Investmentbanker in der Londoner City warnen, dass es Wochen dauern wird, bis sich die Turbulenzen an den internationalen Kreditmärkten gelegt haben und bis sich ihr Geschäft mit Übernahmefinanzierungen wieder etwas erholt. Zahlreiche Finanzierungen von Unternehmensakquisitionen sind auf Eis gelegt oder kommen nicht zustande, wie die Finanzierung des geplanten Gemeinschaftsunternehmens (Joint-Venture) zwischen der britischen Restaurant- und Kneipenkette Mitchells & Butlers und Robert Tchenguiz.
Dies ist der jüngste Fall in einer Kette von Transaktionen, bei denen Finanzierungsverhandlungen aufgeschoben werden, weil Banken wegen der höheren Risikoprämien am Markt nicht mehr bereit sind, so attraktive Finanzierungen anzubieten wie bisher. Zahlreiche Banken sind schon auf Krediten aus Finanzierungen sitzengeblieben, die sie zwar zugesagt, wegen der Zurückhaltung von Investoren jedoch nicht syndizieren oder am Markt nicht weiterverkaufen konnten.
Finanzierung von 208 Milliarden Dollar unterzeichnet
So haben die Banken bei der Übernahmefinanzierung für Alliance Boots durch die Beteiligungsgesellschaft KKR einen erheblichen Teil der Kredite in Höhe von 10 Milliarden Dollar (7,3 Milliarden Euro) zunächst auf die eigenen Bücher nehmen müssen. Am Freitag scheiterte der zweite Versuch, eine Tranche des Kreditpaketes bei Investoren zu plazieren. Ebenso schien am Freitag die Refinanzierung der Übernahmefinanzierung von BAA durch Ferrovial in Schwierigkeiten zu geraten.
Nach einer Aufstellung der Analysegesellschaft Dealogic haben Banken in Europa Finanzierungen in Höhe von 208 Milliarden Dollar unterzeichnet, die noch nicht im Rahmen von Konsortien an andere Banken weitergereicht werden konnten. Ein Großteil entfällt auf Finanzierungen von Übernahmen, die Private-Equity-Gesellschaften betreffen. Allein in diesem Bereich warten in Europa 128 Milliarden Dollar Kredite aus Übernahmefinanzierungen für Beteiligungsgesellschaften auf Syndizierung.
„Werden außerordentlich ruhigen August erleben“
„Die Situation ist an den Kreditmärkten verschärft worden, weil in diesen Wochen zahlreiche Banken gleichzeitig mit sehr umfangreichen Kreditpaketen an den Markt kamen“, sagt ein Investmentbanker aus dem Kreditgeschäft. „So lange sich die Konditionen an den Kreditmärkten verschlechtern, wartet natürlich jeder Investor ab, ob er die Kredittranchen nicht möglicherweise noch billiger bekommt. Damit stockt der Handel.“
„Wir werden jetzt einen außerordentlich ruhigen August in diesem Geschäft erleben. Danach werden am Markt wieder gesündere Kreditkonditionen gelten, und das Geschäft wird weitergehen“, erwartet Johnny Cameron, Chef des Investmentbanking bei der Royal Bank of Scotland (RBS), einer der aktivsten Banken in der Übernahmefinanzierung.
„Im Oktober wieder in ruhigerem Fahrwasser“
„Die Risikoaufschläge sind nach der Korrektur der letzten Wochen jetzt wieder auf dem Niveau von 2006. Marktteilnehmer sollten nicht vergessen, dass im vergangenen Jahr zu diesen Konditionen viele Übernahmefinanzierungen abgeschlossen wurden.“ Cameron erwartet, dass auch für die Transaktion mit Mitchells & Butler demnächst eine Finanzierung zu zufriedenstellenden Konditionen abgeschlossen werden könne. Cameron sagt, dass der Markt für Übernahmefinanzierungen Ende dieses Quartals wieder floriere.
Bob Diamond, der Chef des Investmentbanking von Barclays Capital, betont: „Es wird einige Wochen dauern, aber etwa im Oktober sollte der Markt in ruhigeres Fahrwasser kommen.“ Nach Daten von Dealogic hat Barclays Capital aus 19 Übernahmetransaktionen ein gezeichnetes Kreditvolumen von 16,3 Milliarden Dollar, bei dem die vollständige Syndizierung noch aussteht. Das größte Kreditvolumen, das auf Syndizierung wartet, hält die RBS aus 40 Transaktionen in Höhe von 18 Milliarden Dollar, gefolgt von JP Morgan mit 17,4 Milliarden Dollar. Die Deutsche Bank hat Finanzierungszusagen von 10,3 Milliarden Dollar in den Büchern.
„Wir sind über die Kredite nicht beunruhigt“
Bei Transaktionen, die ausschließlich nur Private-Equity-Gesellschaften betreffen, führt die RBS mit knapp 14 Milliarden Dollar strukturierten Finanzierungszusagen, gefolgt von Barclays Capital und JP Morgan. „Wir sind über die Kredite auf unseren Büchern nicht beunruhigt“, heißt es bei einer der führenden kreditgebenden Investmentbanken. „Es handelt sich um vorrangige Darlehen, und es gibt kein Zweifel daran, dass sie exzellent bedient werden.“
Der Vorstandsvorsitzende der RBS, Sir Fred Goodwin, betont: „Wir zeichnen ohnehin nur Kredite, die wir auf den eigenen Büchern halten können, und so warten wir jetzt ab, bis das Interesse der Investoren wieder zurückkehrt.“ Die Bank geht davon aus, dass sich der Stau der zu plazierenden Kredittranchen im September abzubauen beginnt.
Lockere Kreditpolitik
Die deutschen Banken wollen den Kredithahn nicht zudrehen, vielmehr ihre Konditionen für die Vergabe von Krediten leicht lockern. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Umfrage, die die Deutsche Bundesbank im Juli - also noch vor der akuten Verschärfung der Lage an den Kreditmärkten - durchgeführt hat. Dem „Bank Lending Survey“ zufolge gehen die Banken für das dritte Quartal von einem merklich ansteigenden Kreditbedarf aus, dabei vor allem auch von Seiten kleinerer und mittlerer Unternehmen.
Wie sich der Umfrage entnehmen lässt, haben die Kreditinstitute im zweiten Quartal eine expansive Strategie verfolgt: Sie lockerten die Kreditkonditionen sowohl für Unternehmen als auch für private Haushalte. Gleichzeitig senkten sie auch ihre Margen für durchschnittlich riskante Kredite kräftig, machten sie also billiger. Anlass dafür dürfte der harte Wettbewerb auf dem deutschen Bankenmarkt gewesen sein. (bf.)
