Gerade mal gut einen Monat ist Mario Draghi jetzt als Präsident der Europäischen Zentralbank im Amt. Und schon zweimal hat die Notenbank in dieser kurzen Zeit die Zinsen gesenkt. Vor gut einem Monat, gleichsam als erste Amtshandlung des 64 Jahre alten Italieners, war der Leitzins von 1,50 auf 1,25 Prozent herabgesetzt worden. Am vergangenen Donnerstag wurden die Zinsen dann noch weiter gesenkt - auf den historischen Tiefstand aus der Zeit nach der Lehman-Pleite: ein Prozent.
Aber Draghi ist nicht der einzige Zentralbanker, der Zinsen senkt. Die zweifache Herabsetzung ist zumindest kein zwingender Beweis dafür, dass der Italiener eine „Taube“ ist, wie die Freunde niedriger Zinsen und einer lockeren Geldpolitik unter Notenbankern genannt werden. Vielmehr reagieren überall auf der Welt Notenbanken auf die Staatsschuldenkrise und den sich verdüsternden Konjunkturhimmel - und senken ihre Leitzinsen, wenn auch von höchst unterschiedlichem Niveau aus.
So hat das dynamische Schwellenland Brasilien gerade seinen Leitzins von 12,5 auf 12 Prozent gesenkt. Trotzdem sind die Südamerikaner immer noch weit von europäischen Verhältnissen entfernt. Australien hat seinen Zins von 4,5 auf 4,25 Prozent herabgesetzt - auch das ist schon die zweite Lockerung innerhalb kurzer Zeit. Und Indonesien ging im November von 6,5 auf 6 Prozent herunter.
Anders haben es die Notenbanken von Großbritannien und den Vereinigten Staaten gemacht, die das Zinsniveau aus der Finanzkrisenzeit erst gar nicht verlassen haben. In England liegt der Leitzins seit längerem bei 0,5 Prozent, in Amerika bei 0 bis 0,5 Prozent.
Zumindest kurzfristig werden die Zinsen auch nicht wieder steigen - da sind sich die meisten Experten einig. "Ich gehe davon aus, dass in Europa und Amerika die Leitzinsen auf Sicht von zwei Jahren relativ niedrig bleiben. Weit sinken können sie ja nicht mehr", sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland der Bank Unicredit. "In den Schwellenländern hingegen gibt es noch Spielraum für Zinssenkungen, um die nachlassende Konjunktur anzukurbeln."
Man könnte meinen, mit den niedrigeren Leitzinsen würden hierzulande auch die Sätze für Hypotheken sinken (worüber sich die Kreditnehmer freuen würden), und die Zinsen für Tagesgeld würden auch zurückgehen (worüber sich die Sparer ärgern würden).
Tatsächlich aber hängen die Bankzinsen auch von anderen Faktoren ab - etwa dem Wettbewerb unter den Banken und den Inflationserwartungen. Nach Angaben von Max Herbst von der FMH-Finanzberatung, der die Konditionen der wichtigsten Banken vergleicht, sind die Tagesgeldzinsen derzeit im Vergleich zum Leitzins hoch. Sogar der durchschnittliche Zins auf Tagesgeldkonten liegt bei 1,78 Prozent. Einige Anbieter liegen deutlich darüber. Dahinter dürfte stecken, dass viele Banken dringend Einlagen brauchen und neue Kunden gewinnen wollen.
Zugleich sind die Hypothekenzinsen, die seit längerem niedrig liegen, mit den Leitzinssenkungen nicht mehr gesunken. Offenbar werden die Banken ihre Hypothekendarlehen auch so los - weil viele Menschen aus Angst vor Inflation Immobilien erwerben wollen. Für Baugeld zu festen Konditionen auf zehn Jahre zahlt man laut FMH im Schnitt 3,27 Prozent.
Mit anderen Worten, die nächste Blase wird schon aufgepumpt...
Hans Meier (HansMeier555)
- 12.12.2011, 06:55 Uhr
Staatsfinanzierung entmachtet Geldwertpolitik
Max Clemenson (Clemenson)
- 11.12.2011, 21:23 Uhr
Enteignung der Sparer
Peter Pen (Make_Love_Not_War)
- 11.12.2011, 19:44 Uhr
