24.11.2008 · An den Finanzmärkten macht sich die Angst vor einer Deflation breit. Doch wie gefährlich sind sinkende Preise für Güter und Dienstleistungen? Die Fachwelt ist uneins: Konsumenten mögen sich freuen, Kreditschuldner nicht.
Von Gerald BraunbergerAn den Finanzmärkten macht sich die Angst vor einer Deflation breit. Deflation beschreibt einen Zustand, in dem das Preisniveau sinkt, also nicht wie in einer Inflation steigt. Unbestreitbar lassen sich seit geraumer Zeit deflationäre Tendenzen an Märkten für Vermögensgüter wie Aktien, Kreditverbriefungen und Immobilien erkennen. Ebenso sind die Preise für viele Rohstoffe regelrecht eingebrochen.
Mittlerweile stellt sich die Frage, ob die Deflation nicht auch die Gütermärkte erreicht. So sind im Oktober in den Vereinigten Staaten die Verbraucherpreise ohne Berücksichtigung von Nahrungsmitteln erstmals seit einem Vierteljahrhundert gesunken. In Europa scheint ein Rückgang des Preisniveaus für Güter und Dienstleistungen nicht unmittelbar bevorzustehen, aber die Wucht, mit der die Finanzmarktkrise die Konjunktur in die Knie zwingt, lässt auf mittlere Sicht nichts mehr ausschließen.
Kein Konsens in der Fachwelt
In der Fachwelt existiert kein Konsens über die Beurteilung einer Deflation. Liberale Ökonomen halten sie für die notwendige Folge vorangegangener inflationärer Exzesse und sehen in ihr keine Gefahr für die Gesamtwirtschaft. Die Mehrheitsmeinung fürchtet dagegen, dass sinkende Preise die Wirtschaft in einer Krise halten können. Sie verweisen auf die trüben Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise sowie die Paralyse, in der sich die japanische Wirtschaft in den neunziger Jahren befand.
Auf den ersten Blick ist schwer zu sehen, wo die Gefahren einer Deflation liegen sollen. Im Gegenteil: Ein sinkendes Preisniveau für Güter und Dienstleisungen bedeutet eine gute Nachricht für alle Konsumenten. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Die sinkenden Preise unterminieren die Unternehmensgewinne und werden Kostensenkungen unter Einschluss von Personalabbau zur Folge haben, vor allem, wenn Senkungen von Nominallöhnen unmöglich sind.
Stellenabbau und Angst vor der Zukunft können die Konsumenten dazu veranlassen, ihr Geld zusammenzuhalten, anstatt es auszugeben. Auch Unternehmen tendieren dazu, in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit Geld zu bunkern, anstatt es für Investitionen zu nutzen. Eine derartige Liquiditätspräferenz lässt sich seit mehreren Monaten beobachten.
Eine Deflation belastet Schuldner
Problematisch ist auch, dass eine Deflation Schuldner belastet, weil sie ihren Kredit mit einem Geld zurückzahlen müssen, das im Laufe der Zeit an Wert gewinnt. Wenn aber gleichzeitig als Folge eines Preisverfalls für Vermögensgüter die Kreditsicherheiten an Wert verlieren, tendieren die Banken dazu, die Kredite fällig zu stellen. So trugen in den vergangenen Wochen umfangreiche Verkäufe von Hedge-Fonds zu der Baisse am Aktienmarkt bei, weil sich die Fonds gezwungen sahen, Kredite zurückzuzahlen.
Eine Deflation hat nicht zwangsweise eine schwere Wirtschaftskrise zur Folge - aber man muss das in der aktuellen Lage, die schon schwierig genug ist, nicht testen.
Ein Patentrezept gegen eine Deflation existiert nicht. Die Notenbanken versuchen, durch starke Zinssenkungen gegenzusteuern, aber der Ausgang dieser Politik ist ungewiss. In Japan senkte die Notenbank in den neunziger Jahren den Leitzins bis auf null, ohne dass irgendetwas geschah. In den Vereinigten Staaten begünstigten die aus Angst vor einer Deflation vorgenommenen Zinssenkungen zu Beginn des Jahrzehnts jene großzügigen Kreditvergaben am Immobilienmarkt, die wesentlich zur aktuellen Finanzmarktkrise beigetragen haben.
Das Bankensystem muss funktionieren
Weil eine Politik billigen Geldes die Wirtschaft nicht auf Vordermann brachte, arbeitete die japanische Regierung zusätzlich mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen, die keinen Aufschwung zur Folge hatten, aber dafür die Staatsverschuldung steigen ließen. Konjunkturprogramme bleiben nicht immer unwirksam, aber sie sind auch kein wirtschaftspolitisches Garantierezept.
Und dennoch lassen sich aus der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre und der Japan-Krise der neunziger Jahre Lehren ziehen. In beiden Fällen unterschätzten die Regierungen die überragende Bedeutung einer funktionierenden Finanzbranche für das Wohlergehen der Gesamtwirtschaft. In den Vereinigten Staaten ließ die Politik nach dem Börsenkrach von 1929 Tausende Banken untergehen und wunderte sich anschließend darüber, dass Produktion und Preise einbrachen. In Japan kam die Wirtschaft erst dann wieder langsam in Fahrt, als die unter einer großen Zahl schlechter Kredite leidenden Finanzkonzerne entlastet wurden und sich die Regierung zu einer Deregulierung der verkrusteten Wirtschaft entschloss.
Der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter hat den Kredit vor einem Jahrhundert als ein konstituierendes Merkmal einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung bezeichnet. Solange sich die Banken nicht in der Lage sehen, Unternehmen zusätzliche Kredite zur Verfügung zu stellen, besitzen Leitzinssenkungen und Konjunkturprogramme bestenfalls unterstützenden Charakter. Die Gesundung des Finanzsystems bleibt die zentrale Vorbedingung, um eine von einer Deflation begleitete tiefe Rezession zu vermeiden.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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