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Knigge Über den Umgang mit Menschen

19.11.2004 ·  Kleidung, Körpersprache, Gestik, Mimik, Manieren, Hände, Sprache und Haut. Faktoren des Erfolgs, so der "Style Guide". Manieren und Sitten haben sich heute nicht geändert: Ein Knigge für die Finanzbranche.

Von Hanno Beck
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Jeder Mensch gilt in der Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht, schrieb Adolph Freiherr Knigge seinen Zeitgenossen ins Stammbuch. Heute, so könnte man glauben, haben viele Menschen ebenjenes Stammbuch unauffindbar verlegt, weswegen es nötig sein mag, selbigen Satz seinen Mitmenschen nebst einer Neuauflage der Verhaltensmaßregeln des seligen Freiherrn abermals ins Bewußtsein zu träufeln.

Nur apostrophiert man es nicht mehr als "Manieren", "Sitten" oder "Anstand". Heutzutage nennt sich so etwas "Style Guide". "Erfolgsfaktor positive Ausstrahlung" lautet die verkaufsfördernde Botschaft des Guide, ganz im Einklang mit dem Freiherrn. Urheber des "Style Guide" ist der Finanzdienstleister Delta Lloyd, der diesen Folianten den Beratern ans manierenentwöhnte Herz legen mag. Zusammen mit der Imageberaterin Bettyna Pöltl hat man mit dem "Style Guide für Finanzberater im Außendienst" dem Geist des Freiherrn ein neues, provisionsträchtiges Leben eingehaucht. Kleidung, Körpersprache, Gestik, Mimik, Manieren, Hände, Sprache und Haut - der formvollendete Berater muß ein Gesamtkunstwerk im besten Kniggeschen Sinne sein.

Gleiche Wellenlänge

"Lächerliche, phantastische, abgeschmackte Gebärden, Manieren, Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten, Unvorsichtigkeiten im Betragen . . ." wußte schon der Freiherr zu monieren. Der "Style Guide" wird da konkreter: "Achten Sie auf Mimik und Gestik, fahren Sie sich nicht ständig durch die Haare, rutschen Sie nicht ständig auf dem Stuhl herum, berühren Sie sich nicht ständig selbst, zeigen Sie nicht mit dem Finger auf den Kunden und fuchteln Sie nicht in der Gegend herum", mahnt die Beraterfibel. Auch die nach außen zu dokumentierende positive Einstellung hat man den Ermahnungen des Freiherrn entlehnt: "Lächeln Sie freundlich", rät der Style Guide, denn eine freundliche Einstellung gebe dem Berater beim Kunden einen Sympathiebonus.

Da liegt man mit dem Freiherrn auf einer Linie: "Zeige so viel Du kannst eine immer gleiche, heitre Stirne", klingt zwar etwas altbackener, trifft aber wohl den Kern der Sache gleichfalls. Auch bei der Kleidung hält man es mit Knigge: "Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand, nicht über und nicht unter Dein Vermögen, nicht bunt, nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar, aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen mußt, da sei Dein Aufwand zugleich echt und schön", ermahnt er in seinem Brevier "Über den Umgang mit Menschen". "Machen Sie nicht jeden Modegag mit, meiden Sie zu viele Muster, zu viele Farben. Bemühen Sie sich um ein harmonisches Erscheinungsbild, kaufen Sie eine geschmackvolle Uhr, dezenten Schmuck", lautet der Finanzberater-Freiherren-Rat im Jahre 2004.

Liebe macht blind

Und daß man sich reinlich kleide, versteht sich von selbst: tägliche Schuhpflege, alle drei Wochen Friseurtermin und saubere Hände als Muß. Ungepflegte Problemhaut und ungepflegte Bärte sind einige der sogenannten "dont's" im "Style Guide" - zu des Freiherrn Zeiten hätte man es wohl als unschicklich tituliert. Daß man sich die sonst gewohnte liebe Pfeife Tabak entsagt, um nicht nach Rauch zu riechen, versteht sich auch noch mehr als 200 Jahre nach dem Tod des Urhebers dieses Ratschlags von selbst - auch unter Finanzvertrieben und Imageberatern.

"Interessiere Dich für andere, wenn Du willst, daß andere sich für Dich interessieren wollen", riet Knigge seinen Lesern, "Seien Sie aufmerksam, hören Sie zu, verbessern und bevormunden Sie nicht", lautet die moderne Finanzberater-Version dieser Verhaltensmaßregel. Doch man greift beim "Style Guide" auch zu handfesteren Ratschlägen: "Besonders junge Frauen sind einem Flirt mit ihrem Versicherungsberater nicht abgeneigt. Hier kann der Berater durch sein angenehmes Äußeres und zuvorkommendes Auftreten punkten", liest der gestylte Berater in seinem Vademecum. Und dann zuschlagen, denn schon der Freiherr wußte, daß Verliebte ". . . selten bei gesunder Vernunft" seien.

Schlüssel zum Beratererfolg

Der Umgang mit Menschen, er ist der Schlüssel zum Beratererfolg, und deswegen würde der Freiherr sicherlich die unter Beratern kursierende "Aua"-Methode - Anhauen, umhauen, abhauen - ablehnen, nicht zuletzt aus Sorge um das eigene Wohl: "Handle weniger andern zu gefallen, als um Deine eigene Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig", rät er für den Umgang mit Menschen und sich selbst. Davon ist im "Style Guide" allerdings nichts zu lesen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2004, Nr. 272 / Seite 21
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