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Veröffentlicht: 01.03.2017, 12:23 Uhr

Batterien-Boom Die Welt im Lithium-Rausch

Das Leichtmetall Lithium steckt in Medikamenten, Smartphones und Elektroautos. Die Preise haben sich in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Anleger können an dem Boom verdienen.

von
© Bloomberg Das meiste Lithium wird in großen Salzseen wie dem Salar de Uyuni in Bolivien abgebaut.

Wie die Zukunft aussehen könnte, das verrät ein Blick in die Wüste von Nevada. Dort, in der Gemeinde Sparks unweit der Stadt Reno, entsteht gerade die größte Fabrik, die die Welt je gesehen hat. Sie trägt den protzigen, aber passenden Namen „Gigafactory“. Wenn das Gebäude im nächsten Jahr fertiggestellt ist, wird dort auf einer Produktionsfläche von sage und schreibe 530.000 Quadratmetern nicht viel mehr hergestellt als Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos. Fünf Milliarden Dollar lassen sich der Automobilhersteller Tesla und sein japanischer Partner Panasonic die gigantische Fabrik kosten, weil sie voll und ganz darauf setzen, dass E-Autos in den kommenden Jahren die Welt erobern und deshalb Unmengen von Batterien benötigt werden. Dafür muss erst mal viel Lithium her – viel mehr, als bisher gefördert wird.

Thomas Klemm Folgen:

Das silbrig-weiße Leichtmetall, das eine hohe Wärmekapazität und eine geringe Dichte hat und sich deshalb für kompakte und langlebige Batterien bestens eignet, ist mittlerweile der begehrteste Rohstoff auf dem Weltmarkt. Von den einen wird Lithium, das in Minen abgebaut oder aus Salzlaugen gewonnen wird, als das „neue Öl“ bezeichnet, andere nennen es das „neue Gold“. Fest steht, dass sich die gesamte Branche ebenso wie viele Anleger in einer wahren Goldgräberstimmung befinden.

Zwar wird Lithium nicht an den Börsen gehandelt, sondern der Preis je Tonne wird zwischen den Fördergesellschaften und der weiterverarbeitenden Industrie festgelegt. Doch wird aus dem Preisindex des Londoner Analysehauses Benchmark Mineral Intelligence ersichtlich, dass der durchschnittliche Preis für Lithium allein im vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen ist und sich seit 2014 mehr als verdoppelt hat.

GALAXY RESOURCES LTD

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Zugleich sind die Aktien der Förderer und Verarbeiter binnen weniger Monate in Rekordhöhen geschnellt; der australische Produzent Galaxy Resources vermeldete einen Kursgewinn von sagenhaften 1800 Prozent binnen zwei Jahren. „Willkommen im Lithium-Ionen-Zeitalter“, überschrieb die Deutsche Bank eine Analyse und sagte ein „beispielloses Wachstum“ voraus.

Infografik / Der Preis für Lithium schießt in die Höhe © F.A.Z. Vergrößern

Noch bis zur Jahrtausendwende brauchte die Welt nicht allzu viel Lithium. Rund 70.000 Tonnen im Jahr genügten, um die Nachfrage von Batteriefabriken, der Glas- und Keramikindustrie und einer Reihe anderer Branchen zu decken. In der Medizin werden Lithiumsalze bei bipolaren Störungen oder schweren Kopfschmerzen verwendet. Seit die Nachfrage nach sogenannten wiederaufladbaren Batterien anzog, wird immer mehr Lithiumcarbonat benötigt: für die Akkus von Smartphones und Laptops, für stationäre Energiespeicher und zunehmend für Elektrofahrzeuge.

Letztere fallen schwer ins Gewicht. Während für eine Handy-Batterie nur knapp drei Gramm Lithium vonnöten sind und für einen Laptop rund dreißig Gramm, enthält der Auto-Akku eines Tesla bis zu 40 Kilogramm. In China werden zunehmend elektrisch angetriebene Busse und Lastwagen produziert, deren Batterien sogar vier- bis fünfmal so viel des Leichtmetalls benötigen wie ein Pkw. „Lithium ist das einzige Metall, auf das sich die Elektromobilität stark auswirken wird“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank.

Überall entstehen neue Batteriefabriken

Weil die gesamte Fahrzeugbranche auf die Elektromobilität setzt, werden überall neue Batteriefabriken gebaut oder geplant, unter anderem von Daimler. Tesla will in der Wüste von Nevada vor allem Batterien für sein Modell 3 produzieren, das bei einem Preis von 35.000 Dollar zum Massenauto werden und damit der Elektromobilität global zum Durchbruch verhelfen soll.

Allein in der Tesla-Fabrik sollen bei voller Auslastung jährlich 500.000 Lithium-Ionen-Batterien entstehen. Alle Batterien einer Jahresproduktion sollen mit einer Kapazität von 35 Millionen Kilowattstunden jährlich entstehen. Dies entspricht der Batterieproduktion im Jahr 2013 auf der ganzen Welt.

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Noch hält sich die Nachfrage nach Elektroautos zwar in Grenzen. Die Wachstumsraten sind enorm, aber auf niedrigem Niveau. Der Marktanteil in Autonationen wie Deutschland und Amerika liegt unter einem Prozent, in China sind es 1,7 Prozent. Sollten sich die optimistischen Prognosen aber bewahrheiten und bis zum Jahr 2040 jeder dritte Neuwagen ein E-Auto sein, wird es bald akut an Lithium mangeln.

Laut dem Analysehaus Morningstar wird die Nachfrage, die 2015 bei 175.000 Tonnen lag, um 16 Prozent jährlich steigen und 2025 bei 775.000 Tonnen liegen. Das würde bedeuten, dass zu jenem Zeitpunkt 100.000 Tonnen fehlen. Von einer „eher mittelfristige Verengung des Angebots“ spricht Commerzbank-Analyst Weinberg.

Kein Mangel an Lithium erwartet

Auf Sicht von mehreren Jahrzehnten jedoch wird an Lithium kein Mangel herrschen. Anders als viele andere Rohstoffe ist das Leichtmetall auf der Erde reichlich vorhanden, verteilt auf nur acht Länder. Die drei wichtigsten von ihnen – Australien, Chile und Argentinien – sind für 85 Prozent der Gesamtförderung verantwortlich. Die auf 41 Millionen Tonnen geschätzten Ressourcen in Gesteinen oder Salzseen würden selbst dann noch 200 Jahre oder länger reichen, wenn sich die Nachfrage wie von Experten angenommen demnächst vervierfachen sollte.

Infografik / Lithium/ Die größten Förderländer von Lithium © F.A.Z. Vergrößern

Um den in absehbarer Zeit stark steigenden Lithium-Bedarf der Autoindustrie zu decken, versuchen die Förderer, so schnell wie möglich neue Lagerstätten zu erschließen. Allerdings dauern Abbau und Verarbeitung ziemlich lange und sind teuer. So hat der australische Produzent Orocobre sieben Jahre gebraucht, bis er endlich in einem großen argentinischen Salzsee Lithium fördern konnte. Für Minen werden inzwischen sogar geradezu astronomische Preise aufgerufen. 78 Millionen Dollar hat sich vor wenigen Wochen eine chinesische Firma ein Lithium-Vorkommen in Westafrika kosten lassen – der australische Verkäufer hatte das Gebiet ein Jahr zuvor für lediglich 40.000 Dollar erworben. Es ist ein wahres Wettrennen um geeignete Lagerstätten entstanden.

OROCOBRE LTD

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Die Lithium-Produktion ist in der Hand von vier Firmen, die für 90 Prozent der Produktion verantwortlich sind: Albemarle und FMC aus den Vereinigten Staaten sowie Sociedad Quimíca y Minera de Chile und Tianqi Lithium aus China bilden ein Oligopol. Folglich gehören deren Aktien zu jenen, die bei Anlegern hoch im Kurs stehen und unlängst Rekordhochs erreichten. Der amerikanische Chemieriese Albemarle ist erst vor drei Jahren ins Lithium-Geschäft eingestiegen und mittlerweile der größte Produzent. Die Lithium-Sparte, die 14 Prozent des Albemarle-Umsatzes ausmacht, ist zuletzt um rund ein Drittel gewachsen, die Ergebnisse des vierten Quartals 2016 werden am Dienstag veröffentlicht.

Experten warnen vor Überhitzung des Marktes

Angesichts des großen Lithium-Vorkommens auf der Welt, der stark steigenden Investitionskosten und des hohen Preises für das Leichtmetall warnen einige Branchenkenner vor einer drohenden Überhitzung des Marktes. Charlie Thomas, Fondsmanager des Jupiter Global Ecology Growth, sieht „Parallelen zwischen dem derzeitigen Aktivismus bei der Batterietechnologie und dem, was wir Ende des vergangenen Jahrzehnts in der Solarbranche erlebt haben“. Der Hype um die Sonnenenergie führte zu erheblichen Überkapazitäten. Die Preise fielen stark, die Firmengewinne schrumpften, viele Anleger verloren Geld.

Infografik / Lithium / In Batterien steckt das meiste Lithium © F.A.Z. Vergrößern

Anleger, die trotz vereinzelter Warnungen vor Übertreibungen von der Zukunft der Elektromobilität überzeugt sind, können vom Lithium-Boom profitieren. Ein Handel mit dem Rohstoff an sich ist für sie zwar nicht möglich, doch über die Aktien von Lithiumproduzenten oder Fonds können sie an der hohen Nachfrage Geld verdienen.

Unter den Förderern, die ganz vom Lithium-Geschäft leben, werden gerne Orocobre und Neometals von Marktbeobachtern herausgehoben. Während Orocobre in Salzvorkommen fördert, baut Neometals in Minen ab. Zu den Profiteuren des Lithium-Booms gehören auch Batteriehersteller wie Panasonic und im besten Falle auch Automobilhersteller. Die Tesla-Aktie hat binnen eines Jahres 50 Prozent gewonnen – allein drei Prozent, nachdem das Unternehmen am vergangenen Mittwoch gute Zahlen fürs vergangene Quartal veröffentlichte. Allerdings müssen Anleger gegebenenfalls das Wechselkursrisiko beachten.

Name Kurs %
NEOMETALS LTD -- --
PANASONIC -- --
TESLA INC. DL -,001 -- --

Für Anleger, denen Einzelaktien zu gewagt sind, gibt es einige Fonds, die in die Wertschöpfungskette der Lithium-Branche investieren. Der Structured Solutions Lithium Index Strategie Fonds der Schweizer Fondsboutique Commodity Capital hat auf Jahressicht 135 Prozent an Wert gewonnen. Der Fonds orientiert sich am S-Box Lithium Index, in dem die 25 größten Lithium-Firmen der Welt vereinigt sind.

StrucSol Lithium Idx Strat F

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