - wieder stiegen.
Kursverluste nur in den ersten Tagen
In Amerika wurde die Wirtschaft dagegen nach den Anschlägen im Jahr 2001 härter getroffen. Im dritten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 1,4 Prozent, was vor allem von der Zurückhaltung der Amerikaner bei Reisen verursacht worden sei. Der Rückschlag wurde jedoch rasch überwunden, erinnert Krämer. Schon im vierten Quartal legte die amerikanische Wirtschaft wieder um 1,6 Prozent zu.
Auch Analysten der DZ Bank vergleichen die Londoner Anschläge mit denen von Madrid und erwarten für den deutschen Aktienmarkt keine negativen Folgen. Weil der Donnerstag, der Tag des Anschlags, für viele Aktien schon starke Kursverluste gebracht habe, gebe es nun Einstiegschancen für risikofreudige Anleger.
Geringe materielle Schäden
Der Trend zu steigenden Unternehmensgewinnen sei intakt und die Bewertung des deutschen Aktienmarkts bei einem 2006er Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,5 relativ niedrig. Diese Zuversicht, daß die größten Beeinträchtigungen schon vorüber sind, wird von einer Beobachtung der Investmentbank Morgan Stanley untermauert: Bei den Anschlägen auf New York und Madrid hätten sich die Kursverluste auf die ersten fünf und vor allem auf den ersten Tag konzentriert.
Die relative Gelassenheit der Investoren dürfte auch aus den - trotz der mehr als 50 Todesopfer - vermutlich geringeren Schäden resultieren. Die Stadt New York schätzte die Terrorschäden auf mehr als 80 Milliarden Dollar. Die Investmentbank Merrill Lynch hat die Londoner Schäden dagegen in einer ersten Schätzung am Freitag auf rund 1,5 Milliarden Euro beziffert.
Diese Größenordnung dürfte dazu beigetragen haben, daß sich die Versicherer-Aktien nahezu vollständig erholt haben. Zudem sind viele Schadensversicherer über den britischen Terror-Versicherungsfonds Pool Re gedeckt. Ist seine Kapazität von 2 Milliarden Pfund ausgeschöpft, springt bei Terrorschäden der britische Staat ein.
