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Kreditmärkte Die Banken vertrauen sich nicht mehr

16.08.2007 ·  Die Furcht, dass sich die Banken derzeit gegenseitig den Geldhahn zudrehen könnten, macht Marktteilnehmer nervös. Die Furcht vor Finanzrisiken bei den Wettbewerbern geht um. Vor allem Kreditderivate sind zu intransparent.

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Steigende Furcht, dass sich die Banken derzeit gegenseitig den Geldhahn zudrehen könnten, hat Marktteilnehmer am Donnerstag mit erhöhter Nervosität reagieren lassen. Nicht etwa Kreditausfälle, sondern die Angst vor drohenden Kreditrisiken bei Wettbewerbern führt derzeit zu extremer Vorsicht bei Bankenvorständen. Sie sind nicht bereit, Wettbewerbern im Interbankenmarkt mehr als einen Tag hinaus Liquidität bereitzustellen.

Die außergewöhnlich starke Zurückhaltung bei der Bereitstellung von Liquidität zwingt Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) und Federal Reserve seit Tagen, mit Liquidität einzuspringen. Analysten von Credit Suisse warnten am Donnerstag sogar: "Die Notenbanken müssten jetzt sofort drastischer reagieren, damit die Zuversicht der Investoren nicht vollends kollabiert und die Banken völlig aufhören, sich gegenseitig Liquidität bereitzustellen."

„Wir können nicht erkennen, welche Kreditrisiken unsere Wettbewerber auf ihren Büchern haben

Banker sind indessen skeptisch: "Wir müssen extrem zurückhaltend sein, weil wir nicht erkennen können, welche Kreditrisiken unsere Wettbewerber auf ihren Büchern haben", sagt ein leitender Bankmanager einer Großbank, der nicht genannt werden will. "Wenn wir früher in einem Konsortium einen Großkredit an einen Industriekonzern vergeben hatten, wussten wir genau, welche Bank welche Risiken auf den Büchern hat. Heute ist der Markt völlig intransparent", sagt ein Bankenchef, dessen Vorstand den anderen Banken am liebsten überhaupt keine Liquidität mehr bereitstellen würde. Gleichzeitig räumt dieser Bankenmanager ein, dass der Liquiditätsengpass am Markt im Ernstfall zur Zahlungsunfähigkeit einer Bank führen könnte.

Der Grund für die Unsicherheit sind komplexe Kreditderivate, in die zahlreiche Fondsgesellschaften, aber auch Banken erheblich investiert haben, um ihre Kreditrisiken zu diversifizieren und eine höhere Rendite einzustreichen. Dabei handelt es sich neben einer Vielzahl von anderen Derivaten um Asset Backed Securities (ABS) und um Collateralized Debt Obligations (CDO). ABS sind über Vermögenswerte besicherte Spezialanleihen. Häufig sind diese Vermögenswerte Hypothekenkredite. CDOs wiederum sind zu einem Paket gebündelte Kreditrisiken. Dabei wird das Paket je nach Risiko in Tranchen gespalten, verbrieft und an verschiedene Investoren weiterverkauft.

"Eigentlich müssten die Marktteilnehmer unterscheiden, um welche Risiken es sich derzeit handelt. Aber im Moment wird aus Angst alles in einen Topf geworfen", heißt es bei Bankenvertretern. Diese Angst erklärt sich daraus, dass schwer zu erfassen ist, welche Risiken zum Beispiel in CDOs verpackt sind. CDOs werden von großen Investmentbanken wie Goldman Sachs, Deutsche Bank, Barclays Capital oder JP Morgan konzipiert und an den Markt weiterverkauft. In der Regel vereinbart der Käufer mit der Investmentbank einen Managementvertrag, nach dem die Investmentbank das Portfolio verwaltet. Die Portfolios werden immer wieder umgeschichtet. Im Managementvertrag wird vereinbart, dass CDOs wiederum in andere CDOs investieren. Diese wiederum investieren in Kreditrisiken, womöglich auch in "Subprime"-Risiken.

Welche Kreditrisiken sind in Derivatpositionen enthalten?

Die investierenden Banken können daher mitunter schlecht erkennen, welche Kreditrisiken in ihren Derivatpositionen enthalten sind. Gleichzeitig können die Banken nicht abschätzen, ob sich die Kreditrisiken auf viele Schultern verteilen oder sich bei Wettbewerbern nicht plötzlich unerkannte "Klumpenrisiken" anhäufen. "Die meisten Kreditderivate sind hervorragende Risiken, zum Beispiel wenn sie mit Forderungen gegenüber mittelständischen deutschen Kreditkunden unterlegt sind. Aber in der jetzigen Krise gelten plötzlich alle Kreditderivate als riskant", sagt ein Banker. "Das ist jetzt eine Sache der Nerven. Man muss so eine Krise durchstehen. Aber manche Vorstände reagieren fast paranoid und wollen sich überstürzt von den Positionen trennen", heißt es bei einer investierten Bank.

Dies ist kaum möglich. "Niemand weiß, was der angemessene Preis für unterschiedliche ABS- oder CDO-Programme ist", beklagt ein Marktteilnehmer. Wenn jedoch ein Preis fehlt, kann das Produkt weder gehandelt werden, noch können Banken ausrechnen, wie hoch ihr Verlust auf die Position ist. Dies verschärft die Unsicherheit am Markt.

Bankenvertreter beklagen, dass viele Kreditderivate derzeit nur von den Emittenten, zum Beispiel von Goldman Sachs und der Deutschen Bank, zurückgenommen würden, und das zu extrem niedrigen Kursen. "Es werden am Markt Abwehrkurse gestellt, oft von nur noch 50, 40 oder gar nur noch 20 Prozent", sagt ein Banker.

Dies sind extreme Kurse, unterstellen sie doch mathematisch, dass sich mehr als die Hälfte der Kreditrisiken als notleidend herausstellen wird. "Das ist natürlich völlig überzogen. Wir haben an den Märkten kaum Kreditausfälle zu beklagen", sagt ein Banker, der glaubt, dass Investmentbanken wie Goldman Sachs, die Deutsche Bank und andere Investmentbanken, die die Kreditderivate derzeit zu Niedrigstpreisen zurücknehmen, künftig enorm hohe Gewinne auf die Positionen einstreichen werden.

Befragt, wie lange die Unsicherheit am Markt anhalten könne, sagt ein Banker: "Das kann Wochen dauern, bis man aufgedröselt hat, wer hier welche Risiken hat." So lange halte die Skepsis am Markt an.

Quelle: F.A.Z., 17.08.2007, Nr. 190 / Seite 21
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