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Veröffentlicht: 27.02.2016, 14:59 Uhr

Mini-Geldinstitut Die Dorfbank und die große Regulierung

Im baden-württembergischen Gammesfeld steht die wohl kleinste Bank der Republik. Es gibt dort weder Computer noch einen Geldautomaten - und beides wurde bislang kaum vermisst. Doch jetzt kommen neue Regulierungsvorschriften.

von Oliver Schmale
© Reuters Finanzplatz Gammesfeld: Peter Breiter in seiner Filiale

Bei der Raiffeisenbank Gammesfeld darf nur Geld anlegen, wer in dem 500-Seelen-Dorf im Nordosten von Baden-Württemberg wohnt. Der kleine Ort im Landkreis Schwäbisch Hall beherbergt Deutschlands wohl kleinste Bank. Obwohl das Mini-Institut mit einer Bilanzsumme von knapp 30 Millionen Euro nur Geld von den Einheimischen verwaltet oder an sie Kredite vergibt, nimmt die Bankenregulierung für sie seit Jahren ebenso zu wie für die großen Häuser der Republik.

 
Die wahrscheinlich kleinste Bank der Bundesrepublik gerät unter Druck.

Aber: „Viele Sachen, die abgefragt werden, betreffen uns nicht“, sagt Bankvorstand Peter Breiter, der seit 2008 die Geschäfte führt. Der 44 Jahre alte Chef muss jede Meldung von Hand ausfüllen, weil sein Institut an kein Rechenzentrum angeschlossen ist. Elektronische Datenverarbeitung gibt es gleichfalls nicht. „Es geht immer mehr ins Detail.“ Besonders in Fahrt kommt Breiter, der Geschäftsführer, Buchhalter und Sekretär in Personalunion ist, wenn er auf das geplante Kreditregister der Europäischen Zentralbank (EZB) angesprochen wird, das im Branchenjargon Anacredit genannt wird.

Keine Bankautomaten und selbstgeschriebene Kontoauszüge

Die EZB plant im Rahmen von Anacredit, in der Eurozone künftig Firmenkredite ab 25.000 Euro zu erfassen. In Deutschland liegt bisher die Untergrenze bei einer Million Euro – das ist die höchste Meldeschwelle in Europa. Laut einem EZB-Entwurf müssen Institute künftig bei Darlehen bis zu 100 Kreditdetails angeben. Im Frühjahr 2018 soll die erste Stufe starten. Zu einem späteren Zeitpunkt – nach dem Jahr 2020 – will die EZB auch Daten über Darlehen an Privatkunden sammeln. Die Notenbank gibt den nationalen Zentralbanken nun jedoch die Möglichkeit, kleine Geldhäuser von diesen Meldepflichten zu befreien. Falls der Anacredit-Beitrag einer Bank weniger als zwei Prozent des Gesamtbeitrags eines Landes ausmache, könne es Ausnahmen geben, erklärte die EZB.

Die Bundesrepublik, in der es rund 2000 Kreditinstitute gibt, könnte davon besonders profitieren. Nach Schätzung der Bundesbank sind Sonderregeln für rund die Hälfte aller Geldhäuser denkbar. Bislang ist in der Amtszeit von Breiter nur ein Kredit ausgefallen. Das habe ihn dann schon stark mitgenommen, sagt der Bankvorstand, dessen Institut insgesamt 11 Millionen Euro an seine Kunden verliehen hat. Das Meldewesen kostet die Raiffeisenbank Gammesfeld jährlich zwischen 8000 bis 10.000 Euro. „Ärgerlich“ nennt Breiter das. Hintergrund ist folgender: Die Kosten fallen an, weil entsprechende Dateiformate umgewandelt werden müssen, um die Informationen an die Deutsche Bundesbank weiterzuleiten.

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In dem Institut ohne Geldautomat scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Breiter schreibt auch jeden Kontoauszug noch selbst. Ende des Jahres gab es noch 1047 Genossenschaftsbanken in Deutschland. Bislang verschwinden nach Verbandsangaben im Schnitt etwas mehr als 20 eigenständige Volksbanken im Jahr in Deutschland, die Zahl könnte aber infolge des erhöhten Kosten- und Regulierungsdrucks deutlich zunehmen. Vorstandssprecher Hans-Peter Weber von der Volks- und Raiffeisenbank Aalen betont: „Regulatorik und Verbraucherschutz sind notwendig. Allerdings wird daraus allmählich des Guten zu viel.“ Neben den zunehmenden Vorgaben von Seiten der EU-Kommission ärgert er sich gleichfalls über die ein oder andere Vorschrift, die der deutsche Gesetzgeber in der Vergangenheit erlassen hatte. Ihm ist, wie anderen Branchenvertretern auch, das Mitarbeiterregister bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ein Dorn im Auge.

„Es gibt keine Anzeichen für eine Fusion.“

„Gemessen an der Zahl der täglichen Beratungen in deutschen Banken, ist die Anzahl der Beschwerden geradezu bescheiden. Das ist der Beleg, dass die Abstempelung eines ganzen Berufsstandes zu ‚Verdächtigen‘ zu weit geht.“ Seit November 2012 sammelt die Bafin die Daten von Anlageberatern in Deutschland. Geldhäuser sollen nachweisen, dass sie in den Bereichen, in denen es um Anlageberatung und den Vertrieb von Finanzprodukten geht, nur ausreichend qualifiziertes Personal einsetzen. Auch Beschwerden von Kunden werden registriert. Die Aufsicht kann im Extremfall Sanktionen bis hin zum Berufsverbot verhängen.

Die genauen Kosten und die Anzahl der Mitarbeiter, die sich mit den seit der Finanzkrise immer weiter verschärfenden Vorgaben befassen, können von der schwäbischen Volks- und Raiffeisenbank nicht genau beziffert werden. Aktuell geben die mehr als 400 Sparkassen in Deutschland im Schnitt mehr als 10 Prozent ihres Ergebnisses vor Steuern für die Regulierung aus, wie der Präsident des Verbandes in Baden-Württemberg, Peter Schneider, sagt. Anders gesagt: Das verfügbare Ergebnis wäre um 10 Prozent höher, wenn sich die verschiedenen Behörden beschränken würden, rechnet er vor.

In Gammesfeld ist Breiter optimistisch, dass es die örtliche Raiffeisenbank auch noch in den nächsten Jahren gibt. „Es gibt keine Anzeichen für eine Fusion.“ Die Genossenschaft mit 332 Mitgliedern ist fest im Ort verwurzelt und will auch weiter ihrer Tradition treu bleiben und als Geldanlage „nur Langweiliges“ anbieten – also nur Sparbuch oder Festgeld. In Existenznöte ist die Bank einst durch einen jahrelangen Rechtsstreit mit der Bankenaufsicht gekommen. Diese wollte dem Ein-Mann-Betrieb mit Blick auf das Vier-Augen-Prinzip vorschreiben, dass er einen zweiten Geschäftsführer braucht, und entzog 1984 die Betriebserlaubnis. 1990 entschied jedoch das Bundesverwaltungsgericht zugunsten der Bank.

Quelle: F.A.Z.

 

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