28.02.2007 · Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie vernetzt die Weltwirtschaft durch die jüngste Globalisierungswelle geworden ist, dann haben ihn die Finanzmärkte jetzt geliefert. Ein Kurseinbruch in China zieht Kreise.
Von Folker DriesDer Aktienmarkt ist vorerst keine Einbahnstraße mehr. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie vernetzt die Weltwirtschaft durch die jüngste Globalisierungswelle geworden ist, dann haben ihn die Finanzmärkte jetzt geliefert. Ein Kurseinbruch um nur neun Prozent an den beiden chinesischen Festlandbörsen reichte aus, um die Aktienkurse rund um den Globus zu korrigieren. Noch vor wenigen Jahren nahm man größere Kursbewegungen in China hierzulande achselzuckend zur Kenntnis. Seither hat sich das Gesicht der Weltwirtschaft dramatisch verändert. Die aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas haben der Welt den größten Wachstumsschub seit drei Jahrzehnten beschert.
China steht symbolhaft für diesen Boom. Es ist unter den neuen Riesen aus dem Osten das einzige Land, das schon in die Phalanx der größten Industrie- und Handelsnationen der Welt aufgerückt ist. Vier Jahre in Folge wuchs China um real gut zehn Prozent. Möglicherweise schon im kommenden Jahr wird es Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft ablösen. Wer noch ein bisschen weiter in die Zukunft schaut, sieht auch Indien, Russland und Brasilien auf Plätze vorrücken, die bisher den großen Volkswirtschaften Westeuropas vorbehalten waren.
Aktienhausse zu einem großen Teil „Made in China“
Dieses Szenario hat den Aktienmärkten zuletzt sehr viel Phantasie eingehaucht. Es waren nicht nur die Schwellenmärkte selbst, in die das Anlagekapital floss. Auch oder gerade ein Aktienmarkt wie der der Exportnation Deutschland ist ein großer Nutznießer dieser neuen Balance in der Weltwirtschaft. Zugespitzt formuliert ist die Aktienhausse der vergangenen vier Jahre zu einem großen Teil "Made in China". Einem Käufer deutscher Aktien kann es somit nicht mehr gleichgültig sein, welche Signale aus den neuen Wachstumszentren der Welt kommen.
Das Signal, das in dieser Woche aus Schanghai kam, war noch kein rotes, sondern ein gelbes. Nur vordergründig ging es darum, ob die Regierung in Peking Maßnahmen ergreift, um das spekulative Fieber unter den vielen chinesischen Aktien-Novizen abzukühlen. Tatsächlich geht es um die Frage, ob die Wachstumsstory China weiterhin intakt ist. Wachstumsängste sind der entscheidende Faktor hinter der jüngsten Verkaufswelle an den internationalen Aktienmärkten - und das nicht nur in China. Es geht letztlich darum, wie weit der Aufschwung der Weltwirtschaft noch trägt. Unmittelbar damit ist die Frage verbunden, ob die Unternehmensgewinne in diesem weit fortgeschrittenen Wachstumszyklus ihr Zenit schon erreicht oder gar überschritten haben.
Das Gros der Ökonomen glaubt, dass das Wachstum 2007 kaum hinter dem des vergangenen Jahres zurückbleiben wird. Dieser Optimismus speist sich in erster Linie aus dem fortgesetzten Aufschwung Asiens, aber auch aus der Wiederbelebung Europas, während für Amerika nur ein unterdurchschnittliches Wachstum von rund zwei Prozent unterstellt wird. Am unsichersten scheint noch der Ausblick für Amerika zu sein, wie in dieser Woche auch der ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan warnte.
Erstmals seit vielen Jahren steigen die Gewinnmargen amerikanischer Unternehmen nicht mehr. Ein zweistelliges Gewinnwachstum, wie es die 500 größten an der Wall Street notierten Unternehmen in vierzehn aufeinanderfolgenden Quartalen lieferten, gehört wohl der Vergangenheit an. Das begrenzt die Kursphantasie, nicht nur in Amerika. Denn wenn das Gewinnwachstum ausbleibt, kommen Kursgewinne nur mehr aus höheren Aktienbewertungen. Und die Bewertungen sind in vielen Industrieländern inzwischen auf einem Niveau angekommen, das man bestenfalls noch als fair bezeichnen kann. In den aufstrebenden Märkten ist selbst das nicht mehr der Fall. Der Vorschusslorbeer, der in China oder auch in Indien verteilt wurde, ist zu großzügig ausgefallen.
Spekulativen Übertreibungen häufen sich
Das liegt ungeachtet aller Wachstumsphantasie auch daran, dass immer noch sehr viel Liquidität in den Märkten unterwegs ist. Schuld daran sind zum einem die Zentralbanken, die weiterhin billiges Geld verteilen. Das erleichtert nicht nur den Hedge-Fonds ihr Treiben, sondern auch den großen Beteiligungsgesellschaften, deren Geschäftsmodell vor allem auf dem Einsatz günstigen Fremdkapitals beruht. Zum anderen hat die mehrjährige Rohstoff- und Ölhausse viel Kapital aus dem Nahen und Mittleren Osten in den Aktienmarkt fließen lassen. Unter dem Strich trifft zu viel Anlagekapital auf zu wenige Anlagemöglichkeiten.
Die spekulativen Übertreibungen häufen sich deshalb. Dennoch verbieten sich Parallelen zur Hochkonjunktur der New Economy in den späten neunziger Jahren. Damals hatten sich die Aktienmärkte von dem fundamentalen wirtschaftlichen Umfeld abgekoppelt. Davon kann heute keine Rede sein. Seinerzeit wurden zu oft imaginäre Gewinne gehandelt, während in der jüngsten Hausse Luftbuchungen die Ausnahme geblieben sind. Die Gewinnentwicklung hat gerade hierzulande mit den Kursgewinnen Schritt gehalten.
Es wäre daher voreilig, ja fahrlässig, eine deutliche Korrektur oder einen Crash heraufzubeschwören. Aber es ist auch zu kurz gegriffen, nur von einem reinigenden Gewitter zu reden, das nach vier Jahren Hausse "einfach absehbar" war, ja "zwangsläufig kommen musste", wie viele Fachleute im Nachhinein wissen wollen. Aktien sind vorerst keine Selbstläufer mehr. 2007 wird vielmehr ein Jahr, in dem die Kurse wieder stärkeren Schwankungen ausgesetzt sein werden - je nachdem, wie sich der Konjunkturausblick verändert. In solch einer Phase tun Anleger gut daran, ihr Portfolio daraufhin abzuklopfen, wie nachhaltig die Gewinnentwicklung ihrer Unternehmen ist. Die Zeiten, in denen mit steigender Flut alle Schiffe in die Höhe gehen, sind erst einmal vorbei.
Aktienhausse „Made in China”
Michael Senger (cryoman)
- 01.03.2007, 04:10 Uhr
Aktienhausse
kai mützel (Lorduniverse2)
- 01.03.2007, 09:44 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |