Die deutschen Banken werben inzwischen nicht mehr mit Allgemeinplätzen um das Vertrauen ihrer Kunden (“Wenn's um Geld geht...“), sondern locken zunehmend mit scheinbar attraktiven Zinssätzen. Doch viele dieser Angebote sind nur als Köder fürs Schaufenster gedacht. Tatsächlich kann der Zins, den der Kunde für ein Darlehen zu zahlen hat, erheblich vom Superzins aus der Werbung abweichen, wie eine Erhebung der FMH Finanzberatung Max Herbst zeigt.
So ist eine Baufinanzierung oft nur besonders günstig, wenn der Darlehensnehmer selbst in die Immobilie einzieht. Für vermietete Objekte verlangen viele Banken und Versicherer häufig bis zu 0,10 Prozentpunkte mehr. Freiberufler haben schlechtere Karten als Festangestellte. Bei gleichem Risiko zahlen sie bis zu 0,15 Prozentpunkte mehr. Noch schlechter sind Selbständige gestellt, die schon mal einen Aufschlag von 0,25 Prozentpunkten verkraften müssen. Nicht nur Freiberufler und Selbständige bekommen häufig einen abschlägigen Bescheid, auch Senioren sind auffallend oft dabei. Und so geht die Liste weiter: Es wird keine feste Jahresrate (Annuität) vereinbart? Dann gibt es einen Zinsaufschlag von oft 0,30 Prozentpunkten. Recht auf Sondertilgungen? Zinsaufschlag. Ein Gutachten wird benötigt? Zinsaufschlag. Es fallen keine Bereitstellungszinsen an? Zinsaufschlag.
Konditionen können sich verteuern
„Somit kann es passieren, daß ein Anbieter seine Kondition, die er üblicherweise anpreist, um bis zu 0,6 Prozentpunkte verteuert“, sagt Max Herbst, dessen Agentur regelmäßig die Konditionen deutscher Banken und Versicherer erhebt. „Bei einem Kredit über 100.000 Euro führt dies zu einer höheren Restschuld von fast 7000 Euro nach zehn Jahren.“
Eine gängige Praxis in der Baufinanzierung ist es auch, den scheinbar so günstigen Zins auf einen niedrigen Beleihungswert zu beschränken. Dabei kann es steuerlich sinnvoll sein, eine Immobilie zu 90 Prozent zu finanzieren. Dann muß der Kreditnehmer unter Umständen einen halben Prozentpunkt mehr im Vergleich zu einer Beleihungsgrenze von 60 Prozent in Kauf nehmen. Auch lehnen es nach Herbsts Beobachtung manche Anbieter ab, ein KfW-Darlehen abzuwickeln oder eine Eigentumswohnung zu finanzieren, die kleiner als 50 Quadratmeter ist.
Hauptproblem individuelle Kreditprüfung
„Diese Angebote sind nur Werbung“, sagt Hartmut Strube, Jurist bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Entscheidend sei die individuelle Kreditprüfung der Banken, und dort liegen nach Strubes Ansicht die Hauptprobleme. Denn die Banken wenden heute allesamt sogenannte Scoring-Modelle an. Dabei wird den individuellen Daten des Kunden - Kriterien wie Beruf, Einkommen, Alter, Geschlecht, Wohnort, Familienstand - eine statistische Ausfallwahrscheinlichkeit zugeordnet. So bekommt ein junger Rechtsanwalt besonders häufig eine Absage, selbst wenn er gut verdienen sollte - nur weil die Bank wegen der Vielzahl an Anwälten vielleicht die gesamte Berufsgruppe als wenig kreditwürdig einstuft. Auch wer im falschen Viertel wohnt, bekommt oft keinen Vertrag, weil die Nachbarn des Kreditnehmers nicht so zahlungsfreudig sind. Dagegen können die Bankkunden wenig tun. „Die Bankangestellten sagen natürlich nicht, warum sie einen Kreditantrag ablehnen“, sagt Strube.
Gegen die Lockangebote der Banken sind auch die Verbraucherschützer weitgehend machtlos. Häufig werden die attraktiven Konditionen mit einem Sternchen versehen. Im Kleingedruckten werden die tollen Angebote - ganz legal - dann eingeschränkt. „Offenbar billigt die Rechtsprechung diese Sternchen-Hinweise“, meint Strube. Dennoch sind ihm diese Angebote ein Dorn im Auge. Er könne nur empfehlen, die Konditionen aufmerksam zu studieren. Die Darlehensvergabe auf Basis unpersönlicher Scoring-Modelle wird Strube zufolge zunehmen: „In Japan kommt der Kredit schon aus dem Automaten.“
Allerdings können die Abweichungen von den Schaufensterkonditionen auch zugunsten des Kunden ausfallen, wenn dieser geschickt verhandelt, hat Herbst beobachtet. Wer zum Beispiel eine Baufinanzierung mit zehnjähriger Zinsbindung auch innerhalb von zehn Jahren tilgt, kann einen Abschlag von bis zu 0,15 Prozentpunkten herausholen. Einen Zinsabschlag sollte die Bank auch gewähren, wenn der Darlehensbetrag 100.000 Euro übersteigt, wenn die Anfangstilgung bei über einem Prozent jährlich liegt oder wenn der Kredit auf einen Schlag ausbezahlt wird.
