21.10.2007 · Zwanzig Jahre nach dem traumatischen Börsenkrach an der Wall Street blicken die Finanzmärkte einmal wieder auf deftige Turbulenzen. Die Krise an den Kreditmärkten und die amerikanische Konjunkturschwäche lassen die Aktienkurse absacken.
Von Bettina Schulz, LondonZwanzig Jahre nach dem traumatischen Börsenkrach an der Wall Street blicken die Finanzmärkte einmal wieder auf deftige Turbulenzen. Ein „Crash“ wurde den Märkten in diesem Sommer zwar erspart. Aber die Liquiditätskrise am Kredit- und Geldmarkt ist ernster, als von Vertretern der Banken, Aufsichtsbehörden und Notenbanken in der Öffentlichkeit zugegeben wird.
Und die Zitterpartie ist noch nicht überstanden: Am Freitag ergriff eine neue Verkaufswelle den Markt. Sie ließ den Dow Jones Industrial Index bis zum Marktschluss 367 Punkte verlieren - ein Minus von deftigen 2,6 Prozent an einem Tag. Weltweit gaben die Aktienkurse nach. Der Deutsche Aktienindex Dax verlor vor dem größeren Abschwung an der Wall Street 0,5 Prozent und endete bei 7884 Zählern.
Enttäuschende Ergebnisse der amerikanischen Banken
In der vergangenen Woche zeigte sich, dass die Turbulenzen an den Märkten noch nicht eingefangen sind: Die Ergebnisse der großen amerikanischen Banken für das dritte Quartal waren bitter enttäuschend. Gleichzeitig führte der Plan von Citigroup, JP Morgan Chase und Bank of America, einen Milliardenfonds für die Strukturierten Investmentvehikel (Structured Investment Vehicles, SIV) der Branche zu lancieren, nicht zu dem erwarteten Beifall anderer betroffener Banken.
Zu vage war die Ausgestaltung des Planes, und zu lange dauert es mit dem Aufbau des Fonds. Am Freitag kritisierte der ehemalige Vorsitzende der Federal Reserve, Alan Greenspan, dass dieser Fonds mehr Schaden anrichten als helfen könne, weil er einer ehrlichen Marktlösung der Krise im Wege stehe.
Senkung des amerikanischen Leitzins erwartet
Unterdessen trübt sich die Lage am amerikanischen Immobilienmarkt weiter ein. Auch diese Woche dürften Konjunkturdaten in den Vereinigten Staaten die Erwartung an den Finanzmärkten festigen, dass die amerikanische Notenbank Fed auf ihrer nächsten Sitzung am 31. Oktober den Leitzins von 4,75 auf 4,5 Prozent senken wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von England dürften diesem Schritt der Amerikaner vorerst nicht folgen.
Angesichts des sinkenden Renditeaufschlages für Dollar-Anlagen war es daher kein Wunder, dass der Wechselkurs des Dollar gegenüber zahlreichen Währungen weiter auf Talfahrt ging. Der Wechselkurs gab gegenüber dem Euro zwischenzeitlich auf ein Rekordtief von 1,4319 Dollar nach. Auch der Dollar-Index, der aus einem Korb der sechs weltwichtigsten Währungen berechnet wird, sank mit 77,34 Punkten auf ein Rekordtief.
Amerikaner nehmen schwachen Dollar in Kauf
Trotz der Talfahrt der amerikanischen Währung wurde dem schwachen Dollar in der Erklärung der Finanzminister und Notenbankchefs der westlichen Industrieländer („G 7“) am Wochenende in Washington kein größerer Stellenwert eingeräumt. Zwar waren der Dollar und der chinesische Yuan zentrale Themen des G-7-Treffens. Doch wie immer war es auch dieses Mal kaum möglich, die Länder auf eine einheitliche Stoßrichtung festzulegen.
Die Amerikaner fühlen sich zwar gedrängt, einem „starken“ Dollar das Wort zu reden. Sie nehmen andererseits aber einen schwächeren Wechselkurs des Dollar im Zuge der amerikanischen Zinssenkungen in Kauf, weil dies den amerikanischen Export beflügelt - ein in der jetzigen Konjunkturschwäche willkommener Faktor. Die Europäer wiederum sind sich uneins über die Stärke des Euro, die von Frankreich und Italien beklagt wird, in Deutschland jedoch auf deutlich weniger Kritik stößt. Nachdem die G 7 zum Dollar nicht mit einer klaren, starken Botschaft an die Öffentlichkeit trat, wird an den Finanzmärkten damit gerechnet, dass sich die Abschwächung des Dollar vorerst fortsetzen wird.
Alle gegen China
Gemeinsame Front machten die Industrieländer der G 7 indessen gegenüber China. Sie forderten eine stärkere Aufwertung des Yuan. In diesem Jahr hat der Yuan gegenüber dem Dollar lediglich um 3,9 Prozent aufgewertet. Gegenüber dem Euro ist die chinesische Währung sogar im Wert gefallen. Mit Unruhe beobachten die Europäer, wie sich das Handelsbilanzdefizit Europas gegenüber China in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 25 Prozent auf einen Rekord von 59,9 Milliarden Euro ausgeweitet hat. Gegenüber China zieht die G 7 daher eher an einem Strang.
Der niedrige Dollar treibt den Ölpreis, der in Dollar notiert wird, nach oben. In die gleiche Richtung wirkt die drohende Auseinandersetzung zwischen der Türkei und dem Irak über aufständische Kurden auf irakischem Territorium. Das ließ den Preis für Rohöl Ende der Woche über die Marke von 90 Dollar je Barrel (159 Liter) springen. Gleichzeitig kletterte der Goldpreis angesichts des niedrigen Dollars, der geopolitischen Spannungen und wieder aufkeimender Inflationssorgen auf bis zu 771 Dollar je Feinunze - den höchsten Stand seit 28 Jahren.
Erstaunliche Rufe nach immer mehr Regulierung
Vergangene Woche legten die asiatischen Aktienmärkte das erste Mal seit Wochen eine Verschnaufpause ein, weil die Risikofreude der Marktteilnehmer wieder nachgelassen hat, Carry-Trades aufgelöst wurden und die weltweite Kreditkrise, die auch asiatische Banken getroffen hat, wieder in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt ist. Das Paradoxe ist, dass diese große Finanzkrise im Sommer in dem stark regulierten Sektor der Banken ausgelöst wurde.
Die Krise war kein Produkt der zum Beispiel relativ locker regulierten Hedge-Fonds, auf die das Augenmerk vieler Politiker gerichtet ist. Es erstaunte daher, dass auf dem EU-Gipfel Ende vergangener Woche in Lissabon wieder nach mehr Regulierung gerufen wurde, dieses Mal der Rating-Agenturen, der außerbilanziellen Bankrisiken und anderer Ecken der Finanzmärkte.
Denn die eigentliche Frage ist, ob die jüngste Liquiditätskrise nicht sogar eine Folge zu restriktiver und einseitig auf die Kapitalausstattung ausgerichteter Bankregulierung war. Das Bestreben der Banken, ihren Kapitaleinsatz mit Blick auf die Eigenkapitalvorschriften möglichst effizient zu gestalten, hat schließlich zu der Liquiditätskrise beigetragen, denn es spornte die Banken an, außerbilanzielle Positionen einzugehen, die nun mühsam eingefangen, bewertet und abverkauft werden müssen. Deshalb ist fraglich, ob die Antwort auf diese Krise wirklich mehr Regulierung ist.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.757,94 | +0,44% |
| FAZ-INDEX | 1.508,12 | +0,49% |
| TecDAX | 780,92 | +0,91% |
| MDAX | 10.353,00 | +0,97% |
| SDAX | 5.020,82 | −0,06% |
| REX | 421,24 | −0,10% |
| Eurostoxx 50 | 2.493,96 | +0,23% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,55 | +0,36% |
| Dow Jones | 12.781,00 | −0,76% |
| Nasdaq 100 | 2.556,01 | −0,75% |
| S&P500 | 1.343,23 | −0,54% |
| Nikkei225 | 9.260,34 | +2,30% |
| EUR/USD | 1,3014 | −0,35% |
| Rohöl Brent Crude | 118,53 $ | −0,43% |
| Gold | 1.733,00 $ | +0,64% |
| Bund Future | 139,05 € | +0,38% |