REUTLINGEN, 30. August. Die aktuelle Diskussion über die gesunkenen Erträge der deutschen Lebensversicherungen ist ein Musterbeispiel, wie verzerrt Probleme in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Zuerst schien die Sonne. Dann tauchten Wolken am Himmel auf, doch die Mahnungen, daß ein Unwetter aufzieht, wurden in den Wind geschlagen. Jetzt gießt es wie aus Kübeln, und der Verdruß ist groß. Die Leute klagen, nicht rechtzeitig gewarnt oder sogar an der Nase herumgeführt worden zu sein. Da ist die Rede von gebrochenen Versprechen und unerfüllten Garantien, doch der Hinweis der Gesellschaften, daß die Beispielrechnungen stets unverbindlich waren, findet kaum Gehör. Mit den gegenseitigen Schuldzuweisungen ist freilich weder den Anlegern noch den Versicherungen gedient. Viel wichtiger ist nüchterner Rat. Hier gibt es keine Patentrezepte, weil jeder Fall anders ist, doch die Lösungen lassen sich in drei Gruppen skizzieren. Die erste Gruppe, die von den sinkenden Marktzinsen betroffen ist, bilden junge Menschen, die vor der Frage stehen, wie sie Risiken absichern und Vermögen aufbauen sollen. Hier ist die Einsicht hilfreich, daß Kapitalpolicen "unglückliche" Zwitter aus Risikoschutz und Geldanlage sind. Besser ist die Trennung der Verträge. In jungen Jahren kommt es zunächst darauf an, Risiken wie Haftpflicht, Krankheit und Erwerbsunfähigkeit abzusichern. Hier sind einzelne Verträge die beste Lösung, um jedes Risiko optimal abzusichern. Bei der Geldanlage wird alles von der Frage abhängen, was die Anleger in den kommenden Jahren vorhaben. Noch wichtiger als der Traum von Auto, Eigenheim oder Weltreise ist aber der nüchterne Blick für die Gefahren des Alltags. Arbeitslosigkeit ist zu einer Seuche geworden, die nicht nur alte, sondern auch junge Menschen heimsucht, und in dieser Situation sind Kapitalversicherungen nur Ballast. Vorteilhafter ist die Disziplin, vom ersten Einkommen einen Teil des Geldes auf die Seite zu legen, um Notzeiten wie Arbeitslosigkeit ohne Blessuren zu überstehen, und diese Rücklagen werden am besten mit Hilfe sicherer Rentenfonds aufgebaut. Wer danach auf Familie und Eigenheim setzt, wird Risikolebensversicherungen, Bausparverträge und Rentenfonds wählen; wer lieber zur Miete wohnen und langfristig fürs Alter vorsorgen will, für den werden Rentenversicherungen und Aktienfonds die erste Wahl sein. Bei den Kapitalversicherungen sollten die Anleger aber auf dem Teppich bleiben und auf Dauer mit Renditen von höchstens 5 bis 6 Prozent rechnen, weil die Rentenmärkte im Moment nicht mehr hergeben. Zur zweiten Gruppe, die von den sinkenden Überschüssen betroffen ist, gehören Menschen im fortgeschrittenen Alter, welche die Auszahlung ihrer Lebensversicherung in fünf bis zehn Jahren erwarten. Hier herrscht schon seit Monaten große Angst, daß die Altersversorgung durch die Reform der gesetzlichen Rentenversicherung und die Talfahrt der Börsenkurse geschmälert wird. Jetzt sorgt der Rückgang der Gewinne der Lebensversicherungen für zusätzliche Unruhe. Die niedrigen Zinsen der Rentenmärkte werden die Ablaufleistungen wahrscheinlich schmälern, doch zu Panik besteht kein Anlaß, weil die Investoren in der Regel keine Alternative haben. Der entscheidende Punkt ist die "Verfallsrendite", die sich aus dem heutigen Rückkaufswert, den künftigen Prämien und den voraussichtlichen Ablaufleistungen berechnen läßt. Wenn der aktuelle Rückkaufswert zum Beispiel bei 100 000 Euro liegt, in Zukunft noch 120 monatliche Prämien von jeweils 200 Euro zu bezahlen sind und in zehn Jahren eine Ablaufleistung von 200 000 Euro erwartet wird, beträgt die Rendite der Police ungefähr 5,35 Prozent. Das sind unerfreuliche Nachrichten, weil vor Jahren mindestens 6 bis 7 Prozent in Aussicht gestellt worden sind. Doch angesichts der Tatsache, daß die 5,35 Prozent steuerfrei sind, werden die Anleger wohl keine Alternativen finden. Der Umstieg in einen Rentenfonds wird dem Anleger nur Nachteile bringen, weil die Zinsen für zehnjährige Anleihen bei etwa 5 Prozent liegen und in voller Höhe steuerpflichtig sind. Daher werden bei einem Steuersatz von 40 Prozent lediglich 3 Prozent übrigbleiben, so daß die Ablaufleistung dieser Lösung um 38 000 Euro niedriger als bei der Versicherung ausfallen würde. Noch heikler ist der Wechsel zu Immobilien oder zu Aktien. Es ist zwar denkbar, daß die Renditen in beiden Anlagen höher als 5,35 Prozent sind, doch dafür muß der Investor Risiken in Kauf nehmen. Der Kauf einer vermieteten Wohnung in ordentlicher Lage wird mindestens 200 000 Euro kosten, so daß ein Darlehen von 100 000 Euro aufgenommen werden muß. Die Zinsen des Kredites können während der kommenden Jahre festgeschrieben werden, doch die Höhe des Verkaufspreises in zehn Jahren steht in den Sternen. Genauso unsicher ist die Entwicklung der Aktien. Es ist möglich, daß die künftigen Dividenden und Kursgewinne wieder zu Renditen führen, die weit über 5 Prozent liegen, aber der Schuß kann auch nach hinten losgehen. Vor diesem Hintergrund wird die Lebensversicherung vor allem für Menschen, die Wert auf Sicherheit legen, die beste Lösung bleiben. Gleichwohl sollten die Anleger nicht die Hände in den Schoß legen. Vielmehr sollten sie sich schon heute über die voraussichtliche Ablaufleistung informieren. Wenn der Geldbetrag nicht ausreicht, um die gesteckten Ziele zu erreichen, darf auf keinen Fall an der Police herumgebastelt werden. Die Erhöhung der Prämie würde zu einer Novation führen, wie die Fachleute sagen: Der Vertrag beginnt wieder von vorne, so daß mindestens zwölf Jahre vergehen müssen, um die Erträge der Versicherung steuerfrei zu kassieren. Das ist aber eine lange Zeit, so daß es günstiger ist, die Kapitallücke mit Hilfe eines Banksparplans aufzufüllen. Die dritte Gruppe besteht aus Senioren, die einen Teil ihres Vermögens an Versicherungen überwiesen haben und dafür im Gegenzug eine Rente erhalten. Die Verrentung des Kapitals erfreut sich vor allem bei Selbständigen, die vom Staat keine oder nur geringe Pensionen erhalten, sehr großer Beliebtheit, weil auf diese Weise regelmäßig Geld aufs Konto kommt und die steuerliche Belastung der Erträge niedrig ist. Es gibt aber auch bei den privaten Rentenversicherungen lange Gesichter, weil viele Unternehmen ihren "verehrten" Kunden mitteilen mußten, daß die Überschüsse nicht mehr zu halten sind, so daß die Renten in Zukunft gekürzt werden müssen. Auch hier gilt die Regel: Die Kündigung des Vertrages und die Umschichtung des Kapitals in Rentenfonds ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die schlechtere Lösung. Wenn ein 70 Jahre alter Anleger zum Beispiel vor fünf Jahren einmalig 250 000 Euro in eine Rentenversicherung eingezahlt hat, kann der Investor bei einem Zinssatz von 5,5 Prozent damit rechnen, daß die aktuelle Monatsrente von 1700 Euro noch 15 Jahre bezahlt wird. Das führt bei einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 50 000 Euro zu einer Rendite von 4,3 Prozent nach Steuern, weil die Renten nur mit dem Ertragsanteil besteuert werden. Sofern der Vertrag gekündigt und das Guthaben in internationale Rentenfonds umgeschichtet wird, die 6,5 Prozent im Jahr abwerfen, wird die Rendite ungefähr 4,2 Prozent betragen. Es scheint also Jacke wie Hose zu sein, wie der Pensionär das Geld verrentet. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, weil der Rückkaufswert der Rentenversicherung mit Sicherheit so niedrig ist, daß nur wenig Geld umgeschichtet werden kann. Das wird zu einer Rente führen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unter dem alten Bezug liegt, so daß die Umschichtung von den Zahlen her fragwürdig ist. Der Umstieg auf die "freie" Verrentung des Geldes ist nur sinnvoll, wenn der Pensionär seine Lebensplanung geändert hat und das Restkapital für andere Dinge verwenden möchte, aber keine Möglichkeit hat, an fremdes Geld heranzukommen. Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
